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Gesundheit+Medizin

Ursprung des „Schwarzen Todes“ identifiziert

Tien Shan
Blick auf das Tien-Shan-Gebirge in Kirgisistan. © Lyazzat Musralina

Als die Pest im 14. Jahrhundert nach Europa kam, löste der „Schwarze Tod“ eine der schlimmsten Seuchen der Menschheitsgeschichte aus. Doch woher der Erreger, das Bakterium Yersinis pestis, damals kam, war bisher strittig. Jetzt könnten Wissenschaftler den Ursprungsort der mittelalterlichen Pandemie gefunden haben. Dies gelang durch DNA-Analysen einiger im Jahr 1338 im Norden Kirgisistans an einer laut Grabinschriften „neuen Pestilenz“ gestorbenen Toten. Genvergleiche enthüllten, dass diese Toten einen frühen, noch sehr ursprünglichen Stamm des Pesterregers in sich trugen. Der Schwarze Tod könnte demnach aus Zentralasien nach Europa gelangt sein – wahrscheinlich über alte Handelsrouten.

Das Jahr 1347 markiert den Ausbruch des „Schwarzen Tods“ in Europa. Über Handelsschiffe aus dem Schwarzen Meer gelangte der Pesterreger erstmals in den Mittelmeerraum und breitete sich dort, von Flöhen übertragen, rasend schnell aus. Die erste Welle dieser Seuche raffte bis zu 60 Prozent der Bevölkerung im westlichen Eurasien dahin und etablierte eine Pandemie, die bis ins 19. Jahrhundert immer wieder lokale Ausbrüche hervorrief. Schon länger legen Genvergleiche von verschiedenen Stämmen des Bakteriums Yersinia pestis nahe, dass verschiedene Pestformen schon seit Jahrtausenden immer wieder von Nagetieren und anderen tierischen Reservoirwirten in dieser Region auf den Menschen übertragen wurden. Denn auch in der Spätantike gab es schon einmal einen größeren Pestausbruch, die sogenannte Justinianische Pest. Der mittelalterliche Schwarze Tod jedoch scheint den meisten Hypothesen nach seine Wurzeln weiter im Osten zu haben.

Spurensuche in mittelalterlichen Gräbern

Doch wo genau der Ursprung der mittelalterlichen „Zweiten Pestpandemie“ lag, war bislang strittig. „Auf historischen Aufzeichnungen und Gendaten beruhende Hypothesen haben eine Reihe von möglichen Herkunftsorten erwogen, sie reichen vom westlichen Eurasien bis nach Ostasien“, erklären Maria Spyrou von der Universität Tübingen und ihre Kollegen. Sie und ihr Team sind nun einer weiteren Spur gefolgt, die sie in die Nähe des Yssykköl-Sees in Kirgisistan führte. Dort hatten Archäologen schon vor gut 140 Jahren auf zwei Friedhöfen mittelalterliche Gräber entdeckt, deren Grabsteine auf den Tod einiger dieser Menschen bei einer unbekannten Epidemie in den Jahren 1338 und 1339 hindeuteten – knapp ein Jahrzehnt vor der Ankunft des Schwarzen Todes in Europa. Seither sorgten die in syrisch-aramäischer Sprache beschrifteten Grabsteine für Spekulationen darüber, ob diese Toten auf den Friedhöfen von Kara-Djigach und Burana womöglich an der Pest gestorben waren.

Um diese Frage zu klären, haben nun Spyrou und ihre Kollegen Proben von sieben Toten aus Kara-Djigach und Burana entnommen und diese auf das Erbgut des Pesterregers Yersinia pestis hin analysiert. Bei dreien dieser mittelalterlichen Seuchenopfer wurden sie fündig: Die Gewebe der Toten enthielten DNA von Yersinia pestis. Alle drei Personen waren zudem im Epidemiejahr 1338/1339 gestorben, wie ihre Grabinschriften verrieten. „Wir konnten damit endlich nachweisen, dass die auf den Grabsteinen erwähnte Epidemie tatsächlich durch die Pest verursacht wurde“, sagt Co-Autor Phil Slavin von der University of Sterling. Es blieb nun die Frage, wie die Pesterreger aus den kirgisischen Ausläufern des Tienshan-Gebirges mit dem mittelalterlichen Schwarzen Tod in Europa zusammenhingen. Dafür verglich das Forschungsteam die DNA-Sequenzen der Pestgenome aus Kirgisistan mit den Sequenzen von 203 modernen und 47 historischen Vertretern von Yersinia pestis.

Am Ursprung der Pest-Pandemie

Die Vergleichsanalysen ergaben, dass das Erbgut aus Kirgistan ursprünglicher und älter ist als alle anderen bisher aus dem 14. Jahrhundert bekannten Gensequenzen des Pesterregers. Zudem positionierte eine genetische Stammbaumanalyse die Pestvariante aus der Nähe des Yssykköl-Sees an einem entscheidenden Punkt der Pest-Evolution: „Wir fanden heraus, dass sich die alten Stämme aus Kirgisistan genau am Knotenpunkt eines massiven Diversifizierungsereignisses befinden“, berichtet Spyrou. Bei diesem Ereignis, das zuvor nur grob auf eine Zeit zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert datiert werden konnte, spaltete sich der Pesterreger in vier Stämme auf, die bis heute existieren. Diese massive Diversifizierung von Yersinia pestis war in der jahrtausendealten Geschichte dieses Erregers nahezu einmalig und gilt als „Urknall der Pestdiversität“. Er ist zudem eng mit der Ausbreitung des Schwarzen Todes verknüpft – die mittelalterliche Pandemie gilt als Auslöser dieser Aufspaltung.

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Durch die Einordnung der kirgisischen Erreger an der Basis dieser vier Linien konnten die Forscher nun erstmals diesen „Urknall“ genauer datieren: Er muss nach 1338 stattgefunden haben und war demnach tatsächlich mit dem Schwarzen Tod verknüpft. Gleichzeitig belegen die Genanalysen damit auch, dass der Vorfahre der im 14. Jahrhundert in Europa grassierenden Pestwelle aus Kirgistan stammen muss. „Es ist uns also tatsächlich gelungen, den Ursprungsstamm des Schwarzen Todes und seinen genauen Ausbruchszeitpunkt – das Jahr 1338 – zu bestimmen“, sagt Spyrou. Das Team geht davon aus, dass die Bakterien von wilden Nagetierpopulationen auf die Menschen im Gebiet des Yssiköl-Sees übersprangen. „Moderne, mit dem alten Stamm am engsten verwandte Stämme finden wir heute in Pestreservoirs rund um das Tian-Shan-Gebirge, also ganz in der Nähe des Fundortes dieses alten Stammes. Der Vorfahre des Schwarzen Todes scheint also in Zentralasien entstanden zu sein“, erklärt Seniorautor Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Wie der alte Pesterreger von den Ausläufern des Tien-Shan-Gebirges dann ins westliche Eurasien gelangte, ist noch nicht eindeutig geklärt. Die Wissenschaftler vermuten aber, dass er über Handelsverbindungen zwischen dieser Region in Zentralasien und den Häfen und Handelsplätzen am Schwarzen Meer weitertransportiert wurde. „Der Beginn des Schwarzen Todes wird gemeinhin mit ersten Ausbrüchen assoziiert, die sich im Jahr 1346 in der Schwarzmeerregion ereigneten“, erklären Spyrou und ihre Kollegen. Von dort aus kam der Schwarze Tod dann per Schiff nach Europa.

Quelle: Maria Spyrou (Eberhards-Karls-Universität Tübingen) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-022-04800-3

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