Deutsche Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs in Japan „Alle Menschen werden Brüder“ - wissenschaft.de
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Deutsche Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs in Japan

„Alle Menschen werden Brüder“

Ein vergessenes Kapitel in der Geschichte des Ersten Weltkriegs: Japan führte zwar Krieg gegen Deutschland, doch das Kaiserreich genoss dort weiterhin hohes Ansehen – was nicht zuletzt den deutschen Kriegsgefangenen zugute kam.

Es ging um das Schicksal des deutschen Pachtgebiets Jiao-zhou (Kiautschou) mit der Kolonialstadt Qingdao (Tsingtau) an der ostchinesischen Küste. Japan, seit 1902 mit England verbündet, trat 1914 auf Seiten der Ententemächte in den Krieg ein und schickte ein Invasionsgeschwader nach China. Die Eroberung der deutschen Kolonie sollte dazu dienen, einen weiteren Brückenkopf auf dem Festland zu gewinnen und Japans territoriale Ambitionen in Ostasien zu demonstrieren. Zwei Monate lang hielten die Verteidiger aus, dann mussten sie der Übermacht weichen. 4400 deutsche und 300 österreichische Soldaten, die sich bei Kriegsbeginn auf Ostasienfahrt befunden und in Qingdao den verbündeten deutschen Truppen angeschlossen hatten, traten den Weg in die Gefangenschaft an.

Zuerst wurden sie in Schulen, Tempeln und anderen Provisorien, dann in zwölf neuerrichteten Lagern auf den drei Großinseln Honsh ­u, Ky ­ush ­u und Shikoku untergebracht. Im Dorf Band ­o im Nordosten Shikokus entstand schließlich ein Sammellager, in dem 1000 Kriegsgefangene Platz hatten. In dieser entlegenen Ecke des japanischen Reichs entwickelte sich das Kriegsgefangenenlager zu einem Musterlager. Verantwortlich dafür waren der Kommandant Matsue Toyohisa und sein Stellvertreter Takagi Shigeru, die beide die kulturelle Identität der Lagerbewohner respektierten und sich bei Problemen gemeinsam mit ihnen um pragmatische Lösungen bemühten. Konflikte mit ihren Vorgesetzten, die ihnen zu große Nachgiebigkeit vorwarfen, standen sie durch. Und die Kriegsgefangenen konnten bald sehen, dass sich die örtliche Bevölkerung nicht feindselig, sondern nach anfänglichem Zögern ausgesprochen freundlich und aufgeschlossen verhielt.

Matsue und Takagi ließen den Deutschen weitgehend freie Hand bei der Gestaltung des Alltags im Lager, und diese füllten ihre Spielräume bereitwillig aus. So entstand ein kleines deutsches Gemeinwesen inmitten einer japanischen Umwelt, in dem mit Ausnahme des Standesamts nichts Wesentliches fehlte. Die Gefangenen legten Obst- und Gemüsekulturen an, züchteten Vieh und zimmerten zierliche Möbel für die engen Baracken. Sie gründeten Vereine, bauten meh‧rere Sportplätze, richteten eine Leih‧bibliothek mit 5000 Bänden ein und riefen eine Krankenversicherung ins Leben.

Auf den Feldern um das Lager wuchsen Weizen und Roggen, mit denen die Bäckerei versorgt werden konnte. In der Schlachterei gab es täglich frische Fleisch- und Wurstwaren, in der Konditorei nicht nur Tee- und Kaffeegebäck, sondern auch Torten für die Festlichkeiten im Lager. Mehrere Restaurants boten Abend für Abend deutsche Spezialitäten an. In einer der Buden gab es frisch gerösteten Kaffee, in einer anderen hatte ein Soldat eine Anlage eingerichtet, mit der das Trinkwasser mittels eines Perlmuttfilters gereinigt wurde; zwei Sen pro Liter kostete der Luxus. – Der Umstand, dass die Hälfte der Gefangenen nicht aus Berufssoldaten, sondern aus Reservisten bestand und bis Kriegsbeginn bürgerliche Berufe ausgeübt hatte, kam nun der ganzen Lagergemeinschaft zugute.

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Ihre Freizeit verbrachten die Lagerbewohner mit Fußball, Tennis, Kegeln und Turnen, oder sie gingen kulturellen Aktivitäten nach. Es wurden Theaterstücke aufgeführt, Konzerte gegeben und Vorträge über die verschiedensten Themen gehalten. Im Oktober 1918 konnte man sich etwa über die Kämpfe an der Westfront informieren, Lichtbilder aus Japan betrachten, einen Liederabend des Männerchors Moltrecht besuchen oder einer Aufführung des bekannten Rührstücks „Alt-Heidelberg“ von Wilhelm Meyer-Förster beiwohnen. Auch Stücke von Goethe, Schiller, Lessing und Shakespeare wurden im Lauf der Jahre gezeigt…

Literatur: Maike Roeder (Hrsg.), „Alle Menschen werden Brüder“. Deutsche Kriegsgefangene in Japan 1914  –1920. Tokio 2005. Hans-Martin Hinz/Christoph Lind (Hrsg.), Tsingtau. Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1897 –1914. Eurasburg 1998.

Eine informative deutschsprachige Website samt virtueller Ausstellung ist unter http://bando.dijtokyo.org zu sehen.

Prof. Dr. Folker Reichert

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