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Gesundheit|Medizin

Warum eine Corona-Impfung Myokarditis auslösen kann

ANtikörper
Ist das Immunsystem fehlgeleitet, kann es Antikörper gegen körpereigene Gewebe und Moleküle produzieren. © Gilnature/ iStock

Vor allem bei jungen Männern kann nach einer mRNA-Impfung gegen Sars-CoV-2 in seltenen Fällen eine Herzmuskelentzündung auftreten. Jetzt hat ein deutsches Medizinerteam eine Ursache dafür identifiziert. Demnach stecken hinter dieser impfbedingten Myokarditis-Fällen spezielle Autoantikörper, die gegen ein zentrales, entzündungshemmendes Molekül gebildet werden. Normalerweise hemmt dieser Interleukin-1-Rezepetor-Antagonist (IL-Ra) überschießende Entzündungsreaktionen durch den Botenstoff Interleukin-1. Bei den Betroffenen ist dieser Rezeptor-Antagonist aber durch eine Anlagerung leicht verändert und löst daher die fehlgeleitete Bildung von Antikörpern gegen sich aus. Auch bei schweren Fällen von Covid-19 und dem bei Kindern vorkommenden Entzündungssyndrom MIS-C tritt dies auf.

Dank der Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 hat die Corona-Pandemie einen großen Teil ihres Schreckens verloren. Denn die Impfungen wappnen unser Immunsystem gegen das Coronavirus und verhindern so die meisten schwere Verläufe von Covid-19. Allerdings kann es in seltenen Fällen auch zu Nebenwirkungen der Impfung kommen. Bei den Vektor-Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson sorgten Anfang 2021 vor allem die gefährlichen Sinusvenenthrombosen für Aufsehen und führten letztlich dazu, dass diese Impfstoffe heute kaum mehr eingesetzt werden. Bei den mRNA-Impfstoffen fallen die Nebenwirkungen weniger schwerwiegend aus. In sehr seltenen Fällen kann die Impfung aber vor allem bei jungen Männern in etwa einem bis zehn Fällen von 100.000 zu einer Herzmuskelentzündung führen. Anders als die deutlich häufiger auftretende Myokarditis nach Covid-19 oder anderen Virusinfektionen verläuft diese „Impf-Myokarditis“ aber meist mild.

Autoantikörper gegen einen Entzündungshemmer

Warum diese impfbedingte Myokarditis auftritt und welcher Mechanismus dahintersteckt, dazu haben nun Lorenz Thurner vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg und seine Kollegen Neues herausgefunden. Für ihre Studie hatten sie 40 Patienten zwischen 14 und 79 Jahren mit einer durch Biopsie bestätigten Myokarditis nach einer Sars-CoV-2-Impfung immunologisch untersucht. Diese Daten verglichen sie mit denen von 214 geimpften gesunden Vergleichspersonen sowie 125 Patienten mit einer Myokarditis anderer Ursachen. Dabei suchten die Forschenden vor allem nach einem speziellen Autoantikörper, der schon zuvor vermehrt bei Patienten mit schwerem Verlauf von Covid-19 und bei Kindern mit dem Multisystemischen Entzündungssyndrom (MIS-C) nachgewiesen worden war. Bei MIS-C, auch als PIMS – „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ – bekannt, handelt es sich um eine schwere körperweite Entzündung, die einige Wochen nach der akuten Coronavirus-Infektion auftreten kann.

Die Analysen ergaben, dass die in diesen Fällen häufig auftretenden Autoantikörper auch im Blut der Impflinge mit Myokarditis vorkamen. Bei 75 Prozent der unter 21-jährigen Patienten enthielt das Blut Autoantikörper gegen einen zentralen körpereigenen Entzündungshemmer namens Interleukin-1-Rezepetor-Antagonist (IL-Ra). Bei IL-Ra handelt es sich um ein Molekül, das die Andockstellen des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-1 auf der Oberfläche der Zellen blockiert und so überschießende entzündliche Immunreaktionen stoppen kann. „Gerade bezüglich Entzündungen an Herzbeutel, Herzmuskel sowie Gefäßen wissen wir bereits um die zentrale Bedeutung von Interleukin-1“, erklärt Co-Autor Christoph Kessel vom Universitätsklinikum Münster. „Unser Immunsystem reguliert sich jedoch normalerweise selbst und gerade hochpotente Interleukine haben natürliche Gegenspieler.“ Doch bei zumindest einem Teil der Patienten mit impfbedingter Myokarditis bekämpft das eigene Immunsystem offenbar irrtümlich diese wichtigen Gegenspieler und fördert so Entzündungen.

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Atypische Anhänge am Molekül

Einen möglichen Grund für diese fehlgeleitete Autoimmunreaktion konnten Thurner und seine Kollegen durch nähere Untersuchung des Interleukin-1-Rezepetor-Antagonists bei diesen Patienten nun klären: „Bei den Patienten mit Myokarditis findet sich meist eine atypische Form von IL-Ra mit einer zusätzlichen Phosphorylierung“, berichtet Thurner. Das Molekül trägt bei ihnen eine zusätzliche Phosphorgruppe an einer Stelle seiner Proteinkette – ähnliches war auch schon bei Kindern mit MIS-C und Erwachsenen mit schwerem Covid-19-Verlauf nachgewiesen worden. Dieser Anhang am IL-Ra-Molekül stört die Erkennungssysteme der Immunabwehr: „Das Immunsystem bewertet diesen dann als körperfremde Struktur und bildet fälschlicherweise Antikörper dagegen“, erklärt Thurner. „Durch diese wird dann der wichtige Entzündungshemmer neutralisiert und somit die Wirkung entzündungsfördernder Botenstoffe begünstigt.“

Der Nachweis der Autoantikörper und der atypischen IL-Ra-Moleküle wirft damit ein erstes Licht auf die Vorgänge, durch die eine Impfung bei manchen Menschen eine Myokarditis hervorrufen kann. Warum allerdings nur einige Menschen vorübergehend Anlagerungen an ihren Interleukin-1-Rezepetor-Antagonisten ausbilden und so die Immunabwehr irritieren, ist noch unklar. Diese Frage muss nun weiter erforscht werden. „Man muss in diesem Kontext jedoch klarstellen, dass Impfungen gegen Sars-CoV-2 unzählige schwere Krankheitsverläufe verhindert und sehr viele Leben gerettet haben“, betont Co-Autorin Karin Klingel vom Universitätsklinikum Tübingen. „Wir sind fest davon überzeugt, dass der Nutzen der mRNA-Impfungen mit dem daraus resultierenden Schutz gegen schwere Sars-CoV-2-Infektionen und schwere Komplikationen bei weitem das Risiko einer milden Myokarditis überwiegt.“

Quelle: Lorenz Thurner (Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg) et al., New England Journal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMc2205667

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