Was tun gegen die Ausbreitung des Coronavirus? - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Was tun gegen die Ausbreitung des Coronavirus?

Coronavirus
Ausbreitung des neuen Coronavirus. (Bild: Sinenkiy/ iStock)

Weltweit versuchen Gesundheitsbehörden, die Ausbreitung des neuen Coronavirus einzudämmen – mit bisher nur geringem Erfolg. Was klassische Maßnahmen wie Fiebermessen und Befragung von Reisenden konkret bringen, haben nun mehrere Forscherteams mithilfe von Modellen untersucht. Das Ergebnis: Selbst im günstigsten Fall erfasst dieses Screening nur rund ein Drittel der infizierten Personen, im ungünstigsten Falle nur ein Zehntel. Der Grund dafür sind die relativ lange Inkubationszeit und der teilweise symptomlose Verlauf der Infektion. Der Höhepunkt der Epidemie steht wahrscheinlich noch bevor.

Die Epidemie mit dem neuen Coronavirus 2019-nCoV löst weltweit Besorgnis aus und trägt schon jetzt dazu bei, die Wirtschaft Chinas und der Welt empfindlich zu beeinträchtigen. Ausgehend von der Millionenstadt Wuhan hat sich dieses Virus seit Dezember 2019 rasant in China und darüber hinaus ausgebreitet. Inzwischen sind insgesamt knapp 25.000 Fälle von Infektionen mit 2019-nCoV bekannt, gut 425 Menschen sind gestorben. Außerhalb Chinas werden Fälle aus 24 Ländern gemeldet. Auch in Deutschland sind zwölf Menschen erkrankt. Als Reaktion auf die Ausbreitung des Virus hat China inzwischen mehrere Großstädte in der Provinz Hubei fast komplett von der Außenwelt abgeriegelt, Veranstaltungen wurden abgesagt, viele Fabriken und Geschäfte sind geschlossen.

Entwichen schon vor der Quarantäne

Doch die strengen Quarantäne-Maßnahmen kommen zu spät, wie sowohl die Fallzahlen als auch eine neue Modellstudie bestätigen. Demnach gab es noch vor Beginn der Quarantäne für Wuhan am 22. Januar eine mindestens 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Virus sich schon in 128 weitere chinesische Städte ausgebreitet hatte, wie Zhanwei Du von der University of Texas in Austin und sein Team berichten. In den Metropolen Peking, Schanghai, Guangzhou und Shenzhen gab es der Studie zufolge zu diesem Zeitpunkt schon mindestens einen, wahrscheinlich mehrere unerkannte Coronavirus-Fälle. „Die jetzige Quarantäne kann sicherlich die weitere Ausbreitung des Virus aus Wuhan eindämmen“, so die Forscher. „Aber als sie eingerichtet wurde, hatte sich das neuartige Coronavirus längst in ganz China und Teilen der Welt ausgebreitet.“ Gestützt wird dies durch die Tatsache, dass es inzwischen erkrankte Menschen in jeder chinesischen Provinz und Region gibt.

Weltweit versuchen Gesundheitsbehörden nun, die weitere Ausbreitung des Coronavirus durch verschiedene Maßnahmen einzudämmen. Dazu gehört unter anderem das Fiebermessen an Flughäfen, Bahnhöfen und anderen Ankunftsorten Fernreisender, aber auch die Befragung von aus China ankommenden Passagieren. Einige Fluglinien, darunter auch die Lufthansa, haben zudem Direktflugverbindungen nach China vorübergehend ausgesetzt. Was Screening-Maßnahmen gegen die Einschleppung des Virus bringen, haben nun mehrere Forschergruppen untersucht. Basis der Modellstudien ist die Annahme, dass die Zeit von der Infektion bis zur Entwicklung der ersten Symptome bei 2019-nCoV im Schnitt fünf bis sechs Tage dauert. Allerdings sind auch Fälle bekannt, in denen die Inkubationszeit zwei Wochen betrug. Ebenfalls entscheidend für die Wirksamkeit der Screenings ist der Anteil der fast symptomlos verlaufenden Infektionen. Aktuellen Schätzungen nach könnte der Anteil dieser subklinischen Fälle bei 2019-nCoV sehr hoch sein.

Screenings greifen nur in wenigen Fällen

In Bezug auf die Erkennungsquote der Screenings kommen beide Modellstudien zu fast dem gleichen Ergebnis: Durch Fiebermessen und Befragungen wird nur ein kleiner Teil der infizierten Passagiere erkannt. Billy Quilty von der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) und seine Kollegen haben ermittelt, dass nur neun von 100 infizierten Reisenden beim Eingangs-Screening nach einem Langstreckenflug erkannt werden. „Die Eingangskontrolle für Flüge aus betroffenen Gebieten scheint eine sinnvolle Maßnahme, um das Einschleppen des Coronavirus zu verhindern“, so Quilty. „Unsere Arbeit unterstreicht aber, dass das thermische Screening nicht jeden Reisenden mit diesem Virus detektieren kann.“ Ein zweites Forscherteam um Katelyn Gostic von der University of Chicago kommt zu ähnlichen Schlüssen. „Selbst unter den besten Bedingungen, wenn nur eine Infektion von 20 symptomlos bleibt und alle Reisenden sowohl durch eine Ausreise-, als auch durch eine Einreisekontrolle gehen, würden im Mittel nur 34 Prozent der Fälle erkannt“, so die Forscher. Geht man von einem höheren Anteil an subklinischen Fällen aus, wäre die Effektivität der Screening-Maßnahmen deutlich geringer: Nur noch einer von zehn Infizierten würde detektiert.

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Nach Ansicht der Forscher bedeutet dies, dass zusätzlich zu den Screenings andere Methoden der Epidemie-Prävention nötig sind. Zu diesen kann beispielsweise gehören, dass ankommende Passagiere aufgefordert werden, sich bei später auftretenden Symptomen zu melden und dass nötigenfalls ihre Kontaktdaten erfasst werden. Denn dies erleichtert es im Falle einer Erkrankung, die möglichen Kontaktpersonen zu finden. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit für Maßnahmen, durch die Reisende und ihre Kontakte im Falle einer Erkrankung auch nachträglich nachverfolgt werden können“, sagen Gostic und ihr Team. Auch eine Quarantäne von aus Hubei einfliegenden Passagieren, wie zuletzt bei den evakuierten Deutschen durchgeführt, kann dazu beitragen, Infizierte ohne Krankheitssymptome zu erkennen, bevor sie das Virus unwissentlich weitertragen.

Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Epidemie an Schwung verliert. Nach Angaben von Zhong Nanshan vom nationalen Expertenteam in China wird der Peak der Coronavirus-Infektionen erst in zehn Tagen bis zwei Wochen erwartet. Welche Basis diese Annahmen haben, wurde jedoch nicht verlautbart.

Quelle: Zhanwei Du (University of Texas, Austin) et al. Preprint; William Quilty (London School of Hygiene and Tropical Medicine) et al. Preprint; Katelyn Gostic (University of Chicago) et al., preprint; WHO

 

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