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Die Amazonen zwischen Mythos und Realität

Auf den Spuren Penthesileias

Gab es einst kriegerische, männermordende Frauen, welche die griechische Zivilisation bedrohten? Für die Griechen war die Antwort klar: Die Amazonen waren Teil einer vergangenen Wirklichkeit – heute gehören sie dagegen ebenso eindeutig in das Reich der Mythologie. Wer also waren die Amazonen?

Sie stehen sich erbarmungslos gegenüber, die Waffen zum Kampf erhoben. Hier der berühmte Held Achill in seiner schimmernden Rüstung, der größte griechische Kämpfer, der jemals ein Schlachtfeld betreten hat. Dort die durch ihre Kühnheit und Schönheit alles überstrahlende Amazonenkönigin Penthesileia, eine leibhaftige Tochter des Kriegsgotts Ares. Um sie herum tobt der Kampf um Troja, doch die beiden Kontrahenten belauern und umkreisen sich, als wären sie allein auf der Welt. Es steht auf Messers Schneide, noch ist nicht klar, wer den Sieg davontragen wird.

Wir können uns heutzutage nur ansatzweise vorstellen, wie im antiken Griechenland die Zuhörer gebannt der Erzählung über die Ereignisse und Kämpfe rund um den Fall Trojas lauschten. Auch handelt es sich bei dieser Szene ja gerade nicht nur um einen Zweikampf, wie er in der komplexen hellenischen Mythologie unzählige Male vorkommt. Nein, hier wird dem antiken Zuhörer regelrecht ein Schauer über den Rücken gelaufen sein, da die Konfrontation zwischen Achill und Penthesileia gleichsam als Sinnbild für den schweren, zuletzt aber erfolgreichen Kampf um die eigene Kultur stand. Die gottgewollte griechische Ordnung, in der das Rollenverständnis zwischen den Geschlechtern klar zugunsten des Mannes strukturiert war, wurde durch Penthesileia und ihre Kriegerinnen her‧ausgefordert, ja förmlich in ihren Grundfesten erschüttert. Achill trat also nicht nur gegen einen weiteren, in der Erzählung beliebig austauschbaren heldenhaften Verteidiger Trojas an, sondern führte sein Schwert gegen die Bedrohung seiner eigenen kulturellen Identität. Nur gut, dass man als Zuhörer den Ausgang der Geschichte bereits kannte!

Wer aber waren die schönen und kampferprobten Kriegerinnen, die zusammen mit ihrer Königin Penthesileia die Griechen vor Troja das Fürchten lehrten? Wie konnte es dazu kommen, dass diese Frauen sich im Lauf der Zeit zum Feindbild der Griechen schlechthin entwickelten, zum Schrecken der damals bekannten Welt? Wie ein roter Faden ziehen sich die Legenden und Berichte über die unbarmherzigen Amazonen durch die gesamte griechische Antike; es ist vor diesem Hintergrund nur konsequent, dass uns ihr Antlitz auf unzähligen Vasendarstellungen, im Skulpturenschmuck antiker Tempel oder auch in der Rundplastik entgegentritt. Die Amazonen waren ein fester Bestandteil der antiken griechischen Kultur – man fürchtete sie, aber man verehrte sie auch zugleich.

Um sich der Frage zu nähern, was uns die Antike über die streitbaren Frauen zu berichten weiß, bedarf es zunächst einer grundsätzlichen Feststellung: Einen allgemeingültigen, über Jahrhunderte gleichbleibenden Amazonen-Mythos hat es nicht gegeben. Wie kaum ein anderer Sagenstoff war er im Lauf der Zeit Veränderungen unterworfen, die neben einer Bezugnahme auf regionale Spezifika vor allem auch als Reaktion auf eine sich ständig weiterentwickelnde kulturelle Gegenwart zu verstehen sind. Versuche, die literarischen Überlieferungen aus mehreren Jahrhunderten zu einem chronologisch aufeinander aufbauenden Erzählstrang zusammenzufassen, sind daher wenig sinnvoll. Vielmehr verkennt eine solche Vorgehensweise die Komplexität eines Sagenstoffs, der gerade dadurch, dass sich seine Inhalte aktualisieren ließen, vielfältig einsetzbar ist.

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Wiederkehrende Charakteristika der Amazonen, etwa ihre göttliche Abstammung, ihre besondere Verehrung für die Göttin Artemis oder die Berichte über ihren furchtlosen Einsatz im Kampf, können zwar als ein Grundgerüst des Mythos verstanden werden. Um diese Kernaussagen herum wurden dann aber variantenreich breitere Erzählungen gestaltet, die stark voneinander ab‧weichen konnten – so etwa in der Frage, wo die Heimat der Amazonen sei. Die Ares-Töchter sollen in Afrika, am Thermodon (einem mythologischen Fluss im Norden der heutigen Türkei), im Kaukasus, im Wolga-Gebiet oder auch in Thrakien, also auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien, gelebt haben – je nachdem, welche literarische Überlieferung man zu Rate zieht. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass ein antiker Autor mehrere Versionen gleichzeitig erwähnte – ein eindeutiger Beleg dafür, dass die im Lauf der Zeit entstandenen Versionen einander nicht zwangsläufig verdrängen mussten.

Vergleichbares gilt für die Abenteuer griechischer Helden wie Herakles und Theseus, die nach unterschiedlichen Traditionen ihre Amazonen-Episoden mal gemeinsam, mal getrennt auszutragen hatten. Und ihre jeweiligen Kontrahentinnen konnten unterschiedliche Namen tragen: Herakles kämpfte gegen Hippolyte, Andromeda oder auch Andromache, der athenische Held Theseus nahm es mit Antiope, Hippolyte oder Melanippe auf, um sie nach Athen zu entführen. Was zählte, war der Kampf der griechischen Helden gegen die Ares-Töchter an sich, während ihr Name ganz offensichtlich austauschbar war. Die Amazone war der Widersacher, den es aus griechischer Sicht zu besiegen galt – die furchtlose Kämpferin ebenso wie die starke, schöne Frau, die sich nicht an das traditionelle Rollen-verständnis halten wollte. Der Mythos repräsen‧tierte auf diese Weise sowohl eine Feind- als auch eine Gegenwelt für die griechische Kultur…

Literatur: Hedwig Appelt, Die Amazonen. Töchter von Liebe und Krieg. Stuttgart 2009. Ursula Kästner / Martin Langner / Britta Rabe (Hrsg.), Griechen – Skythen – Amazonen. Katalog zur Ausstellung im Pergamonmuseum. Berlin 2007. Jochen Fornasier, Amazonen. Frauen, Kämpferinnen und Städtegründerinnen. Mainz 2007. Jeannine Davis-Kimball, Warrior Women. An Archaeologist’s Search for History’s Hidden Heroines. New York 2002.

PD Dr. Jochen Fornasier

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