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Gesundheit+Medizin

Wie wir sitzen

Sitzen
Wie lange wir am Stück sitzen, haben Forscher untersucht. (Bild: ONYXprj/ iStock)

Die meisten Menschen verbringen inzwischen ihren Tag vorwiegend im Sitzen. Doch wie ausdauernd dabei unser „Sitzfleisch“ ist und wie oft wir beispielsweise zwischendurch kurz aufstehen, war bislang kaum bekannt. Jetzt haben dies Forscher bei 156 im Büro arbeitenden Versuchspersonen mittels Sensoren mitverfolgt. Dabei zeigte sich, dass die ununterbrochenen Sitzphasen meist überraschend kurz sind – nach nur wenigen Minuten stehen viele schon wieder kurz auf. Diese Wechsel sind von der persönlichen Fitness oder dem Alter unabhängig, nehmen aber im Laufe des Arbeitstages zu. Gleichzeitig gab es aber bei vielen Probanden auch lange Phasen ohne Aufstehen und damit ein Sitzverhalten, das als gesundheitsschädlich gilt.

Viele von uns verbringen den Großteil ihres Tages sitzend und ohne viel körperliche Aktivität: Wir sitzen im Büro am Schreibtisch, fahren im Auto oder der Bahn nach Hause, setzen uns zum Essen hin und sitzen später auf dem Sofa. Für unsere Gesundheit ist das Gift, denn zu langes Sitzen erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und einen früheren Tod, wie Studien belegen. „Problematisch ist auch, dass diese negativen Gesundheitsfolgen auch bei denen vorhanden zu sein scheinen, die ansonsten das empfohlene Maß an täglicher Bewegung zeigen“, erklären Pam ten Broeke von der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen und ihre Kollegen. Mit anderen Worten: Selbst wer nach der Arbeit noch joggen geht oder in Fitnessstudio trainiert, kann die Folgen des langen Sitzens nicht komplett ausgleichen. „Um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung zu verbessern, ist es daher entscheidend, das Sitzverhalten der Menschen zu verändern“, so die Forscher. Denn Studien legen nahe, dass vor allem längere, ununterbrochene Phasen des Sitzens schädlich sind.

Sitzunterbrechungen protokolliert

Wie das individuelle Sitzverhalten tagsüber aussieht und wie häufig wir beispielsweise bei der Arbeit am Schreibtisch doch mal aufstehen, wurde bislang kaum untersucht. Meist legten die Studien nur die insgesamt sitzend verbrachte Zeit zugrunde. „Ein solcher statischer Ansatz übersieht aber die Tatsache, dass das Sitzen ein hoch dynamisches Phänomen ist, das durch eine kontinuierliche Kette von Wechseln zwischen Sitzen und Stehen gekennzeichnet ist“, erklären ten Broeke und ihre Kollegen. Wir stehen beispielsweise mal kurz auf, um uns zu strecken, um Kaffee zu holen oder auf die Toilette zu gehen. Um diese kurzen Unterbrechungen des Sitzens zu erfassen, haben die Forscher nun 156 Menschen mit einem Schreibtischjob über mehrere Tage hinweg mit einem Sensor ausgestattet. Dieser um den Oberschenkel getragene Beschleunigungsmesser registrierte, wann und wie lange die Versuchspersonen während ihrer Arbeitszeit aufstanden oder saßen. Im Laufe von sieben Tagen sammelten die Wissenschaftler so Daten zu mehr als 30.000 Positionswechseln ihrer Probanden.

Dies ermöglichte es ihnen auszuwerten, wer wann, wie lange sitzenblieb oder aufstand. Die Ergebnisse enthüllten, dass die meisten Menschen weit häufiger zwischen Sitzen und Stehen wechseln als ihnen bewusst ist. „Im Schnitt standen die Teilnehmer nach 5,6 Minuten des Sitzens wieder auf und setzten sich nach rund 1,8 Minuten des Stehens“, berichten ten Broeke und ihr Team. „Diese kurzen Zeitintervalle deuten darauf hin, dass Teilnehmer häufig relativ schnell zwischen Sitzen und Stehen wechseln.“ Allerdings galt dies nicht für alle und auch nicht alle Tage: Im Schnitt 15 Prozent der Sitzphasen dauerten länger als 30 Minuten und 88 Prozent der Probanden verbrachten an mindestens einem der untersuchten Tage lange ununterbrochene Zeiten des Sitzens. „Trotz der verhältnismäßig großen Zahl kurzer Sitz- Und Stehphasen gibt es demnach reichlich ungesundes Sitzverhalten am Arbeitsplatz, konstatieren die Forscher.

Tageszeit spielt eine Rolle, persönliche Fitness nicht

In einer weiteren Analyse haben ten Broeke und ihre Kollegen untersucht, welche Faktoren das „Sitzfleisch“ ihrer Versuchspersonen beeinflussen. Dabei zeigte, sich, dass die Tageszeit eine Rolle spielt: Um 09:00 Uhr morgens dauerten die Sitzphasen im Schnitt 7,1 Minuten und die Stehphasen 2 Minuten, am Nachmittag gegen 17:00 Uhr verkürzten sich beide Phasen auf nur noch 4,4 und 1,6 Minuten. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte dies mit der Ermüdung durch den Arbeitstag zusammenhängen: „Später am Tag fühlen sich die Menschen erschöpfter und damit auch rastloser und weniger konzentriert. Als Folge verändern sie ihre Position beim Arbeiten dann häufiger“, so ten Broeke und ihr Team. Lange ununterbrochene Sitzphasen kommen dagegen häufiger am Vormittag vor, wenn Menschen konzentriert und vertieft an einer Aufgabe arbeiten. Interventionen sollten sich nach Ansicht der Forscher daher vor allem auf diese frühen Phasen des Arbeitstages konzentrieren.

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Die Auswertungen enthüllten auch, dass die individuelle Fitness entgegen den Erwartungen keine Rolle dafür spielt, wie häufig und lange jemand im Laufe des Arbeitstags aufsteht. Menschen mit Übergewicht, in höherem Alter oder mit eher unsportlicher Lebensweise blieben demnach nicht länger oder häufiger sitzen als junge, sportliche Versuchspersonen. „Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass ungesundes Sitzverhalten ein allgemeines Problem vieler Berufstätiger ist und nicht nur eines der körperlich weniger fitten oder älteren Menschen“, betont das Forscherteam. Durchaus einen Einfluss hat es dagegen, ob und wie man sich in den fünf Stunden vor der Messung bewegt hat: „Nach Perioden längeren Stehens, höherer Aktivität und mehr Anstrengung neigten die Teilnehmer eher dazu, schnell wieder aufzustehen und saßen weniger lange“, berichten ten Broeke und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach könnten ihre Erkenntnisse nun dazu beitragen, gezielte und effektivere Strategien gegen das zu lange Sitzen zu entwickeln – und so die Gesundheit von Millionen „Schreibtischtätern“ verbessern.

Quelle: Pam ten Broeke (Radboud University, Nijmegen) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2001284117

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