Die Geschichte des Londoner Kanalsystems Das wunderbarste Bauwerk der Neuzeit - wissenschaft.de
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Die Geschichte des Londoner Kanalsystems

Das wunderbarste Bauwerk der Neuzeit

Der Tag, an dem die Stadt stank und selbst die feinen Parlamentarier in Westminster das Problem nicht länger ignorieren konnten, brachte die Wende: London erhielt zwischen 1859 und 1865 das modernste Kanalsystem der Welt. Tausenden von Menschen wurde durch dieses Mammutwerk wahrscheinlich das Leben gerettet.

Das geschäftliche Engagement des deutschen Versorgungsunternehmens in London dauerte gerade einmal fünf Jahre. 2001 kaufte die Essener RWE AG für eine Milliardensumme die Gesellschaft Thames Water, die die britische Hauptstadt mit Wasser versorgt und sich um die gewaltigen Abwassermengen kümmert. Doch dann geschah das Unerwartete: Ende 2006 trennte sich RWE wieder von der britischen Tochter. Die Konzernstrategie habe sich geändert, verlautete aus der Unternehmenszentrale.

Das mochte zutreffen. Andere Gründe, so darf man vermuten, spielten bei dem überraschenden Verkauf der britischen Tochtergesellschaft offenbar ebenfalls eine Rolle. Wahrscheinlich hatte die Konzernleitung in Deutschland realisiert, dass sie sich in London auf ein riskantes Geschäft eingelassen hatte, das in Zukunft erhebliche Investitionen erforderte. Weil das städtische Rohrleitungssystem alt und löchrig ist, versickern dort jeden Tag nahezu 90 Millionen Kubikmeter Trinkwasser im Boden – ein Drittel dessen, was die Riesenstadt in 24 Stunden verbraucht. Auch Teile der Abwasserkanäle sind marode. Wusste der deutsche Konzern nicht, dass die Wasser- und Abwasserleitungen Londons zur Zeit der Königin Viktoria gelegt worden waren? Vor genau 150 Jahren war damit begonnen worden.

Als 1858 der Startschuss für die umfangreichen Arbeiten fiel, stellte das für die damals größte Stadt der Welt und die Regierung des Landes eine unerhörte technische und finanzielle Herausforderung dar. Nach seiner Vollendung nannten die Zeitgenossen das verzweigte unterirdische Leitungssystem das „wunderbarste Bauwerk der Neuzeit“. Der englische Sozialhistoriker Asa Briggs sprach 100 Jahre später zu Recht von „einer der größten technischen und sozialen Errungenschaften des Zeitalters“.

Die Ingenieure hatten für London ein Projekt der öffentlichen Gesundheitsvorsorge entworfen, wie es in diesen Dimensionen vorher noch nie irgendwo gewagt worden war. Dabei standen sie unter einem unerhörten Druck, denn von seiner schnellen Fertigstellung und Effizienz hing das Wohlergehen, ja die Bewohnbarkeit und das schiere Überleben der Millionenstadt ab. Ihre Einwohnerzahl wuchs immer noch. Unzählige Industriebetriebe, Werkstätten, Brauereien, Schlachthöfe und Gerbereien hatten sich in ihr angesiedelt.

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Die Folgen dieser rasanten Entwicklung waren für die Menschen in London im 19. Jahrhundert katastrophal, für viele von ihnen tödlich, selbst für die privilegierten Bewohner des Buckingham-Palastes im eleganten Westen der Stadt. Der aus Deutschland stammende Prinz‧gemahl Albert starb 1861 im Alter von nur 42 Jahren an Typhus. Renommierte Mediziner machten dafür nicht länger die „schlechte Luft“, sondern verunreinigtes Trinkwasser verantwortlich. Mehrmals grassierte in der Stadt seit 1830 die Cholera, und Tausende Londoner fielen ihr zum Opfer, zuletzt in den Jahren 1848/49 und 1853/54. Die Kindersterblichkeit lag bei fast 50 Prozent.

Ihr Wasser bezogen die Bewohner der rasch wachsenden Metropole bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus aus Brunnen, Bächen und aus der brackigen, übelriechenden Themse. Die Verhältnisse in anderen Städten Europas und Nordamerikas waren nicht viel besser. Das Problem waren die Abwässer. Sie versickerten einfach unkontrolliert im Boden, oft unmittelbar neben den Brunnen, und vermischten sich mit dem Trinkwasser. Zum Teil wurden die Abwässer auch in Sickergruben gesammelt oder in primitiven Kanälen, die das natürliche Gefälle zur Themse nutzten und sich dort entleerten.

Der Schriftsteller Theodor Fontane, der damals mehrere Jahre als Korrespondent preußischer Zeitungen im viktorianischen London lebte, war beeindruckt. Seinen staunenden Lesern daheim berichtete er 1852: „Alles schmutzige Wasser fließt sofort wieder ab und ergießt sich in eine tief unter jedem Straßendamm gelegene Kloake, deren Hauptkanäle mit der Themse in Verbindung stehen.“ Aber das erwies sich nur auf den ersten Blick als grandioser zivilisatorischer Fortschritt. Denn der relativ saubere Fluss, in dem Anfang des Jahrhunderts noch Lachse geschwommen waren, verwandelte sich durch das Wachstum der Stadt und die Einführung von Toiletten mit Wasserspülung in einen gigantischen, stinkenden Tümpel, in dem der Unrat nicht auf magische Weise verschwand, sondern im Rhythmus der Gezeiten hin und her schwappte.

Beim Anblick des trüben Gewässers und seiner verschlammten Ufer fühlten sich klassisch gebildete Zeitgenossen an den schauerlichen Totenfluss Styx der griechischen Mythologie erinnert. „Wer einmal den Gestank eingeatmet hat“, schrieb die „City Press“ im Juni 1858, „wird ihn nie vergessen und kann sich glücklich schätzen, dass er überhaupt überlebt hat und sich daran erinnert.“ Ein praktisch denkender Unterhausabgeordneter empfahl seinen Mitbürgern, sich der Themse nur in Begleitung einer Flasche Brandy zu nähern. Kurzum: Dem Nervenzentrum des Empire drohte als Folge der kurzsich‧tigen Politik und der Untätigkeit überforderter Stadtväter der Kollaps.

Dabei hatten Stadtverwaltung und Regierung des Landes das Problem längst erkannt. Nach der Cholera-Epidemie von 1853/54 schufen sie mit dem Metropolitan Board of Works eine kompetente Behörde, die de facto für die gesamte Infrastruktur der Stadt mit ihren geschätzten 2,5 Millionen Einwohnern und für alle öffentlichen Arbeiten zuständig war…

Literatur: Peter Ackroyd, London. Die Biographie. München 2002.

Stephen Halliday, The Great Stink of London. Sir Joseph Bazalgette and the Cleansing of the Victorian Capital. Stroud 1999.

Andreas Sohn/Hermann Weber (Hrsg.), Haupstädte und Global Cities an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Bochum 2000.

Prof. Dr. Peter Alter

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