Viagra für die Stammzelltransplantation? - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Viagra für die Stammzelltransplantation?

Vielseitige blaue Pillen: Kommt Viagra künftig auch bei der Blutstammzellspende zum Einsatz? (Bild: rclassenlayouts/ istock)

Viagra ist ein Tausendsassa unter den Medikamenten: Ursprünglich als Mittel gegen Bluthochdruck entwickelt, wird der Wirkstoff heute vor allem bei Erektionsstörungen geschluckt. Er hat sich aber auch als effektiv gegen eine Vielzahl weiterer Gesundheitsprobleme erwiesen. So hilft Viagra etwa lungenschwachen Frühchen oder schützt Bergsteiger vor der Höhenkrankheit. Nun haben Forscher eine weitere mögliche Anwendung des Potenzmittels entdeckt: die Stammzelltransplantation. Durch seine gefäßerweiternde Wirkung kann das Medikament offenbar die Wanderung von Blutstammzellen aus dem Knochenmark ins Blut fördern – eine wesentliche Voraussetzung, um diese blutbildenden Zellen gewinnen zu können.

Für Patienten mit Blutkrebs wie Leukämie bedeutet eine Transplantation von Blutstammzellen die Chance auf Heilung. Diese blutbildenden Zellen werden im Knochenmark produziert – doch um sie für eine Spende zu gewinnen, ist heute keine Entnahme von Knochenmark mehr nötig. Stattdessen werden die Stammzellen in den meisten Fällen aus dem Blut des Spenders entnommen. Für diese sogenannte periphere Stammzellspende wird dem Spender in der Regel vier bis sechs Tage lang ein auch im Körper vorkommender Botenstoff gespritzt. Der Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktor (GCSF) bewirkt dann, dass sich die Blutstammzellen aus dem Knochenmark lösen und ins Blut einwandern.

Dieses Verfahren ist allerdings nicht immer erfolgreich und kann mit unangenehmen Nebenwirkungen einhergehen. Weitere Nachteile sind die hohen Kosten und die Langwierigkeit der Prozedur. Aus diesem Grund suchen Mediziner schon länger nach anderen Möglichkeiten, um die Stammzellen ins Blut zu bringen. Stephanie Smith-Berdan von der University of Santa Cruz und ihre Kollegen haben nun eine überraschende Alternative zum bisher genutzten Wirkstoff entdeckt: das als Potenzmittel bekannte Viagra. In früheren Studien hatten die Forscher festgestellt, dass eine Erweiterung der Gefäße die Mobilisierung der Blutstammzellen zu erleichtern scheint. Genau diese Wirkung hat Viagra – würde sich das Medikament also für den Einsatz in der Stammzelltherapie eignen?

Wirkungsvolle Kombination

Um dies herauszufinden, testeten Smith-Berdan und ihr Team das Potenzmittel in Kombination mit dem Wirkstoff Plerixafor. Dieses Medikament ist wie der GCSF-Botenstoff dazu in der Lage, Stammzellen zur Einwanderung ins Blut anzuregen. Doch alleine verabreicht, wirkt es nicht effektiv genug. Im Versuch mit Mäusen zeigte sich: Plerixafor allein erhöhte die Zahl der Stammzellen im Blut im Vergleich zu unbehandelten Nagern um das Dreifache. Zusammen mit Viagra wurden dagegen deutlich mehr Blutstammzellen rekrutiert, wie die Forscher berichten. Nach einer einmaligen Einnahme von Viagra gefolgt von einer einzigen Plerixafor-Injektion hatten die tierischen Probanden rund 2.500 Stammzellen mehr im Blut. Das entsprach einem Anstieg um das 7,5-Fache. Und: Die ganze Prozedur dauerte nur zwei Stunden.

Wie die Wissenschaftler betonen, ist ihr neues Verfahren annähernd so effektiv wie die mehrtägige Standardbehandlung. So erhöhte sich die Zahl der Stammzellen im Tierversuch mit der gängigen Methode um etwa 3.400. „Unsere Ergebnisse zeigen ein attraktives, eintägiges Behandlungsregime mit bereits zugelassenen Medikamenten auf“, konstatieren Smith-Berdan und ihr Team. Die Forscher hoffen, dass die schnelle und unkomplizierte Behandlung in Zukunft mehr Menschen zur Stammzellspende motiviert. „Damit könnte die Zahl der Patienten, die von einer Knochenmarkspende profitieren, signifikant steigen“, sagt Smith-Berdans Kollegin Camilla Forsberg.

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Klinische Studien nötig

Gute Nachrichten bedeutet die Studie auch für kranke Menschen, die die Behandlung mit dem Wachstumsfaktor GCSF nicht vertragen – zum Beispiel Patienten mit Sichelzellanämie. Betroffene dieser erblich bedingten Erkrankung der roten Blutkörperchen könnten geheilt werden, indem ihre Blutstammzellen entnommen, genetisch verändert und anschließend wieder transplantiert werden. Um solche Gentherapien eines Tages anzuwenden, müssen die Stammzellen den Patienten aber auch ohne Komplikationen entnommen werden können.

Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob die Behandlung mit Viagra und Plerixafor die hohen Erwartungen wirklich erfüllen kann und auch bei Menschen sicher und wirkungsvoll ist. Bestätigt sich dies, könnte der Weg in die klinische Praxis jedoch deutlich schneller vonstattengehen und mit weniger Kosten verbunden sein als normalerweise üblich. Denn beide Medikamente sind in Europa und den USA bereits zugelassen. „Es wird derzeit viel Forschung betrieben, um neue Wirkstoffe zu finden. Doch auch die Umfunktionierung bewährter Medikamente kann Patienten helfen, für die eine Blutstammzelltransplantation bisher keine Option war“, schließt Smith-Berdan.

Quelle: Stephanie Smith-Berdan (University of California, Santa Cruz) et al., Stem Cell Reports, doi: 10.1016/j.stemcr.2019.09.004

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