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Vermindert Testosteron die Empathie?

Eine mangelnde Fähigkeit zur Empathie gilt als typisch für Autisten. (Bild: Katarzyna Bialasiewicz/ istock)

Zu verstehen, was in anderen vorgeht, ist wohl eine unserer wichtigsten sozialen Fähigkeiten. Was denkt mein Gegenüber? Wie geht es ihm gerade und wie beeinflusst dies sein Verhalten? Dank unserer Fähigkeit zur Empathie können wir solche Fragen oft stimmig beantworten. Autisten haben damit aber häufig ein Problem. Einige Forscher haben den Verdacht, dass dafür das Hormon Testosteron verantwortlich sein könnte. Demnach kann sich der Botenstoff angeblich spürbar auf das Einfühlungsvermögen auswirken. Eine Studie hat diese Theorie nun allerdings erneut überprüft – und keine Belege gefunden.

Das Hormon Testosteron beeinflusst wesentlich mehr als nur das Geschlecht und die Sexualität eines Menschen. So deuten Untersuchungen darauf hin, dass sich der Botenstoff unter anderem auch auf den Bewegungsdrang, das Konsumverhalten und sogar das Talent für Mathe auswirken kann. Außerdem soll das männliche Geschlechtshormon eine wesentliche Rolle für die Empathie spielen. Ein hoher Testosteronspiegel vermindert demnach angeblich die Fähigkeit, die Gedanken und Emotionen von Mitmenschen zu verstehen und sich gleichsam in sie hineinzuversetzen. Dieser vermeintliche Zusammenhang hat Forscher zu der These geführt, dass der Botenstoff für die mangelnde Empathie von Psychopathen verantwortlich sein könnte.

Vermännlichung als Ursache?

Ähnliches wird mitunter für Autismus postuliert: Der sogenannten Extreme-Male-Brain-Theorie zufolge ist eine Vermännlichung des Gehirns durch einen hohen Testosteronspiegel im Mutterleib mit einem erhöhten Risiko für Störungen aus dem Autismus-Spektrum verbunden – und erklärt womöglich die für Betroffene typischen Probleme im Sozialverhalten. Allerdings ist diese Theorie nicht unumstritten: „Es gibt einige Untersuchungen, die auf eine Verbindung zwischen Testosteron und einer verminderten Empathiefähigkeit hindeuten. Die Probandenzahlen waren dabei jedoch immer sehr klein und ein direkter Zusammenhang nur schwer nachweisbar“, erklärt Amos Nadler von der Western University im kanadischen London. Um belastbarere Daten zu erlangen, haben der Wissenschaftler und sein Team daher nun Tests mit insgesamt 650 gesunden Männern durchgeführt.

Für die Untersuchungen wurden die Probanden entweder mit einem Testosteron-Gel oder -Nasenspray oder einem Placebo behandelt. Mithilfe von Fragebögen und Verhaltenstests überprüften die Forscher dabei vor und nach der Behandlung die Empathiefähigkeit der Teilnehmer. So sollten sie beispielsweise aus den Augen von auf Fotos abgebildeten Personen deren emotionalen Zustand ablesen. Zusätzlich maßen Nadler und seine Kollegen bei jedem der Männer die Länge von Ring- und Zeigefinger. Denn bekannt ist, dass ein hoher Testosteronspiegel im Mutterleib den Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger länger wachsen lässt. Das sogenannte 2D:4D-Verhältnis gilt daher als potenzieller Marker für den Einfluss des Geschlechtshormons während der embryonalen Entwicklung.

„Kein Zusammenhang“

Die Auswertungen ergaben: Weder das 2D:4D-Verhältnis, noch die Testosterongabe schien sich auf das Abschneiden in den Empathietests auszuwirken. So stieg zwar der Testosteronspiegel durch das Hormongel an – die Leistung der Probanden beeinflusste dies jedoch offenbar nicht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Testosteron-Exposition und der kognitiven Empathie gibt“, sagt Nadler. Zumindest auf Basis des aktuellen Kenntnisstands ist ein Einfluss des Geschlechtshormons bei Störungen wie Autismus demnach nicht nachweisbar. Wie die Forscher betonen, heißt dies jedoch nicht, dass sich in Zukunft nicht doch ein Effekt zeigen könnte. Dafür jedoch ist auf jeden Fall weitere Forschung nötig. „Die Extreme-Male-Brain-Theorie hat in der Vergangenheit viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch wenn man sich die wissenschaftliche Literatur genau ansieht, gibt es bis heute keine belastbaren Belege dafür“, schließt Nadler.

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Quelle: Amos Nadler (Western University) et al., Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2019.1062

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