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Gesundheit+Medizin

TRÜBER BLICK AUF WUNDERLINSEN

Augenarzt Thomas Kohnen hat eine Erklärung, warum die 2001 gelobte Wunderlinse sich nicht durchgesetzt hat: Sie leiste nun mal nicht das Versprochene.

MIT HOHEN ERWARTUNGEN pflanzte ein Erlanger Ärzteteam vor zehn Jahren erstmals einem Patienten eine neuartige künstliche Linse ins Auge: Sie sollte dem Kranken, dessen eigene Linse durch Grauen Star („Katarakt“) getrübt war, wieder scharfes Sehen ermöglichen – und das sowohl in die Ferne als auch in die Nähe. Bis dato hatte es die sogenannten Intraokularlinsen (IOL) nur für scharfe Fernsicht gegeben. Für scharfes Nahsehen war zusätzlich eine Brille notwendig. Der Traum von der „akkommodativen Intraokularlinse“ schien damals zum Greifen nah – einer Linse, die von der Augenmuskulatur verformt wird und Objekte in unterschiedlichen Entfernungen präzise auf der Netzhaut abbildet (bild der wissenschaft 1/2001, „Neue Linse – alles klar“).

„Wem es gelänge, eine echte akkommodative Intraokularlinse zu entwickeln, der würde von heute auf morgen den gesamten IOL-Markt mit einem Etat von 20 bis 25 Millionen Euro beherrschen“, sagt Thomas Kohnen. Doch der Präsident der Deutschsprachigen Gesellschaft für Intraokularlinsen-Implantation, interventionelle und refraktive Chirurgie sieht für die Wunderlinse schwarz: „Die akkommodative Intraokularlinse hat sich nicht durchgesetzt, weil die Akkommodationsfähigkeit, die damals angepriesen wurde, einfach nicht funktioniert.“

Die von dem Erlanger Unternehmen HumanOptics AG entwickelte und bis heute verkaufte Linse soll – so sieht es jedenfalls das Konzept vor – durch die Kontraktion des Ziliarmuskels (eines ringförmigen Muskels, an dem die Augenlinse aufgehängt ist) nach vorne geschoben werden, sodass sich die Brechkraft des Auges erhöht. Würde eine solche Linse mit einer Stärke von etwa 20 Dioptrien beispielsweise um einen Millimeter nach vorne bewegt, hätte dies eine Akkommodation von einer Dioptrie zur Folge, rechnet Thomas Kohnen vor. Die Linse würde etwa 2,5 Dioptrien an Akkomodationsweite erreichen. Doch einen derart starken Effekt hat man in der Praxis meist nicht gemessen, dämpft der in Frankfurt am Main ansässige Experte die Euphorie.

Auch die Kostenfrage stimmt nicht froh. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen „Sonderlinsen“ grundsätzlich nicht – obwohl es vor zehn Jahren hieß, diese Linsen könnte man sogar billiger als die normalen Intraokularlinsen anbieten. Karl Klamann, der Vorstandsvorsitzende von HumanOptics, erläutert: In der Herstellung seien die akkommodativen Intraokularlinsen seines Unternehmens zwar preisgünstiger als die normalen Kunstlinsen, die die Kasse bezahlt. Aber die Vorbereitung des Patienten, das Einsetzen der Linse und die Nachsorge seien aufwendiger. „Deshalb müssen viele Ärzte für die Implantation einer akkommodativen Intraokularlinse mehr Geld verlangen“, begründet Klamann. Patienten, die diese Sonderlinse wünschen, müssen das selbst bezahlen.

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Und was genau bekommt man für sein Geld? Thomas Kohnen warnt: Ob sogenannte akkommodierende Linsen mehr als nur graduelle Effekte bewirken, sei fraglich. Der von den Herstellern vorausgesetzte Mechanismus der Verformung und Verlagerung der Linse durch den Augenmuskel sei jedenfalls widerlegt. Viele Augenchirurgen setzen stattdessen auf Multifokallinsen. Sie erzeugen mehrere Brennpunkte, mindestens einen für das scharfe Sehen in der Ferne und einen für das Sehen in der Nähe. Viele Patienten können nach diesem Eingriff tatsächlich sowohl in die Nähe als auch in die Ferne scharf sehen, ohne Brille. Allerdings: Auch die multifokale Linse ist eine „Sonderlinse“, die nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Und die Perspektive ist trübe, beklagt Kohnen: „Bei etwa 800 000 Katarakt-Operationen im Jahr wird es auch in Zukunft kaum möglich sein, teure Sonderlinsen in den Leistungskatalog der Kassen aufzunehmen.“ Nadine Eckert ■

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