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Gesundheit+Medizin Nachgefragt

Macht Stress grau?

Graue Haare sind ein Zeichen natürlicher Alterungsprozesse. Doch auch Stress kann zum Ergrauen beitragen. (Bild: Ekaterina79/ istock)

Stress macht auf Dauer krank – und grau, heißt es. Gestresste Menschen bekommen demnach früher graue Haare. Doch stimmt das auch? Forscher konnten dies tatsächlich belegen: Experimente mit Mäusen haben gezeigt: Durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems kommt es zu Veränderungen an den pigmentbildenden Zellen im Haarfollikel und als Folge zum Farbverlust.

Ob blonde Lockenpracht oder dunkler Schopf: Irgendwann beginnt jedes Haar zu ergrauen. Zunächst sind es meist nur einzelne Strähnen, doch im Laufe der Zeit verlieren immer mehr Haare ihre einstige Farbe. Denn mit zunehmendem Alter produziert der Körper weniger Melanin. Unterschiedliche Varianten dieses Farbpigments verleihen unseren Haaren normalerweise ihre charakteristische Farbe. Wie früh der Prozess des Ergrauens beginnt, ist dabei Veranlagungssache. Doch auch äußere Einflüsse sollen vorzeitiges Grauwerden fördern können – zum Beispiel Stress. Die französische Königin Marie Antoinette ergraute der Legende nach angeblich sogar über Nacht, als sie von ihrer bevorstehenden Hinrichtung erfuhr. „Dass Stress die Haare erbleichen lässt, ist eine weit verbreitete Annahme. Lange gab es allerdings keinen wissenschaftlichen Beleg dafür“, erklärt Thiago Cunha von der Harvard Medical School in Boston. Verursacht die psychische Belastung also wirklich graue Haare?

Aus schwarzen werden graue Mäuse

Cunha und seine Kollegen um Erstautor Bing Zhang von der Harvard University in Cambridge haben festgestellt, dass es dieses Phänomen tatsächlich gibt – und welche Mechanismen ihm zugrunde liegen. Der Ausgangspunkt ihrer Arbeit war eine zufällige Entdeckung: Bei Experimenten mit Mäusen beobachteten die Forscher, dass einige der vormals schwarzen Nager plötzlich helles Fell bekamen. Das Spannende: Diesen Tieren war im Versuch gezielt Schmerz zugefügt worden, sie hatten akuten Stress erlitten. „Wir wollten daraufhin untersuchen, ob der Farbverlust mit dem schmerzinduzierten Stress zusammenhing“, berichtet Cunha. Dafür unterbanden er und seine Kollegen die Signalweiterleitung über das sympathische Nervensystem. Dieser Teil des vegetativen Nervensystems ist unter anderem für unsere Reaktion auf Belastung und Gefahr zuständig. Er kontrolliert die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion und löst zum Beispiel die Ausschüttung von Stresshormonen aus, die unser Herz schneller schlagen lassen.

Die Ergebnisse enthüllten: Wurde dieser Einfluss mithilfe von Medikamenten oder der Entfernung sympathischer Nervenfasern gehemmt, ergrauten die Mäuse nach der stressigen Tortur tatsächlich nicht. „Diese und andere Experimente legten nahe, dass das sympathische Nervensystem an dem Pigmentverlust der Haare beteiligt ist und dass Schmerz in diesem Fall als ein mächtiger Stressfaktor wirkt“, fasst Cunha zusammen. Wie aber lassen über dieses System vermittelte Signale das Haar genau ergrauen? Auch darauf fanden die Wissenschaftler schließlich eine Antwort. Sie stellten fest, dass sich akuter Stress auf die Melanozyten im Haarfollikel auswirkt. „Diese pigmentproduzierenden Zellen sind in jungen Jahren undifferenziert wie Stammzellen, doch mit zunehmendem Alter reifen sie. Ist dieser Prozess abgeschlossen, hören sie auf, Melanin zu produzieren und wandern ab“, erläutert Cunha.

Noradrenalin-Ausschüttung mit Folgen

Konkret zeigte sich: Bei körperlichem oder psychischem Stress schütten sympathische Nervenfasern, die im Haarfollikel enden, vermehrt Noradrenalin aus. Die Melanozyten-Stammzellen besitzen wiederum einen Rezeptor für diesen Botenstoff – wird er aktiviert, beginnen sie sich zu differenzieren. Eine starke Aktivierung des sympathischen Nervensystems beschleunigt demnach den natürlichen Alterungsprozess der pigmentproduzierenden Zellen im Haar. Sind sie verloren, gibt es keinen Farbnachschub mehr. „Der Schaden ist permanent“, sagt Mitautorin Ya-Chieh Hsu von der Harvard University. Doch es gibt eine gute Nachricht: Dieser Stresseffekt lässt sich womöglich verhindern. Auf der Suche nach einem potenziellen Gegenmittel untersuchten Cunha und seine Kollegen, wie sich die Genexpression in den Zellen durch Stress verändert. Besonders auffällig war dabei ein DNA-Abschnitt, der die Bauanleitung für ein Protein namens CDK enthielt – dieses Protein spielt eine wichtige Rolle für die Regulation des Zellzyklus.

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Wie die Wissenschaftler berichten, stieg die Aktivität des CDK-Gens stressbedingt an. Was aber würde passieren, wenn dieses Protein blockiert würde? Um dies herauszufinden, wiederholte das Team das Schmerzexperiment mit den Mäusen, verabreichte ihnen diesmal aber einen CDK-Hemmer. Und tatsächlich: Anders als zuvor kam es nicht zur vorzeitigen Differenzierung der Melanozyten-Stammzellen und die Nager behielten ihre dunkle Fellfarbe. Weitere Experimente mit menschlichen Melanozyten bestätigten, dass ein ganz ähnlicher Mechanismus beim Menschen abläuft. „Dies legt nahe, dass CDK ein Angriffspunkt für Therapien gegen das Ergrauen sein könnte“, konstatiert Cunha. Ob ein solches Mittel einmal in der Apotheke zu haben sein wird, bleibt aber unklar.

Nicht nur Haare betroffen?

Alles in allem verdeutlichte die Studie erneut, welche nachhaltigen Folgen Stress für unseren Körper und unsere Gesundheit haben kann. Dass diese Art von Belastung pigmentproduzierende Stammzellen im Haarfollikel beeinflusst, bedeutet nach Ansicht der Forscher, dass andere Gewebe und Organe in ähnlicher Weise betroffen sein könnten. „Wir gehen davon aus, dass andere Systeme im Organismus vergleichbare Reaktionen auf intensiven Stress zeigen“, schreiben Cunha und seine Kollegen.

Quelle: Bing Zhang (Harvard University, Cambridge) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-1935-3

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Vor ein paar Tagen habe ich auf das Buch von Laura Spinney über die Spanische Grippe 1918 hingewiesen und auf den Untertitel des Buches: „Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte“.

Wir erleben gerade, wie das Coronavirus und die Reaktionen darauf die Gesellschaft verändern. Zumindest vorübergehend. Dabei geht es auch um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Damit will ich nicht die antidemokratischen Reflexe mancher Leute ansprechen, die meinen, autoritäre Staaten wie China oder autoritäre Führer wie Trump würden gerade besonders erfolgreiche Politik machen. Hätte China anfangs nicht unterdrückt, was in der Provinz Hubei vorging, hätten wir vielleicht jetzt alle kein Problem, und Trumps bisher herausragendste Tat in der Geschichte war ebenfalls das Herunterspielen und Verharmlosen der Entwicklung im eigenen Land.

Darum geht es mir nicht. Das entschiedenere Eingreifen der Politik, das viele Menschen angesichts der Verbreitung des Virus gefordert haben, sei es mit Blick auf die angeblichen Erfolge drakonischer Maßnahmen in China, sei es mit Blick auf bewährte Strategien der Seuchenbekämpfung („social distancing“), findet gerade statt. Schulen werden geschlossen, die Versammlungs- und Bewegungsfreiheit eingeschränkt, die Geschäftstätigkeit vieler Betriebe auf Eis gelegt, von Fluggesellschaften über das Gastgewerbe bis hin zum Sport. Der Effekt ist eine Disruption der damit verbundenen kapillaren gesellschaftlicher Strukturen. Die Maßnahmen haben Folgewirkungen. Wenn Schulen schließen, müssen Eltern schauen, wie sie ihre Kinder alternativ betreuen können. Wenn sie zuhause bleiben, müssen ihre Arbeitgeber schauen, wie sich das organisieren lässt und wie sie insgesamt über die Runden kommen. Der Staat bietet zur Beschäftigungssicherung erweiterte Kurzarbeitsregelungen an. Die wiederum helfen den Selbständigen nicht, auch nicht den vielen Freelancern, die in manchen Branchen, z.B. dem Kulturbetrieb, eine große Rolle spielen, und auch nicht den Pseudo-Selbständigen, die die Wirtschaft in den letzten Jahren so gerne eingesetzt hat, um möglichst große Flexibilität mit geringen Sozialabgaben zu kombinieren.

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Das Aufzählen ließe sich fortsetzen. Mit der Umsetzung einer konsequenten Seuchenbekämpfung wird, anders als wenn nur darüber diskutiert wird, konkret erfahrbar, welche Kollateralschäden damit verbunden sind. Die Frage ist: In welchem Umfang, bis in welche Verästelung der Nachwirkungen hinein, soll der Staat die Folgen auffangen? Kann er das überhaupt? „Whatever it takes“ hat die deutsche Politik den Satz Mario Draghis in der Eurokrise 2012 kopiert. Aber reicht es in diesem Fall, nur unbegrenzt Geld bereitzustellen? Oder müsste der Staat hier für eine wirksame Kompensation über ein Detail-Wissen über die Folgen seines Handelns verfügen, das Liberale wie beispielsweise Friedrich von Hayek ihm nie zugetraut haben: Aus einer Zentralplanungsperspektive erkennen, was normalerweise die Selbstorganisation der Märkte und des Alltagslebens zustande bringt? Wäre das nicht eine „Anmaßung des Wissens“, um eine Formel Hayeks zu gebrauchen? Müssen die Menschen also jetzt konsequenterweise damit leben, dass der Staat nicht alles ausgleichen kann, was Seuchenbekämpfungsmaßnahmen an gesellschaftlicher Disruption auslösen? Und sollten daher die, die zu anderen Zeiten mehr Staat und weniger Markt verlangen, noch einmal nachdenken?

Umgekehrt: Wenn die, die sonst möglichst wenig Staat wollten, die die öffentliche Infrastruktur einschließlich der Gesundheitsämter über Jahrzehnte geschliffen haben, jetzt fordern, eben dieser Staat müsse die Organisationsleistungen erbringen, die er angeblich nicht erbringen kann, erinnert das nicht an eine andere Galionsfigur des radikalen Liberalismus, Ayn Rand, die zeitlebens alle staatlichen Sozialleistungen abgelehnt hat, aber ihren Lungenkrebs „unter falschem Namen und auf Kosten der staatlichen Sozialversicherung“ operieren ließ?

Was also lehrt uns die Coronakrise über das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit – und zwar nicht ausgehend von ideologischen Debatten über angeblich effizientere autoritäre Regime, sondern ausgehend vom Lehrstoff der jetzt sichtbaren Auswirkungen von durchgreifenden Entscheidungen? Die nächsten Tage werden noch viel mehr Lehrstoff liefern.

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/03/16/freiheit-und-sicherheit-die-coronakrise-und-die-gesellschaft/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=freiheit-und-sicherheit-die-coronakrise-und-die-gesellschaft

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