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Gesundheit+Medizin

Wie die Gene unsere Moral beeinflussen

DNA
Unsere Gene beeinflussen auch unser Verhalten und unsere Einstellungen. (Bild: ktsimage/ iStock)

Viele Menschen teilen ähnliche Moralvorstellungen wie ihre Eltern. Dazu zählt auch die Einstellung gegenüber dem Konsum von Freizeitdrogen und gegenüber Sex ohne feste Bindung. Um herauszufinden, inwieweit diese Moralvorstellungen genetisch verankert sind und ob sie zusammenhängen, haben Forscher nun tausende Zwillingspaare und ihre Geschwister befragt. Das Ergebnis: Die Gene haben einen großen Einfluss auf die Einstellung zu Drogen und Gelegenheitssex. Überdies lassen sich die Einstellungen zu beiden Themen wahrscheinlich auf eine gemeinsame genetische Grundlage zurückführen.

Psychologen gehen davon aus, dass viele unserer moralischen Vorstellungen letztlich durch Eigeninteresse bestimmt sind. Frühere Studien haben gezeigt, dass Menschen, die gerade hungrig sind, eher soziale Wohlfahrt befürworten, und körperlich kräftige Menschen eher zu Moralsystemen tendieren, die Stärke belohnen. Doch welchen Vorteil haben Menschen davon, wenn sie verurteilen, dass andere in ihrer Freizeit Drogen konsumieren? Eine These ist, dass Drogenkonsum mit ausschweifendem Sexualverhalten assoziiert ist, und dieses wiederum eine Bedrohung für Menschen darstellt, die viel in partnerschaftliche Beziehungen investieren. Inwieweit die Moralvorstellungen in den Bereichen Drogen und Sexualität jedoch zusammenhängen und ob sie eher durch unsere Gene oder durch unsere Umwelt bedingt sind, war allerdings bislang unklar.

Einstellungen zu Sex und Drogen

Ein Team um Annika Karinen von der Freien Universität Amsterdam hat diese Fragen nun in einer großen Zwillingsstudie untersucht. Dazu befragten die Forscher fast 6.000 ein- und zweieiige Zwillinge und über 2.000 Geschwister von Zwillingen zu ihren Einstellungen bezüglich Drogen und Sex. Die Probanden stuften beispielsweise ein, ob sie es moralisch verwerflich finden, wenn jemand auf einer Party Marihuana konsumiert, ob sie sich unverbindlichen Sex ohne feste Bindung vorstellen können und inwieweit sie sich vor bestimmten sexuellen Tätigkeiten wie Oralverkehr ekeln. Zusätzlich füllten sie Fragebögen zu ihrer religiösen und politischen Orientierung aus.

Mit Hilfe statistischer Methoden untersuchten Karinen und ihre Kollegen Korrelationen zwischen den Antworten und werteten überdies aus, wie ähnlich sich die Antworten eineiiger Zwillinge im Vergleich zu denen von Geschwistern oder zweieiigen Zwillingen waren. Die Annahme dabei: Da eineiige Zwillinge 100 Prozent des Genmaterials teilen, zweieiige Zwillinge und Geschwister dagegen nur 50 Prozent, weisen höhere Übereinstimmungen zwischen eineiigen Zwillingen auf einen genetischen Einfluss hin. Anhand der Studie konnten die Forscher somit Schlüsse ziehen, welche Anteile die Genetik, das gemeinsame Umfeld im gleichen Elternhaus und der gleichen Gemeinde sowie einzigartige Erfahrungen, die ein Individuum nicht mit seinen Geschwistern teilt, hatten.

Gene wichtiger als gemeinsame Erfahrungen

Das Ergebnis: „Die Zwillingsmodellierung deutet darauf hin, dass familieninterne Ähnlichkeiten sowohl bei der Verurteilung von Drogen als auch bei der sexuellen Strategie eher auf gemeinsame genetische als auf gemeinsame Umwelteinflüsse zurückzuführen sind“, so die Forscher. Das schließen sie aus der Tatsache, dass die Antworten eineiiger Zwillinge zu den moralischen Fragen deutlich mehr übereinstimmten als die Antworten zweieiiger Zwillinge und anderer Geschwister. Das gemeinsame Elternhaus spielt demnach nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen sind die moralischen Ansichten in Bezug auf Drogen und Sex der Studie zufolge zu rund 50 Prozent vererbbar, während die restlichen 50 Prozent der Abweichung durch das einzigartige soziale Umfeld erklärt werden.

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In Übereinstimmung mit früheren Erhebungen zeigten sich deutliche Verbindungen zwischen der Offenheit für unverbindlichen Sex und der Einstellung gegenüber Drogen: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Personen, denen beim Sex ein hohes Maß an Bindung wichtig ist, den Freizeitdrogenkonsum eher verurteilen, selbst wenn wir Persönlichkeitsmerkmale, Religiosität und politische Ideologie herausrechnen“, schreiben Karinen und ihre Kollegen. 75 Prozent dieser Korrelation lassen sich den Forschern zufolge durch genetische Effekte erklären, wobei 40 Prozent der Gene, die der Offenheit für unverbindlichen Sex zugrunde liegen, auch die moralischen Ansichten über Freizeitdrogen beeinflussen.

Moral in den Genen

„Wichtige Teile der brisanten Fragen des Kulturkampfes ergeben sich aus Unterschieden in den Lebensstilpräferenzen der Menschen, und diese Unterschiede scheinen teilweise eine genetische Grundlage zu haben“, sagt Karinen. Eine interessante Frage sei in diesem Zusammenhang, inwieweit dies abseits von Drogen und Sexualität auch auf weitere Moralvorstellungen zutrifft. „Solche Erkenntnisse können in Verbindung mit den hier berichteten zur Aufklärung der biologischen Faktoren beitragen, die unserer moralischen und politischen Psychologie zugrunde liegen“, so die Forscher.

Quelle: Annika Karinen (Freie Universität Amsterdam, Niederlande) et al., Psychological Science, doi: 10.1177/0956797621997350

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