Die Blütezeit der Inka Das Reich der vier Teile - wissenschaft.de
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Die Blütezeit der Inka

Das Reich der vier Teile

Acht Millionen Einwohner hatte das Reich der Inka in seiner Blüte. Das meisterhaft ausgebaute Straßennetz verband ein Gebiet, das sich in Nord-Süd-Richtung über 4 000 Kilometer ausdehnte. Seine Völker sprachen Dutzende von Sprachen. Die Fäden der Herrschaft liefen in Cuzco zusammen, dem politischen und religiösen Zentrum.

Nach der ersten Eroberungswelle unter Pachacutec beherrschten die Inka um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Gebiet, das vom mittleren Peru bis ins nördliche Bolivien reichte. Aus dieser Zeit stammen wohl die Bezeichnungen der Reichsteile. Der nördliche Teil, Chinchaysuyu, hieß nach einem Küstental, das sich westlich von Cuzco befindet. Collasuyu im Süden wurde nach der wichtigen Ethnie der Colla benannt. Der Reichsteil im Westen erhielt die Bezeichnung Condesuyu, nach den dort siedelnden Conde, und das Andesuyu im Osten trug seinen Namen nach einem Sammelbegriff für die Bewohner der Regenwälder, Ande oder Anti. (Auf dieses Wort geht auch die Bezeichnung für das Gebirge der Anden zurück, die in der Kolonialzeit entstand.) Zusammen ergab dies das Tahuantinsuyu, das Reich der vier Teile, die Bezeichnung, die die Inka selbst für ihr Reich verwendeten.

In der zweiten Phase der Eroberungen unter Pachacutec übernahmen seine Söhne die Führung der Feldzüge, während ihr Vater in Cuzco blieb und die Fäden der reichsweiten Politik in Händen behielt. Der wichtigste Militärführer Pachacutecs war sein Sohn Tupac Inca Yupanqui. Er führte die Inka-Truppen in das Gebiet des heutigen Ekuador und unterwarf die Cañari, die dort um die Stadt Cuenca lebten. Auf zwei weiteren Feldzügen (wobei die genaue Reihenfolge schwer zu rekonstruieren ist) wurden die Nord- und die Südküste Perus erobert. Im Süden der Anden erreichten die Inka unter Tupac Inca Yupanquis Kommando das heutige Chile.

Die Inka hatten bei ihren Eroberungen keine waffentechnischen Vorteile gegenüber ihren Gegnern. Wie diese benutzten sie Keulen mit Stein- und Bronzeköpfen, Steinschleudern, Lanzen und Bogen. Wattierte Kleidung, Stoff- und Holzhelme und kleine Schilde dienten zum Schutz der Kämpfer. Die Inka-Heere bestanden aus Männern, die Kriegsdienst als Teil ihrer Steuerpflichten leisteten und keine besondere Ausbildung besaßen. Spezialisierte Truppen gab es nicht, wohl aber eine gewisse Professionalisierung bei den Offizieren. Große Kampagnen wurden sorgfältig geplant und konnten beispielsweise auch den Bau von Festungen umfassen. Inkaische Heere gingen weiträumig vor und teilten sich oft in mehrere Abteilungen auf. In Schlachten wurden die Truppen ebenfalls geteilt, eine Reserve zurückgehalten und möglichst im entscheidenden Moment eingesetzt. Kriegslisten wie fingierte Fluchten wandten die Inka-Heere ebenfalls gerne an. Zu den Siegen der Inka trug wesentlich ihre überlegene Logistik bei. Von Anfang an setzten sie darauf, parallel zu den militärischen Eroberungen eine Infrastruktur aus Straßen, Unterkünften, Speichern und Stafettenpost aufzubauen. Diese ermöglichte es, große Heere auszuheben, geordnet, gut versorgt und schnell an ihren Einsatzort zu bringen und für ausreichend Nachschub und die nötigen Informationen zu sorgen.

Neben dem Aufbau des Reichs war ein zentrales politisches Problem für Pachacutec die Regelung seiner Nachfolge. Wie alle Inka-Herrscher hatte er eine Vielzahl von Nebenfrauen, und es gab entsprechend viele Söhne. Zunächst hatte Pachacutec seinen älteren Sohn Amaro Tupac als Erben bestimmt. Als dieser jedoch bei einem Feldzug im südlichen Altiplano Boliviens eine Niederlage erlitt, bei der ein weiterer Bruder, Paucar Usno, umkam, überdachte Pachacutec seine Entscheidung. Anstelle des glücklosen Amaro Tupac wählte er Tupac Inca Yupanqui zum Nachfolger, der von diesem Moment an als Mitregent angesehen werden kann.

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Um seine Entscheidung durchzu‧setzen, führte Pachacutec außerdem eine neue Heiratsregelung für die Herrscher ein: Statt wie bisher die Tochter eines Verbündeten als Hauptfrau zu nehmen, sollten die Herrscher in Zukunft ihre (Halb-)Schwester heiraten. Tupac Inca Yupanqui nahm seine Schwester Mama Ocllo zur Frau und bekam mit ihr den Sohn Huayna Capac, der sein Erbe werden sollte. Pachacutec lebte noch lange genug, um diesem Enkel persönlich die Stirnbinde mit roten Fransen (mascapaycha), das Herrscherabzeichen, auf den Kopf zu setzen. Kurz darauf starb er nach Aussage der Quellen hochbetagt, vermutlich über 70 Jahre alt.

Tupac Inca Yupanquis selbständige Regierungszeit dauerte vielleicht nur ein Jahrzehnt. In dieser Zeit unternahm er einen größeren Feldzug in das Andesuyu und schlug den Aufstand der Colla am Titicacasee nieder. Wie zuvor bestimmt, folgte ihm Huayna Capac an die Macht. Er war etwa 20 Jahre alt und galt nach inkaischem Verständnis als zu jung und zu unerfahren, um eigenständig zu regieren. Seine Mutter Mama Ocllo führte die Regierungsgeschäfte mit Hilfe einiger männlicher Verwandter. Nach etwa zehn Jahren starb sie um 1500. Erst danach war Huayna Capac frei, einen ersten Kriegszug gegen die Chachapoya im Nordosten Perus zu unternehmen. Auf einer Inspektionsreise durch das Tahuantinsuyu kam er bis nach Chile und bereitete von dort aus einen großen Eroberungskrieg vor. Zwischen 1510 und 1515 brach er in das Gebiet des heutigen Ekuador auf, das er bis zu seinem Tod um 1525 nicht mehr verließ.

Zum Zeitpunkt der spanischen Eroberung erstreckte sich das Inka-Reich über ein Gebiet vom südlichen Kolumbien über Ekuador, Peru, Bolivien bis ins nordwestliche Argentinien und mittlere Chile. In Nord-Süd-Richtung dehnte es sich über 4 000 Kilometer aus, von Westen nach Osten etwa 500 Kilometer. Die Gesamtzahl der Bewohner wird auf acht Millionen geschätzt. Sie gehörten zahlreichen verschiedenen Ethnien mit unterschiedlicher Kultur und Ge‧schichte an, die Dutzende verschie‧‧dener Sprachen verwendeten. Diese Heterogenität wurde von den Inka geschickt genutzt, um durch ein sorgfältig ausbalanciertes Machtgleichgewicht die Kontrolle über das Reich zu behalten…

Dr. Kerstin Nowack

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