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Gesundheit+Medizin

Stress weckt ruhende Tumorzellen

Krebszellen
Stresshormone können Krebszellen "aufwecken".(Bild: koto_feja/ iStock)

Eine erfolgreiche Krebsbehandlung bedeutet nicht immer eine dauerhafte Heilung. Stresshormone und Immunzellen können dazu beitragen, ruhende Tumorzellen zu reaktivieren, sodass sie erneut Krebsgeschwüre bilden. Wie Forscher an Mäusen nachgewiesen haben, sorgen Stresshormone dafür, dass bestimmte weiße Blutkörperchen verstärkt Proteine ausschütten, die zur erneuten Teilung der Tumorzellen führen. Auch die Daten von 80 ehemaligen Lungenkrebspatienten zeigen, dass Personen mit einem hohen Spiegel dieser Proteine häufiger Rückfälle erleiden. Helfen könnte womöglich eine Behandlung mit Betablockern, die Stressreaktionen im Körper mindern.

Das erneute Wachstum von Tumoren ist eine der häufigsten Todesursachen von Krebspatienten. Oft treten diese sogenannten Rezidive Jahre nach einer erfolgreichen Operation oder Chemotherapie auf. Ursache dafür sind inaktive Tumorzellen, die nach der Therapie in einer Art Ruhezustand im Körper verbleiben. Da Chemotherapien fast immer auf sich teilende Zellen zielen, entgehen diese ruhenden Zellen der Behandlung. Die Mechanismen, wie und warum ruhende Tumorzellen wieder aktiv werden, sind Gegenstand aktueller Forschung. Eine Rolle spielen dabei mutmaßlich Entzündungsprozesse, die durch Immunzellen vermittelt werden.

Krebsrückkehr bei gestressten Mäusen

Ein Team um Michela Perego vom Wistar Institute in Philadelphia hat nun untersucht, wie sich stressbedingte Immunreaktionen auf das Tumorwachstum auswirken. Dazu sorgten sie zunächst bei Mäusen dafür, dass diese Lungenkrebs entwickelten. Nach einer operativen Entfernung des Tumors und einer Chemotherapie setzten sie einen Teil der Mäuse täglich stressigen Situationen aus und beobachteten, bei welchen Tieren Rezidive auftraten. Das Ergebnis: Nach drei Wochen waren bei allen gestressten Mäusen wieder Tumoren gewachsen. Von den nicht gestressten Tieren dagegen hatte keines erneut einen Tumor entwickelt.

Blutproben der Mäuse zeigten, dass die gestressten Tiere deutlich erhöhte Spiegel von zwei Proteinen aufwiesen, S100A8 und S100A9, die von bestimmten Immunzellen, sogenannten Neutrophilen, in Reaktion auf Stress ausgeschüttet werden. Diese Proteine sorgten gemeinsam mit von ihnen modifizierten Fettmolekülen dafür, dass die ruhenden Krebszellen wieder aktiv wurden. Das wiesen die Forscher zum einen an Zellkulturen nach. Zum anderen nutzten sie zusätzlich sechs Mäuse, die die Proteine S100A8 und S100A9 nicht produzieren konnten. Und tatsächlich: Von diesen Mäusen entwickelte trotz Stress nur eine ein Tumorrezidiv.

Betablocker als Vorbeugung?

Auch die Auswertung der Daten von 80 Patienten, die eine Lungenkrebsbehandlung hinter sich hatten, zeigte, dass S100A8 und S100A9 eine bedeutende Rolle für das Wiederkehren des Tumors spielen könnten. Bei 11 von 35 Patienten, die hohe Spiegel dieser beiden Proteine im Blut hatten, traten innerhalb von 33 Monaten Rezidive auf (31,4 Prozent). Von 45 Patienten mit niedrigen Spiegeln der Proteine hatten dagegen innerhalb dieser Zeit nur sechs ein Rezidiv (13,3 Prozent).

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Am Mausmodell erforschten Perego und Kollegen eine mögliche vorbeugende Maßnahme. Um die Stressreaktion zu vermindern, behandelten sie einen Teil der Mäuse mit einem Betablocker, der die Wirkung der Stresshormone abmildert. Tatsächlich wiesen die so behandelten Tiere trotz Stress deutlich geringere Spiegel von S100A8 und S100A9 auf und bildeten seltener erneut Tumoren. „Das passt zu klinischen Beobachtungen, denen zufolge Lungenkrebspatienten, die Betablocker einnehmen, länger überleben“, schreiben die Forscher. Auch für Brustkrebs, Eierstockkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Hautkrebs gibt es bereits Hinweise darauf, dass solche Medikamente die Überlebenschancen bessern.

„Unsere Ergebnisse geben einen Einblick darin, welche Mechanismen an der Reaktivierung ruhender Tumorzellen beteiligt sind“, fassen die Forscher zusammen. „Damit deuten sie auf mögliche therapeutische Strategien hin, wie sich das Wiederauftreten von Tumoren verzögern oder verhindern lässt.“ Sollten sich diese Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnten sie womöglich in Zukunft einen Beitrag zur Nachbehandlung von Krebspatienten leisten.

Quelle: Michela Perego (Wistar Institute, Philadelphia) et al., Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.abb5817

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