Wochenendschlaf bringt's nicht - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Wochenendschlaf bringt’s nicht

Schlaf
Genügend Schlaf ist wichtig – an jedem Tag. (Bild: andresr/ iStock)

Die meisten Menschen schlafen wochentags zu wenig – und holen den Schlaf dann am Wochenende nach. Doch wie sich nun zeigt, hilft das leider nicht gegen die gesundheitlichen Folgen des Schlafmangels – im Gegenteil. Wie Forscher in einer Schlafstudie feststellten, bringt der Rhythmuswechsel die innere Uhr offenbar erst recht durcheinander. Als Folge steigen die Insulin-Resistenz und die Neigung zu Übergewicht sogar stärker an als bei Menschen, die konstant zu wenig schlafen. Das bedeutet: Wer etwas für seine Gesundheit tun möchte, muss regelmäßig genügend schlafen – nachholen am Wochenende bringt nichts.

Schlaf ist für uns Menschen überlebenswichtig. Denn in dieser Zeit laufen in uns viele Prozesse ab, die für die Regeneration von Körper und Geist entscheidend sind: Wachstumshormone sorgen für die Reparatur von Zellschäden und fördern die Wundheilung, das Immunsystem nutzt diese Ruhepause, um den Kampf gegen Erreger zu intensivieren. Auch unser Gehirn benötigt den Schlaf, um Abfallstoffe auszuschwemmen, Gelerntes abzuspeichern und um die Synapsen auf die Aufnahme neuer Informationen vorzubereiten. Entsprechend ungesund ist es, wenn wir zu wenig schlafen. Studien belegen, dass dies nicht nur die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, sondern auch den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System. Häufiger Schlafmangel kann dadurch Übergewicht, Diabetes und Herzleiden fördern. Unter anderem deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO mindestens sieben Stunden Schlaf täglich.

Zwei Wochen im Schlaflabor

Das Problem: Die meisten Menschen schaffen es im Alltag kaum, genügend Schlaf zu bekommen. Frühes Aufstehen für Schule oder Beruf und der Wunsch, nach der Arbeit wenigstens noch ein wenig Zeit mit Familie, Hobbies oder Freuden zu verbringen, führt bei vielen zu einem Schlafdefizit. Meist schafft man es erst am Wochenende, den fehlenden Schlaf durch langes Ausschlafen nachzuholen. Aber kann dieser Wochenendschlaf die schädlichen Effekte des werktäglichen Schlafmangels ausgleichen? Das haben nun Christopher Depner von der University of Colorado in Boulder und seine Kollegen untersucht.

Für ihre Studie baten die Forscher 36 junge, gesunde Versuchspersonen für zwei Wochen ins Schlaflabor. In den ersten drei Tagen folgten alle einem Kontrollrhythmus mit rund neun Stunden Schlaf pro Nacht. Dann teilten die Wissenschaftler ihre Probanden in drei Gruppen auf: Die Kontrollgruppe schlief weiterhin neun Stunden, eine zweite bekam jede Nacht nur fünf Stunden Schlaf. Die dritte Gruppe jedoch folgte einem typischen Wochenrhythmus: Fünf Tage lang bekamen sie nur fünf Stunden Schlaf, dann durften sie zwei Tage lang schlafen, solange sie wollten. Zum Abschluss folgten weitere drei Tage mit eingeschränktem Schlaf. Bei allen Probanden kontrollierten die Forscher das Körpergewicht, die Kalorienzufuhr und die Essensmenge, aber auch die Insulinsensibilität verschiedener Gewebe und den Spiegel des Schlafhormons Melatonin.

Wochenendschlaf wirkt eher negativ

Es zeigte sich: Der Schlafmangel führte bei allen Probanden im Fünf-Stunden-Regime zu messbaren Folgen. Im Schnitt nahmen sowohl die Dauerkurzschläfer als auch die Werktags-Kurzschläfer im Laufe des Versuchs 1,3 bis 1,4 Kilogramm zu – vor allem, weil sie abends und nachts mehr genascht hatten, berichten die Forscher. Durch den Schlafmangel verschob sich zudem der Rhythmus der inneren Uhr nach hinten, wie die Melatoninwerte zeigten. Auch der Zuckerstoffwechsel reagierte: In der Gruppe der Dauerkurzschläfer sank die Insulinsensibilität der Probanden im Schnitt um 13 Prozent. Das Überraschende jedoch: Auch das eingeschobene Wochenende mit längerem Ausschlafen glich diese negativen Effekte nicht aus. Zwar schliefen die Probanden dieser Gruppe samstags und sonntags jeweils gut eine Stunde länger und vorübergehend verbesserten sich auch einige Blutwerte. Aber dieser Effekt hielt nicht über das Wochenende hinaus an.

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Sobald die Probanden wieder in den Werktags-Modus übergingen, wurden ihre Werte sogar noch schlechter als die der Dauerkurzschlaf-Gruppe, wie die Forscher berichten. So sank die Insulinsensibilität bei den Wochenendschläfern sogar um bis zu 27 Prozent statt nur um 13. „Die Insulinempfänglichkeit von Muskeln und Leber waren damit bei den Wochenendschläfern deutlich schlechter“, berichtet Depner. „Das hatten wir so nicht erwartet – und es zeigt, dass das Ausschlafen am Wochenende offenbar keine effektive Gegenmaßnahme gegen die Auswirkungen des chronischen Schlafmangels ist.“ Die Forscher vermuten, dass diese überraschend negativen Folgen auf die Veränderungen des normalen Rhythmus zurückgehen. „Es ist wie ein Jojo-Effekt: Am Wochenende verändern wir unsere Essenszeiten und unsere innere Uhr und kehren dann montags zum alten Schlafmangel-Rhythmus zurück – das ist extrem disruptiv“, erklärt Co-Autor Kenneth Wright von der University of Colorado.

Mit anderen Worten: Wer seinem Körper etwas Gutes tun möchte, der sollte versuchen, regelmäßig mindestens sieben Stunden Schlaf zu bekommen. „Denn das gängige Verhalten, wochentags am Schlaf zu sparen und dann am Wochenende alles nachzuholen ist keine effektive Gesundheitsstrategie“, sagt Wright.

Quelle: Christopher Depner (University of Colorado, Boulder) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.01.069

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