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Gesundheit+Medizin

Vielversprechende Therapie gegen Tinnitus

Tinnitustherapie
Doppelte Reizung – per Strom an der Zunge und per Schall am Ohr. (Bild: Neuromod Devices Limited)

Piepen, Rauschen oder Summen im Ohr – ein Tinnitus kann die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen. Forscher haben nun in einer großen klinischen Studie einen neuen Therapieansatz getestet: Ihre Probanden nutzten zwölf Wochen lang täglich ein Gerät, das ihre Zunge elektrisch stimulierte und über Kopfhörer Geräusche abspielte. Der Studie zufolge besserten sich die Symptome im Verlauf der Behandlung deutlich und waren sogar ein Jahr später noch wesentlich milder als zuvor. Allerdings gab es keine Kontrollgruppe, die zum Vergleich nur eine Scheinbehandlung erhielt. Um die tatsächliche Effektivität der Therapie abzuklären, sind daher weitere Studien erforderlich.

Bei einem Tinnitus handelt es sich um Phantomgeräusche, die im Gehirn des Betroffenen entstehen. Ursachen können unter anderem Stress, Verspannungen oder ein Knalltrauma und andere Schäden an den Haarzellen des Innenohres sein. Bislang gibt es nur wenige wirksame Behandlungen. Krankenkassen bezahlen zum Beispiel das sogenannte Retraining, bei dem Betroffene unter ärztlicher und psychologischer Anleitung lernen, die Ohrgeräusche auszublenden. Ein neuer Therapieansatz setzt darauf, die Ursache im Gehirn zu behandeln: Durch elektrische Impulse sollen die Nervensignale so moduliert werden, dass sich die Ohrgeräusche langfristig verringern.

Verschiedene Stimulationsmuster getestet

Forscher um Brendan Conlon von Neuromod Devices, einem Anbieter von Medizingeräten, sowie dem Trinity College in Dublin haben diesen Ansatz nun in einer klinischen Studie an 326 Tinnituspatienten getestet. Dabei setzten sie auf sogenannte bimodale Neuromodulation, die elektrische Stimulation und akustische Signale kombiniert. Denn früheren Studien zufolge erhöht die elektrische Stimulation von Kopfhaut, Nacken oder Zunge die Plastizität in weiten Teilen des Gehirns. Die akustischen Signale wiederum aktivieren spezifisch die Hirnregionen, die fürs Hören zuständig sind. In Tierstudien hat die bimodale Neuromodulation bereits vielversprechende Ergebnisse gezeigt, und auch eine Pilotstudie an menschlichen Probanden verlief positiv.

Wie das Team um Conlon in der aktuellen Veröffentlichung darlegt, gibt es allerdings zahlreiche Variablen, die die Wirksamkeit beeinflussen können: Wo genau, in welcher Intensität und in welchen Abständen werden die elektrischen Impulse gesetzt? Sind sie synchron zu den akustischen Signalen oder zeitlich verzögert? Und welche Tonfrequenzen werden verwendet? Um alle möglichen Kombinationen zu testen, wären tausende Probanden erforderlich. Aus Gründen der Machbarkeit entschieden sich die Wissenschaftler, ihre Probanden in lediglich drei Gruppen aufzuteilen, in denen verschiedene Faktoren der Therapie variiert wurden. Auf diese Weise konnten sie mehrere Therapieschemata parallel testen. Der Nachteil dieses Vorgehens ist jedoch, dass sie mögliche Effekte nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen können. Da sie außerdem auf eine Kontrollgruppe verzichteten, ist unklar, wie groß die Wirkung im Vergleich zu einer Scheinbehandlung ist.

Schnelle und langfristige Besserung

Alle drei Gruppen wurden angewiesen, über zwölf Wochen hinweg täglich eine Stunde lang ein Gerät von Neuromod Devices anzuwenden, das ein bestimmtes Muster elektrischer Impulse an die Zunge abgibt und gleichzeitig über Kopfhörer Geräusche abspielt. Bei Gruppe 1 waren die Impulse und die Geräusche gleichzeitig und die vorgespielten Töne deckten ein weites Frequenzspektrum von sehr tief bis sehr hoch ab. In Gruppe 2 war das Frequenzspektrum genauso, die Töne und elektrischen Impulse waren aber zeitlich leicht versetzt. Gruppe 3 hörte nur tiefe Töne, die überdies eine deutlich längere Verzögerung gegenüber den elektrischen Impulsen hatten.

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Nach sechs Wochen zeigten Probanden aller drei Gruppen eine deutliche Besserung der Symptome. Dieser Trend setzte sich über die folgenden sechs Wochen der Behandlung fort, war aber weniger ausgeprägt als zu Beginn der Behandlung. Die Forscher vermuten als Grund, dass das Gehirn zunächst sehr stark auf die neuen Reize reagiert, sich mit der Zeit aber daran gewöhnt und weniger deutliche Reaktionen zeigt. Für zukünftige Studien schlagen sie deshalb vor, das Therapieschema probehalber nach der Hälfte der Zeit zu wechseln, um Gewöhnungseffekte zu reduzieren.

Weitere Studien geplant

Ein Jahr nach Abschluss der Behandlung hatten Probanden der Gruppen 1 und 2 nach wie vor deutlich mildere Tinnitussymptome als zuvor. Die Forscher schließen daraus, dass es für die Wirksamkeit keine Rolle spielt, ob die elektrischen und akustischen Signale gleichzeitig oder leicht zeitlich verzögert sind. Bei Gruppe 3 dagegen war der positive Effekt der Behandlung ein Jahr später nur noch schwach ausgeprägt. Ob der Grund dafür war, dass nur tiefe Töne vorgespielt wurden, oder ob die zeitliche Verzögerung zwischen den elektrischen und akustischen Signalen zu groß war, können die Forscher nur vermuten.

Nebenwirkungen tauchten nur sporadisch auf und umfassten zum Beispiel Kopfschmerzen sowie Missempfindungen auf der Zunge. In einer Befragung gaben die meisten Probanden an, dass sie mit der Behandlung zufrieden sind und sie weiterempfehlen würden. Die aktuelle Studie hat somit gezeigt, dass die bimodale Neuromodulation eine nebenwirkungsarme Therapie ist, die von Patienten gut akzeptiert wird. Verglichen mit anderen Studien, etwa zur kognitiven Verhaltenstherapie gegen Tinnitus, berichteten die Probanden von einer besonders deutlichen Linderung ihrer Symptome. Ob die Therapie tatsächlich wirksamer ist als bisherige Alternativen, müssen zukünftige Studien zeigen. Conlons Team plant nun weitere Untersuchungen, bei denen sie verschiedene Therapieschemata näher erforschen wollen.

Quelle: Brendan Conlon (Neuromod Devices Limited, Dublin) et al., Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.abb2830

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