Ernest Hemingway begeht Selbstmord Der alte Mann und der Tod - wissenschaft.de
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Ernest Hemingway begeht Selbstmord

Der alte Mann und der Tod

Am frühen Morgen des 2. Juli 1961 setzte Ernest Hemingway seinem Leben ein Ende. Der Nobelpreisträger starb, wie er gelebt hatte – radikal und rücksichtslos sich selbst gegenüber.

Es war gegen sieben Uhr morgens. Das weiträumige Haus war still, als sich der schwere Mann aus dem Bett wälzte und zum Lagerraum ging, in dem er seine Gewehre verwahrte. Seine Frau schlief noch. Sorgfältig nahm er eine großkalibrige doppelläufige Schrotflinte, die er normalerweise zum Taubenschießen verwendete, schob Patronen in die Läufe und ging in die vordere Diele des Hauses. Dann richtete er die Waffe gegen sich selbst und zog den Abzug durch. Der Schuß sprengte Hemingways Schädeldecke ab, so daß sich später nicht mehr feststellen ließ, ob er sich die Waffe in den Mund gesteckt oder an die Stirn gehalten hatte. Als seine Frau in den Raum stürzte, bot sich ihr ein grauenvoller Anblick.

Ernest Miller Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in Oak Park, einem kleinen Ort bei Chicago, als zweites von später fünf Geschwistern geboren. Sein Vater war Arzt, seine Mutter eine begabte Opernsängerin, die ihre Karriere jedoch zugunsten der Familie zurückgestellt hatte. Den Sommer verbrachte man im eigenen Ferienhaus am Bear Lake in den Wäldern von Michigan. Guter Mittelstand also, das Leben war bequem und langweilig. Kein Wunder, daß der junge Ernest nur eines im Sinn hatte: dieser Wohlanständigkeit zu entrinnen. Nach der High School ging er zum „Kansas City Star“, damals eine der sieben renommiertesten Zeitungen der USA. Kansas City war 1917 eine aufstrebende Stadt, in der die Pionierzeit noch lebendig war, in der sich das Gesetz mühsam gegen Verbrechen, Prostitution und Korruption durchsetzte – spannendes Terrain also für einen jungen Provinzler, der sich seine ersten Sporen als Journalist verdienen wollte.

Aber es kam anders. Am 6. April 1917 traten die USA auf seiten der Alliierten gegen Deutschland und die anderen Mittelmächte in den Krieg ein. Hemingway ergriff die Chance und meldete sich freiwillig zum Sanitätskorps des amerikanischen Roten Kreuzes. Er wurde an die österreichisch-italienische Front nach Fossalta di Piave geschickt. Als die Österreicher eine schwere Kartätsche über den Fluß feuerten, die viele Italiener verwundete, sprang Hemingway auf, um bei der Bergung der Verletzten zu helfen. Er lief direkt in das Feuer eines Granatwerfers.

Wie viele junge Menschen hatte Hemingway sich bis dahin in der Illusion gewiegt, unsterblich zu sein. Das neue Bewußtsein der Zerbrechlichkeit und Gefährdetheit der menschlichen Existenz sollte von nun an sein Leben begleiten und Thema vieler Romane und Kurzgeschichten werden. Dazu kam seine erste wirkliche Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Im Lazarett in Mailand verliebte er sich in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky. Hemingway verarbeitete diese Liebe und seine Fronterlebnisse ein Jahrzehnt später in seinem Roman „In einem anderen Land“.

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Doch davor standen die Rückkehr nach Amerika und der Umzug nach Chicago, wo er seine erste Frau Hadley Richardson kennenlernte, erneut Journalismus und erste literarische Versuche, dann die Übersiedlung als Korrespondent für den „Toronto Star“ nach Paris. Die Stadt an der Seine, das waren Pablo Picasso, Joan Miró, Paul Cézanne, Ezra Pound, Gertrude Stein, James Joyce, F. Scott Fitzgerald – kurz die Avantgarde der modernen Kunst und Literatur. Hemingway lernte sie alle kennen – und er wurde einer von ihnen. Im Jahr 1923 kam seine Kurzgeschichtensammlung „In unserer Zeit“ heraus, dann 1926 sein erster Erfolgsroman „Fiesta“. Dazwischen journalistische Reportagen und ebenfalls 1923 die Geburt seines ersten Sohnes.

Die Helden von „Fiesta“, der durch eine Kriegsverletzung impotente Jake Barnes, die lebenslu-stige Lady Brett Ashley und ihr Begleiter Robert Cohn, führen in Paris ein leeres, von Alkohol und schnellem Vergnügen bestimmtes Leben. Mehr aus Langeweile beschließen sie, einen Abstecher nach Pamplona zur Fiesta de San Fermín zu machen. Aber statt der gesuchten Unterhaltung finden sie sich mit den traditionellen Werten Spaniens konfrontiert, symbolisiert in dem Ritual in der Stierkampfarena. Als die Gruppe Spanien nach der Fiesta verläßt, kehren alle zwar wieder in ihr altes Leben zurück, aber sie sind gereift.

1928 zog Hemingway zurück nach Amerika, inzwischen von Hadley geschieden und neu verheiratet mit der vier Jahre älteren Pauline Pfeiffer, die in Paris als Modekorrespondentin für „Vogue“ gearbeitet hatte. Bereits im Vorjahr hatte er angefangen, an einem neuen Roman über seine Kriegserlebnisse in Italien zu arbeiten. In dem Stil, der für ihn charakteristisch werden sollte – kurze, kompakte Sätze in schlichter, kommentarloser Ab?folge, lakonische und doch nuancierte Dialoge –, führte Hemingway darin die ganze blumige Rhetorik der Ära des amerikanischen Präsidenten Wilson mit ihrer Betonung von Pflicht gegenüber dem Vaterland, Kämpfen für die Freiheit, Heldenmut und Siegeswillen ad absurdum.

Wie Hemingway selbst dient der Held des Romans, Frederic Henry, freiwillig als Leutnant in einem Sanitätskorps der italienischen Armee. Nach einer Beinverletzung und einem Lazarettaufenthalt, bei dem er sich in die englische Krankenschwester Catherine Barkley verliebt, kehrt Henry zu seiner Einheit zurück und erlebt 1917 den Durchbruch der Mittelmächte bei Caporetto. Irtümlich gerät er in den Verdacht, ein Deserteur zu sein, kann aber fliehen und sich mit Catherine in die Schweiz absetzen. Aber das Glück ist von kurzer Dauer, Catherine stirbt im Kindbett. Der Roman traf den Lebensnerv einer Generation und wurde von Kritik wie Lesern mit noch größerer Begeisterung aufgenommen als „Fiesta“. Hollywood begann sich für Hemingway zu interessieren. Mit 30 Jahren zählte er jetzt zu den arrivierten Schriftstellern.

Prof Dr. Hans-Peter Rodenberg

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