Skurril: Dem ansteckenden Hundekrebs auf der Spur - wissenschaft.de
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Skurril: Dem ansteckenden Hundekrebs auf der Spur

Das Sticker-Sarkom kommt weltweit besonders bei streunenden Hunden vor. (Bild: Jan Allen/AMRRIC)

So schrecklich die Erkrankung auch ist – Krebs ist wenigstens nicht ansteckend. Doch diese Regel gilt erstaunlicherweise für das sogenannte Sticker-Sarkom bei Hunden nicht: Dieses Tumorgewebe wird wie ein Parasit von Tier zu Tier übertragen. Nun haben Forscher durch eine genetische Studie Einblicke in die bizarren Merkmale und die Ausbreitungsgeschichte des Sticker-Sarkoms gewonnen. In der Form dieses Krebsgewebes lebt demnach ein Stück des Hundes weiter, bei dem es vor Jahrtausenden erstmals entstanden ist. Für seine weltweite Ausbreitung hat dann vor allem die Seefahrt gesorgt.

Es ist bösartiges, doch normalerweise körpereigenes Gewebe: Krebszellen entstehen durch Mutationen in ihrer DNA, die ihnen problematische Eigenschaften verleihen. Sie beginnen zu wuchern und entgehen dabei der Kontrolle des Immunsystems. So bilden sie schließlich Tumoren und im schlimmsten Fall Metastasen im ganzen Körper, die zum Tod des betroffenen Organismus führen können. Von dieser Regel unterscheidet sich das Sticker-Sarkom in erstaunlicher Weise. Es handelt sich um Tumorgewebe, das sich zwischen Hunden durch den Transfer lebender Krebszellen bei der Paarung ausbreitet. Sie entwickeln sich bei den betroffenen Tieren dann zu Genitaltumoren, die aber meist keine weiteren gesundheitlichen Folgen haben. Diese ungewöhnliche Krebsart kommt heute weltweit in Hundepopulationen vor.

Jahrtausende altes Gewebe eines Hundes

Ein besonders skurriler Aspekt dieser Tumoren ist, dass ihre Zellen nicht von dem jeweils betroffenen Hund stammen, sondern von demjenigen Hund, bei dem der Krebs ursprünglich einmal entstanden ist. Das Gewebe überlebte den Tod dieses Tiers, indem es sich auf andere Hunde ausbreitete. Die einzigen Unterschiede zwischen den Krebszellen der heutigen Trägerhunde und denjenigen des ursprünglichen Tumors sind Veränderungen der DNA, die im Laufe der erstaunlich langen Existenz dieses Gewebes entstanden sind. Dieser bizarren, aber auch interessanten Krebsform hat nun ein internationales Forscherteam eine Studie gewidmet.

Die Wissenschaftler haben dazu die genetischen Merkmale von Sticker-Sarkomen von 546 Hunden aus der ganzen Welt miteinander verglichen. Sie wollten auf diese Weise klären, wie das Tumorgewebe entstanden ist und wie es sich auf der ganzen Welt verbreitet hat. „Dieser Krebs hat sich auf fast allen Kontinenten ausgebreitet und sich währenddessen weiterentwickelt. In den Veränderungen der DNA spiegelt sich wider, wann das Gewebe bestimmte Regionen erreichte – fast wie in einem historischen Reisetagebuch“, erklärt Co-Autor Adrian Baez-Ortega von der University of Cambridge.

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Verbreitung durch die Hunde der Seefahrer

Auf der Grundlage der genetischen Daten erstellten die Wissenschaftler einen sogenannten phylogenetischen Baum der verschiedenen Mutationen in den Tumoren. Wie sie berichten, geht aus diesem Stammbaum hervor, dass der Krebs vor 4000 bis 8500 Jahren bei einem Hund entstanden ist, der höchstwahrscheinlich in Asien oder aber Europa gelebt hat. Die „große Karriere“ des Sticker-Sarkoms begann dann allerdings wohl erst vor etwa 500 Jahren: Zunächst gelangte es demnach mit den europäischen Siedlern von Europa nach Amerika. Von dort aus erreichte die Krankheit dann Afrika und schließlich auch den indischen Subkontinent. Es zeichnet sich klar ab, dass das infektiöse Tumorgewebe von Hunden übertragen wurde, die Menschen auf ihre Seereisen mitgenommen haben, sagen die Forscher.

Neben der Ausbreitungsgeschichte stand auch die besondere Genetik der Tumorzellen im Fokus der Forscher. Wie sie berichten, sind offenbar nur fünf mutierte Gene für die grundlegenden Merkmale des Sticker-Sarkoms verantwortlich. Sie sind in allen untersuchten Proben vorhanden und gehen deshalb wohl auf das ursprüngliche Krebsgewebe zurück. Die genetischen Analysen dokumentierten zudem, wie die Tumorzellen im Laufe ihrer langen Existenz immer mehr Mutationen angesammelt haben. Ein Grund war beispielsweise UV-Strahlung. Es zeichnet sich ab, dass Sticker-Sarkome von Hunden aus Regionen nahe am Äquator besonders viele Mutationen tragen, die durch die starke Sonnenstrahlung verursacht wurden.

Interessante genetische Merkmale

Wie die Forscher berichten, stießen sie auch auf eine sehr ungewöhnliche genetische Besonderheit, die von einem mysteriösen Faktor verursacht wurde. „Es sieht so aus, als ob der Tumor vor Tausenden von Jahren etwas ausgesetzt war, das für einige Zeit Änderungen an seiner DNA verursachte und dann verschwand. Es ist ein Rätsel, was dieser Faktor gewesen sein könnte. Vielleicht war es etwas in der Umgebung, in der der Krebs entstanden ist“, sagt Co-Autorin Elizabeth Murchison.

Eine weitere faszinierende Entdeckung bezieht sich auf die Entwicklung der Tumoren. Wie die Forscher erklären, gibt es zwei Hauptarten der evolutionären Selektion – positive und negative. Bei einer positiven Selektion werden Mutationen, die einem Organismus einen Vorteil verschaffen, über Generationen verstärkt weitergegeben. Bei der negativen Selektion ist es umgekehrt: Mutationen, die schädliche Auswirkungen haben, werden mit geringerer Wahrscheinlichkeit weitergegeben. Wie die Forscher berichten, fanden sie im Erbgut des Tumorgewebes überraschenderweise weder Hinweise auf den einen noch den anderen Mechanismus.

Dies impliziert, dass der Tumor im Laufe der Zeit zunehmend potenziell schädliche Mutationen ansammelt. „Dieses parasitäre Krebsgewebe hat sich über Tausende von Jahren als bemerkenswert erfolgreich erwiesen, sein Zustand scheint sich aber ganz langsam zu verschlechtern. Das lässt vermuten, dass dass Sticker-Sarkom irgendwann einmal verschwindenden wird. Allerdings könnte das noch Zehntausende von Jahren dauern“, sagt Baez-Ortega abschließend.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aau9923

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