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Die Klosterinsel Reichenau

„Augia dives“ im Bodensee

Im Westteil des Bodensees, unweit von Konstanz, liegt die Insel Reichenau. Doch nicht nur das angenehme Klima und die idyllische Lage ziehen zahllose Besucher an, sondern auch die drei Kirchen des einstigen Klosters, das im Mittelalter zu den Zentren benediktinischen Mönchtums gehörte.

Schon im frühen Mittelalter übten Inseln eine besondere Anziehungskraft auf die Menschen aus. Wie karge Regionen und abgelegene Bergtäler waren sie abgeschiedene Orte, geeignet für die Ansiedlung von Klöstern, in denen Mönche weltabgewandt Gott suchten. Die meisten Inseln in den Seen und Flüssen des Voralpengebiets sind früher oder später zu Klosterplätzen geworden – die Reichenau ist zweifellos die bedeutendste von ihnen.

Im Jahr 724 kam der umherziehende fränkische Kleriker Pirmin im Auftrag des fränkischen Hausmeiers Karl Martell an den Bodensee und erhielt vom alamannischen Herzog Lantfried die Reichenau als Klosterplatz. Die Insel hieß damals noch nach einem früheren Besitzer „Sindleozzesau“, wurde aber bald zur „Reichen Au“, zur „Augia dives“ („Au“ bezeichnet im Süddeutschen häufig auch Inseln, wie Lindau, Mainau …).

Pirmin siedelte das Kloster an einer Hafenbucht an der Nordseite der langgestreckten Insel an, wo der Seeweg zum Festland am kürze?sten ist. Gegenüber liegt der alte Ort Allensbach, der später zum Marktort der Reichenau ausgebaut wurde. Die Legende verbindet Pirmins Ankunft mit einer Vertreibung aller Schlangen von der Insel. Bereits die Ebstorfer Weltkarte merkt um 1290 zur Reichenau an, daß dort „keine Schlange einem Menschen schaden kann“.

Pirmin mußte die Reichenau allerdings schon 727 verlassen, weil es zu Differenzen zwischen den Franken und dem alamannischen Herzog kam. Er zog weiter den Rhein hinab und nach Lothringen, gründete die Klöster Murbach und Maursmünster im Elsaß sowie Hornbach (bei Zweibrücken). Dort starb er 754 und wurde bald als Heiliger verehrt.

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Das „fränkische“ Kloster auf der Reichenau hätte nach 727 rasch zugrunde gehen können. Doch wurde die neue Stiftung von alamannischen Adligen gefördert, und die Bischöfe von Konstanz übernahmen bald die Abtswürde. Unter Karl dem Großen stieg die Reichenau, die auf einer wichtigen Fernverbindung zwischen Deutschland und Italien lag, zu einer der bedeutendsten Abteien des Reichs auf. Abt Waldo wurde Erzieher von Karls Sohn Pippin und erhielt 806 die Abtei Saint-Denis. Der Mönch Heito war Leiter der Klosterschule, wurde 803 Bischof von Basel, 806 auch Abt der Reichenau; 811 reiste er im Auftrag des Kaisers nach Byzanz und unterschrieb im selben Jahr das Testament Karls. Bis ins 11. Jahrhundert behielt die Reichenau ihre hervorge?hobene kulturelle und geistige Bedeutung. Die Buchmalereien, die im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert hier entstanden, sind weltbekannt. Auf der Insel selbst gibt es heute nur noch wenige, aber dafür hochbedeutende Spuren dieser Blütezeit, vor allem die drei großen Kirchenanlagen von Mittelzell (im Zentrum der Insel), Oberzell (am Ostende) und Niederzell (am Westende). Wichtige Überreste der Frühzeit sind durch archäologische Grabungen bekanntgeworden; sie mußten allerdings wieder abgedeckt werden.

Oberhalb des Jachthafens von Mittelzell, der die Tradition der mittelalterlichen Schifflände fortsetzt, steht die ehemalige Abteikirche Mittelzell, die eigentliche Klosterkirche. Sie birgt umfangreiche Mauerreste der unter Abt Heito 816 errichteten kreuzförmigen Basilika. Als erster Kirchenbau an dieser Stelle war 724 eine große hölzerne Saalkirche errichtet worden. Schon wenige Jahre später wurde diese durch eine gleichartige steinerne Kirche ersetzt. Solche einfachen, aber sehr langgestreckten Saalkirchen waren im 8. Jahrhundert für Klöster noch durchaus üblich; erst unter Karl dem Großen wurden häufiger monumentale, dreischiffige Klosterkirchen gebaut – auch auf der Reichenau, wo Abt Heito die oben erwähnte kreuzförmige Basilika erbauen ließ. Von dieser Kirche sind noch der Altarraum, die Vierung (darunter versteht man den rechteckigen Raum, der durch die Kreuzung von Lang- und Querhaus entsteht), der südliche Querarm, der Übergang zum Mittelschiff und das Untergeschoß der Schatzkammer erhalten. Kompetente Steinmetzen konnte Heito damals offenbar nicht bekommen: Die Kirche erhielt keine Säulen, sondern einfache, aus kleinen Steinen geschichtete Pfeiler; ihre Bögen waren ganz schlicht; nur die großen Dimensionen, die weit geöffneten Fenster im Querarm und der Vierungsturm zeigen, daß es sich um „reiche“ Architektur handelt. Von der farbigen Ausmalung, die das Fehlen von Bauskulptur vergessen ließ, kamen bei den Ausgrabungen kleine Bruchstücke zutage.

Um 830 ließ der aus Alamannien stammende Bischof Ratold von Ve?rona die Gebeine des heiligen Valens auf die Reichenau bringen, die man bald als die Gebeine des Evangelisten Markus identifizieren zu können glaubte. Markus war der Überlieferung nach in Alexandria (Ägypten) beigesetzt worden. Aufgrund der arabischen Eroberung Nordafrikas holten Venezianer 828 die Reliquien heimlich nach Venedig, wo sie im Markusdom bis heute verehrt werden. Zumindest auf der Reichenau gelten die hier bewahrten Reliquien aber ebenfalls als „echt“: Sie ruhen heute in einem gotischen Goldschmiedeschrein, der in der Schatzkammer von Mittelzell aufbewahrt wird. Für die Markus-Reliquien wurde im späten 9. Jahrhundert eine „Markusbasilika“ im Westen an die Marienkirche der Mönche angebaut.

Das heutige Westquerschiff mit dem hohen Westturm ist ein Neubau unter Abt Berno (1008–1048), der 1048 in Anwesenheit Kaiser Heinrichs III. geweiht wurde. Dort steht ein Markusaltar von 1477, in dessen gotischem Gehäuse der Schrein mit den Reliquien sichtbar war (heute eine Nachbildung). Ursprünglich handelte es sich in Mittelzell um zwei gegeneinander gebaute Kirchen, die erst im 12. Jahrhundert durch das heutige Langhaus vereinigt wurden. Das bemerkenswerte offene Dachwerk entstand nach einem Brand von 1235. Der jüngste Bauteil ist der gotische, polygonale (vieleckige) Altarraum, den Abt Johann Pfuser (1464–1492) errichten ließ; das Gewölbe fehlte damals jedoch noch und wurde erst 1555 eingezogen. Im späten Mittelalter, das früher als Zeit des Niedergangs galt, wurde die Kirche mit kostbaren Reliquienschreinen, Schnitzaltären, Glasfenstern und einem reichen Lettner (Trennung zwischen dem für den Klerus bestimmten Altarraum und dem Kirchenschiff) ausgestattet, die zumeist der barocken Umgestaltung zum Opfer fielen, außerdem mit zahlreichen Glocken, von denen fünf noch heute in Mittelzell, weitere in Ober- und Niederzell das Geläute bilden…

Literatur: Matthias Untermann, Kosterinsel Reichenau im Bodensee, Weltkulturerbe der UNESCO; Stuttgart 2001.

Dörthe Jakobs, Sankt Georg in Reichenau-Oberzell. Der Bau und seine Ausstattung. Bestand, Veränderung, Restaurierungsgeschichte. 3 Bände, Stuttgart 1991.

Prof. Dr. Matthias Untermann

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