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Gesundheit+Medizin

Verringertes Demenzrisiko nach Grauer-Star-OP

Augenuntersuchung
Älterer Patient bei der Augenuntersuchung. (Bild: Paola Giannoni/ iStock)

Viele Menschen leiden im Alter an einem Grauen Star, einer zunehmenden Eintrübung der Linse im Auge. Unbehandelt kann die Erkrankung bis zur Erblindung führen. Eine Studie zeigt nun, dass eine Augen-Operation Betroffenen nicht nur ihre Sehkraft zurückgibt, sondern auch mit einem geringeren Risiko verbunden ist, in den folgenden Jahren an Demenz zu erkranken. Die Ergebnisse legen nahe, dass mangelnder visueller Input bei der Entstehung von Demenz eine Rolle spielen könnte.

Fast 50 Millionen Menschen weltweit sind von Demenz betroffen. Die Krankheitsmechanismen sind bislang nur zum Teil verstanden und eine Behandlung gibt es nicht. Neben der Suche nach Medikamenten liegt ein Fokus der Forschung darauf, wirksame Maßnahmen zur Vorbeugung zu finden. Frühere Studien haben bereits darauf hingedeutet, dass beeinträchtigte Sinneswahrnehmungen – etwa Schwerhörigkeit und Sehschwäche – mit einem erhöhten Risiko für Demenz verbunden sind. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Augenerkrankung Grauer Star (Katarakt). Dabei trübt sich die Linse zunehmend ein, was bis zur Erblindung führen kann. Weltweit sind etwa 35 Millionen Menschen von Grauem Star betroffen und 20 Millionen deswegen erblindet. Das Augenlicht aber kann wieder hergestellt werden, indem die natürliche Linse entfernt und durch eine künstliche ersetzt wird.

Augen-OP gegen Demenz?

„Da sowohl sensorische Beeinträchtigungen als auch Demenz stark mit dem Altern verbunden sind, könnte mehr Wissen über den Zusammenhang zwischen sensorischen Beeinträchtigungen und Demenz wichtige Auswirkungen auf die individuelle und globale öffentliche Gesundheit haben, insbesondere wenn Maßnahmen zur Verbesserung der sensorischen Funktion das Demenzrisiko verringern“, schreibt ein Team um Cecilia Lee von der University of Washington in Seattle. Die Forscher haben daher untersucht, inwieweit die Wiederherstellung der Sehkraft durch eine Augenoperation das Demenzrisiko beeinflusst.

Dazu nutzten die Forscher Daten aus einer Langzeitstudie, die seit 1994 freiwillige Teilnehmer ab 65 Jahren regelmäßig auf eine auftretende Demenz untersucht und weitere Gesundheitsdaten erhebt. Lee und ihre Kollegen fokussierten sich auf Teilnehmer, die einen Grauen oder Grünen Star entwickelten und sich entweder dagegen operieren ließen oder nicht. Von 3.038 Personen mit Grauem Star entwickelten 853 während der Beobachtungszeit eine Demenz. 1.382 Personen ließen ihren Katarakt operieren.

Nicht jede OP hilft

„Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, war bei Teilnehmern, die sich einer Katarakt-Extraktion unterzogen, deutlich geringer als bei Personen, die sich keiner Katarakt-Operation unterzogen“, berichten die Forscher. Die Menschen mit wiederhergestellter Sehkraft hatten im Vergleich zu den langsam erblindenden ein um etwa 30 Prozent geringeres Risiko, in den folgenden Jahren eine Demenz zu entwickeln. Um Verzerrungen auszuschließen – beispielsweise, weil sich gesündere Personen mit ohnehin geringerem Demenzrisiko eher für eine OP entscheiden – bereinigten die Forscher ihre Daten um Faktoren wie Alter, Gewicht, Blutdruck, Ernährung, Bewegung und Bildung.

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Als Vergleich untersuchten sie außerdem, wie sich eine Operation des Grünen Stars auf das Demenzrisiko auswirkt. Beim Grünen Star (Glaukom) wird der Sehnerv durch einen erhöhten Augeninnendruck geschädigt. Anders als beim Grauen Star kann eine Operation die Sehkraft nicht wiederherstellen, sondern nur eine Verschlechterung verhindern. 105 von 728 Glaukom-Patienten entschieden sich während der Beobachtungszeit für eine Operation. Auf das Demenzrisiko hatte eine Glaukom-Operation allerdings keinen Einfluss.

Mögliche Mechanismen

Aus Sicht der Forscher deutet das darauf hin, dass nicht generell Menschen, die sich für eine Augen-OP entscheiden, ein niedrigeres Demenzrisiko haben, sondern dass es wirklich um die Wiederherstellung der Sehkraft geht. Obwohl die Studie nur eine Assoziation und keinen ursächlichen Zusammenhang nachweisen kann, legen die Ergebnisse nahe, dass es tatsächlich die Entfernung des Grauen Stars ist, die das Demenzrisiko verringert. „Kein anderer medizinischer Eingriff hat einen so starken Zusammenhang mit der Verringerung des Demenzrisikos bei älteren Menschen gezeigt“, sagt Lee.

Als mögliche Mechanismen hinter dem Zusammenhang kommen den Forschern zufolge mehrere Faktoren in Frage. „Kataraktbedingte Sehbehinderungen können den neuronalen Input verringern, was möglicherweise die Neurodegeneration beschleunigt oder die Auswirkungen der Neurodegeneration verstärkt“, erklären sie. „Es wurde bereits nachgewiesen, dass der visuelle Kortex durch den Sehverlust strukturelle Veränderungen erfährt.“ Auch soziale Faktoren können eine Rolle spielen: „Sinnesbeeinträchtigungen können zu sozialer Isolation und verminderter kognitiver Stimulation beitragen, was das Risiko einer Demenzerkrankung erhöhen kann“, so die Forscher.

Quelle: Cecilia Lee (University of Washington) et al., JAMA Internal Medicine, doi: 10.1001/jamainternmed.2021.6990

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