Medizinisches Cannabis, gewonnen aus Hanfpflanzen, enthält mehrere pharmakologisch wichtige Bestandteile. Dazu zählen vor allem Tetrahydrocannabinol (THC), das für die berauschende Wirkung verantwortlich ist, und Cannabidiol (CBD), das angstlösend und schmerzlindernd, aber nicht halluzinogen wirkt. Ein weiterer Bestandteil ist Cannabinol (CBN). Dieses entsteht beim Abbau von THC und kommt daher vor allem in älterem Cannabis vor. Es hat eine deutlich geringere berauschende und psychoaktive Wirkung als THC.
Tiefschlaf und Traumschlaf verlängert
„Seit fast 50 Jahren besteht die Vermutung, dass das pflanzliche Cannabinoid CBN den Schlaf verbessert, ohne dass es dafür belastbare wissenschaftliche Beweise auf der Grundlage objektiver Schlafmessungen gibt“, erklärt ein Team um Jonathon Arnold von der University of Sydney in Australien. An Ratten haben Arnold und seine Kollegen nun solche Messungen vorgenommen. Dazu implantierten sie 62 Ratten Elektroden ins Gehirn und in die Nackenmuskeln. Nachdem sich die Tiere von der Operation erholt hatten, spritzten die Forschenden ihnen entweder aufgereinigtes CBN oder zum Vergleich das Schlafmittel Zolpidem und analysierten, wie sich diese Behandlung auf den Schlaf der Ratten auswirkte.
Das Ergebnis: „CBN erhöhte sowohl den REM-Schlaf, also den Traumschlaf, als auch den Nicht-REM-Schlaf, also den Tiefschlaf, was zu einer längeren Gesamtschlafdauer führte“, berichtet Arnold. Dabei war die Wirkung auf den Tiefschlaf ähnlich stark wie bei dem Schlafmittel Zolpidem, setzte allerdings erst mit einer Verzögerung von etwa drei bis vier Stunden ein. „Unsere Studie liefert den ersten objektiven Beweis dafür, dass CBN den Schlaf verbessert, indem es die Architektur des Schlafs auf positive Weise verändert – zumindest bei Ratten“, sagt Arnold.
Aktives Abbauprodukt
Zusätzlich untersuchten die Forschenden, über welche Rezeptoren die schlaffördernde Wirkung des Cannabinol vermittelt wird. Während THC vor allem die CB1-Cannabinoidrezeptoren im Gehirn aktiviert und dadurch seine halluzinogene Wirkung entfaltet, zeigte CBN im Einklang mit früheren Studien eine deutlich geringere Affinität für diesen Rezeptor. Entsprechend wirkten die behandelten Ratten den Forschenden zufolge nicht berauscht. Zu ihrer Überraschung stellten sie jedoch fest, dass eines der Abbauprodukte von CBN im Körper, genannt 11-OH-CBN, die CB1-Rezeptoren deutlich stärker aktiviert als sein Muttermolekül.
Um die dadurch ausgelösten Effekte genauer zu analysieren, synthetisierten die Forschenden selbst 11-OH-CBN und verabreichten es den Ratten direkt. Dabei stellten sie einen zweiphasigen Effekt fest, wobei 11-OH-CBN den Tiefschlaf zunächst hemmte und später förderte. Zumindest teilweise könnte die Wirkung von CBN demnach auf sein Abbauprodukt zurückzuführen sein. „Zum jetzigen Zeitpunkt beschränken sich unsere Ergebnisse auf Tests an Ratten“, sagt Arnold. „Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um festzustellen, ob sich diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen.“ Sollte dies der Fall sein, könnte sich aus Cannabis möglicherweise ein neuartiges Schlafmittel gewinnen lassen.





