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Wie Herzen tatsächlich durch Kummer brechen

Gebrochenes-Herz-Syndrom ist durch eine Form im Herzen geprägt (rot), die einer japanischen Tintenfischfalle ähnelt – daher kommt die alternative Bezeichnung: Tako-Tsubo-Syndrom. (Bild: Professor Christian Templin, University Hospital Zurich)

„Kummer kann Menschen das Herz brechen“ – dies ist nicht nur eine metaphorische Beschreibung: Herzen können durch emotionalen Stress tatsächlich Schaden nehmen. Mediziner bezeichnen dieses Phänomen als Gebrochenes-Herz-Syndrom oder als Stress-Kardiomyopathie. Eine aktuelle Studie wirft nun Licht auf die Verknüpfungen zwischen den emotionalen Zentren, der Steuerung von unbewussten Körperfunktionen im Gehirn und den lebensgefährlichen Veränderungen am Herzen.

Schon bei den alten Ägyptern galt das Herz als Sitz der Gefühle und auch heute spiegelt sich diese Vorstellung noch in einigen Bezeichnungen und Redewendungen wider: Herzen schmerzen oder sind schwer und an einem gebrochen Herzen kann man sogar sterben, heißt es. Diese Ausdrücke gehen auch aus der Beobachtung hervor, dass es eine Verknüpfung zwischen Emotionen und realen Effekten auf dieses Organ geben kann. In diesem Zusammenhang wurde erstmals 1990 der Begriff Gebrochenes-Herz-Syndrom (GHS) beziehungsweise Stress-Kardiomyopathie geprägt.

Das Phänomen ist durch eine plötzliche Schwächung der Herzmuskulatur gekennzeichnet, die dazu führt, dass sich der linke Ventrikel des Herzens an der Unterseite aufbläht, während der Hals schmal bleibt. Dadurch entsteht eine Form, die einer japanischen Tintenfischfalle (Tako-Tsubo) ähnelt – daher kommt die dritte gängige Bezeichnung des Zustands: Tako-Tsubo-Syndrom. Diese Veränderung des Herzens ist lebensgefährlich: Patienten entwickeln Brustschmerzen und Atemnot und ein Herzinfarkt droht. Frauen sind überdurchschnittlich häufig betroffen – nur bei etwa zehn Prozent der Fälle handelt es sich um Männer.

Herzprobleme mit Ursache im Kopf?

Wie die Bezeichnung Gebrochenes-Herz-Syndrom verdeutlicht, tritt das Phänomen im Zusammenhang mit schweren emotionalen Zuständen auf – wie Trauer, Ärger oder Angst. Somit liegt nahe, dass es eine Verknüpfung zwischen den Veränderungen am Herzen und dem realen Sitz der Emotionen gibt – dem Gehirn. Diesem Zusammenhang sind nun die Forscher um Christian Templin vom Universitätsspital Zürich nachgegangen. Im Rahmen ihrer Studie haben sie die Gehirne von 15 GHS-Patienten mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) untersucht. Die Ergebnisse verglichen die Forscher anschließend mit den Hirnscans von gesunden Probanden.

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„Wir haben bei den GHS-Patienten eine auffällig reduzierte Kommunikation zwischen Hirnregionen festgestellt, die für emotionale Verarbeitung zuständig sind und solchen, die eine Rolle im autonomen Nervensystem spielen, das unbewusste Körperfunktionen steuert – wie etwa den Herzschlag“, berichtet Templin. „Es wird somit deutlich, dass das Gehirn an dem zugrundeliegenden Mechanismus des Phänomens beteiligt ist“, so der Wissenschaftler. Es wurde in diesem Zusammenhang bereits vermutet, dass die Überstimulation des autonomen Nervensystems zu GHS-Ereignissen führen kann. Diesen Erklärungsansatz konnten die Forscher nun durch ihre Ergebnisse untermauern.

Psychischer Stress, der aufs Herz schlägt

„Interessant ist auch, dass es sich bei den Gehirnregionen, die wir bei den GHS-Patienten als vergleichsweise wenig kommunikativ festgestellt haben, um die gleichen handelt, von denen angenommen wird, dass sie unsere Reaktion auf Stress steuern“, sagt Templin. Ihm zufolge könnte dies mit der Neigung zur Entwicklung eines Gebrochenes-Herz-Syndroms verknüpft sein.

Wie die Forscher betonen sind nun weitere Untersuchungen nötig, um die Ergebnisse zu bestätigen und auszuweiten. Eine Einschränkung ist ihnen zufolge bisher, dass sie kein Vorher-Nachher-Vergleichsmaterial hatten: Es lagen keine fMRT-Scans der Probanden vor, bevor sie ein Gebrochenes-Herz-Syndrom entwickelt haben. Somit können die Wissenschaftler bisher nicht mit Sicherheit sagen, ob die verringerte Kommunikation zwischen den Hirnregionen das GHS verursacht hat oder umgekehrt. „Zusätzliche Studien sind nun nötig, um festzustellen, ob dies eine ursächliche Beziehung ist“, sagt Jelena Ghadri. „Letztlich hoffen wir, dass unsere Forschung zur Entwicklung präventiver, therapeutischer und diagnostischer Strategien zur Verbesserung der Patientenversorgung bei GHS führen kann“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: European Society of Cardiology, European Heart Journal, doi: 10.1093/eurheartj/ehz068

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