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Zu viel Salz könnte die Immunabwehr schwächen

Salz
Der Körper braucht Salz - aber zu viel davon ist ungesund. (Bild: Detry26/ istock)

Übermäßiger Salzkonsum kann der Gesundheit schaden – vor allem das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt dadurch bekanntermaßen. Doch Forscher haben nun einen weiteren schädlichen Effekt des Natriumchlorids aufgedeckt. Ihre Experimente zeigen: Offenbar wirkt sich zu viel Salz negativ auf unser Immunsystem aus. Eine salzreiche Kost schwächt demnach die Fähigkeit bestimmter Immunzellen, bakterielle Erreger zu bekämpfen. Als Folge verlaufen Infektionen schwerer und heilen erheblich langsamer, wie das Team berichtet.

Salz ist ein lebenswichtiger Mineralstoff für unseren Körper. Doch zu viel davon sollten wir auch nicht zu uns nehmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Erwachsene eine Zufuhr von maximal fünf Gramm pro Tag – das entspricht in etwa einem gestrichenen Teelöffel. Tatsächlich überschreiten viele Menschen diesen Grenzwert jedoch deutlich. Mit potenziellen Gesundheitsfolgen: Eine salzreiche Kost kann bei manchen Menschen den Blutdruck in die Höhe treiben und dadurch Herz-Kreislauf-Leiden wie Herzinfarkt und Schlaganfall fördern. Darüber hinaus scheint Natriumchlorid unser Immunsystem zu beeinflussen. So legen Studien nahe, dass eine salzreiche Ernährung womöglich das Risiko für Allergien und Autoimmunerkrankungen erhöht. Bei Infektionen mit bestimmten Hautparasiten kann Salz den Heilungsprozess dagegen sogar beschleunigen.

Ein Vielfaches mehr Keime

„Der Effekt von Salz auf das körpereigene Abwehrsystem wird kontrovers diskutiert und es ist noch immer unklar, wie sich hohe Natriumchloridwerte auf die unterschiedlichen Populationen von Immunzellen auswirken“, erklären Katarzyna Jobin vom Universitätsklinikum Bonn und ihre Kollegen. Um mehr herauszufinden, haben die Forscher nun den Einfluss salzreicher Kost auf den Verlauf bakterieller Infektionen untersucht. Für ihre Studie fütterten sie Mäuse zunächst eine Woche lang mit übermäßig salzhaltiger Nahrung. Dann beobachteten sie, wie die Nager mit einer von Escherichia coli-Bakterien verursachten Harnwegsinfektion zurechtkamen. Dabei offenbarte sich: Im Vergleich zu Mäusen, die normal oder salzarm ernährt worden waren, verlief die Infektion bei diesen Tieren deutlich schlimmer.

Ein ähnliches Bild ergab sich bei einer systemischen Infektion mit Listerien – Keimen, die zum Beispiel in verunreinigten Lebensmitteln vorkommen und Fieber, Erbrechen und Blutvergiftungen auslösen können. Wie die Wissenschaftler feststellten, kam das Immunsystem der salzreich ernährten Mäuse messbar schlechter gegen diese Erreger an. Dies zeigte sich insbesondere an der Bakterienlast im Körper: „In Milz und Leber dieser Tiere zählten wir eine 100- bis 1000-fache Menge der krankmachenden Keime“, berichtet Jobin. Als Folge heilte die Infektion deutlich langsamer ab.

Geschwächte Neutrophile

Wie aber lässt sich dieser Effekt erklären? Wie das Forscherteam herausfand, spielt die Reaktion der Nieren auf das Salz eine Rolle. Mit Ausnahme der Haut, die als Salzspeicher fungiert, wird überschüssiges Salz im Körper nicht angereichert. Stattdessen filtern die Nieren das Zuviel an Salz heraus und scheiden es über den Urin aus. Diese Ausscheidefunktion wird über einen speziellen Natriumchlorid-Sensor in den Nieren aktiviert. Offenbar kommt es dabei jedoch zu einem unerwünschten Nebeneffekt: Durch die erhöhte Salzausscheidung kommt es zu Defiziten bei der Produktion bestimmter Enzyme, die Vorläufersubstanzen der sogenannten Glukokortikoide verarbeiten. Als Folge werden vermehrt Biomoleküle frei, die ähnlich wie das Stresshormon Kortison wirken. Dieses wird in der Medizin traditionell zur Unterdrückung von Immunreaktionen wie Entzündungen eingesetzt. Die Anreicherung dieser Stoffe könnte die beobachtete Schwächung des Immunsystems somit erklären.

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Ein zweiter Effekt hängt damit zusammen, dass die Nieren für die Salzausscheidung vermehrt Harnstoff produzieren. Dieser jedoch hemmt die antibakterielle Aktivität der sogenannten Neutrophilen Granulozyten, wie Versuche mit Mäusen zeigten. Diese Immunzellen sind Teil der angeborenen Immunabwehr und stellen den häufigsten Immunzellentyp im Blut dar. Dabei fungieren sie unter anderem als Fresszellen und attackieren vor allem Bakterien. „Wenn sie das nicht in ausreichendem Maße tun, verlaufen Infektionen weitaus heftiger“, erklärt Jobins Team in einer Mitteilung.

Auch beim Menschen nachweisbar

In einem nächsten Schritt wollten die Forscher klären, ob der Zusammenhang zwischen Salz und Neutrophilen-Funktion auch beim Menschen gilt. Dafür ernährten sich zehn freiwillige Probanden so, dass sie täglich sechs Gramm Salz zusätzlich zu sich nahmen. „Das entspricht etwa der Menge, die in zwei Fastfood-Mahlzeiten enthalten ist – also zwei Burgern und zwei Portionen Pommes frites“, sagt Jobins Kollege Christian Kurts. Nach einer Woche entnahm das Team den Studienteilnehmern Blut und analysierte die Granulozyten daraus. Das Ergebnis: Im Vergleich zu vorher wurden die Immunzellen nun deutlich schlechter mit Bakterien fertig. „Diese Ergebnisse sprechen gegen einen hohen Salzkonsum, vor allem während bakterieller Infektionen“, konstatieren die Wissenschaftler.

Weitere Untersuchungen sollen nun bestätigen, ob eine salzreiche Kost auch bei menschlichen Patienten mit schwereren Infektionsverläufen in Verbindung steht – und bei welcher Art von Infektionen dieser Effekt besonders von Bedeutung ist. Wird dabei klar, dass sich zu viel Salz tatsächlich messbar negativ auf die Heilung von Infektionen auswirkt, könnte dies die Debatte um das richtige Maß beim Salzkonsum erneut entfachen, so das Fazit der Forscher.

Quelle: Katarzyna Jobin (Universitätsklinikum Bonn) et al., Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.aay3850

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