Heinrich Heines „Harzreise“ Der Brocken ist ein Deutscher - wissenschaft.de
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Heinrich Heines „Harzreise“

Der Brocken ist ein Deutscher

Heinrich Heines „Harzreise“ vereint auf einzigartige Weise romantische Naturbeschreibung und ironisch-sarkastische Kommentare, die die Lektüre zu einem Genuß machen – und das Buch zugleich zu einem zeitlosen literarischen Reisebegleiter.

Wer Heinrich Heines „Harzreise“ in die Hand nimmt und eine klassische Reisebeschreibung erhofft, wird enttäuscht sein: Nur manche Landschaftsschilderungen entsprechen diesem Genre. Ansonsten wirkt die „Harzreise“ auf den ersten Blick wie ein ungeordnetes Sammelsurium subjektiver Eindrücke. Doch dieser Anschein trügt: Heine beschreibt Personen und Verhältnisse, um unter dem Deckmantel der Reise sein Bild von Deutschland zu zeichnen. Und natürlich nutzt er diese Gelegenheit zu einigen kräftigen sarkastischen Seitenhieben.

Das beginnt schon in Göttingen, dem Ausgangspunkt seiner keineswegs fiktiven Harzreise. 1819/20 hatte Heine sein Jurastudium in Bonn aufgenommen, wechselte dann aber bald nach Göttingen. Glücklich wurde er nicht in der Stadt an der Leine: Wegen einer Duellforderung nach einer antisemitischen Beleidigung flog er für ein Semester von der Universität und wegen eines Bordellbesuchs aus der Verbindung, in die er eingetreten war. Er setzte sein Studium in Berlin fort, kehrte aber zur Promotion nach Göttingen zurück. Im September 1824 brach er zu einer rund vierwöchigen Reise auf, die ihn in den Harz und dann weiter nach Weimar, Erfurt, Eisenach und Kassel führte.

Vor dem Hintergrund von Heines Erlebnissen ist es nicht verwunderlich, daß er Göttingen mit besonderer Ironie beschreibt, doch trifft sein Spott nicht unbedingt Göttingen im besonderen, sondern könnte jeder alten deutschen Universitätsstadt gegolten haben. Das Genre der klassischen Reiseliteratur karikiert Heine gleich mit, wenn er penibel notiert, was es in Göttingen zu bemerken gibt: „Die Stadt …, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen [Häuser], diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist … Die Stadt ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert … wurde, hatte sie dasselbe graue, altkluge Aussehen …“

Nicht nur die Stadt bekam ihr Fett weg, sondern auch die Universität. Besonders die Studentenverbindungen, die ihn nicht in ihren Reihen haben wollten – tatsächlich wegen des Bordellbesuchs oder doch, weil er Jude war? –, wurden zu Opfern seines Spotts. So beschrieb er, wie die nach den alten deutschen Stämmen benannten Burschenschaften „noch heutzutage in Göttingen, hordenweis und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Walstätten … sich ewig untereinander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben …“ Und die Professoren? Während bei den Studenten alle drei Jahre eine Semesterwelle die andere fortdränge, blieben die Professoren „stehen in dieser allgemeinen Bewegung, unerschütterlich fest, gleich den Pyramiden Ägyptens – nur daß in diesen Universitätspyramiden keine Weisheit verborgen ist“.

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Wie befreit war Heine, als er die Universitätsstadt hinter sich ließ: „Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmählig wieder frisch und freudig zumute.“ So sehr brummte ihm der Kopf vor lauter Juristerei, daß er ein Liebespaar, „das unter einem Baum saß … für eine Corpusjuris-Ausgabe mit verschlungenen Händen“ hielt. Über ein sich vornehm gebärdendes, aber doch bloß aufgeblasenes Paar in einem Gasthof in Nörten (Nörten-Hardenberg) goß Heine Kübel voller Häme aus. Als Hotel in Göttingen empfahl er, sie sollten sich bei dem erstbesten Studenten, den sie träfen, nach dem „Hotel de Brühbach“ erkundigen. Dort, so versicherte er auf Nachfrage, logierten „ordentliche Leute“ – als „Hotel de Brühbach“ bezeichneten die Göttinger Studenten den Karzer, in dem sie ihre Universitätsstrafen absitzen mußten.

Das auch von anderen Autoren verwandte Stilmittel, gesellschaftliche Kritik hinter einer Reisebeschreibung zu verstecken, wird bei Heines Aufenthalt in Osterode besonders deutlich: Über die eigentlich sehr hübsche Stadt erfährt der Leser gar nichts. Statt dessen beschreibt der Dichter in epischer Breite einen Traum, der ihn, selig schlafend, zurück nach Göttingen gebracht habe. In diesem Traum waren sie dann alle wieder da, die „doctores“, die Hof- und Justizräte, sogar sein eigener Doktorvater: „Jeder … hatte etwas … zu bemerken und hin zu lächeln, etwa ein neu ergrübeltes Systemchen oder Hypotes-chen oder ähnliches Mißgebürtchen des eigenen Köpfchens …“ Wenig-stens den „Trümmern der uralten Burg von Osterode“ widmete Heine eine beiläufige Zeile: „Sie bestehen nur noch aus der Hälfte eines großen dickmaurigen, wie von Krebsschäden angefressenen Turms.“

Ein ewiges Thema Heines war sein „Deutsch sein“. Schon während seiner Studentenzeit dachte er daran, Deutschland den Rücken zu kehren: Zu oft wurde ihm klargemacht, daß er nicht dazugehöre. Und als er es später mit der Taufe als Eintrittskarte versuchte, wurde er bitter enttäuscht: Nun sei er bei Christen und Juden verhaßt. So wurde ihm die deutsche Sprache zur eigentlichen Heimat, „ein Vaterland selbst demjenigen, dem Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern“. Auch in der „Harzreise“ befaßte sich Heine mit deutschen Befindlichkeiten und Eigenarten. Als er hörte, wie ein Schneidergesell das „wunderbare Volkslied“ „Ein Käfer auf dem Zaune saß; summ, summ!“ sang, fand er: „Das ist schön bei uns Deutschen; keiner ist so verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden und sich dabei totlachen und totweinen.“

Wie weggeblasen ist Heines Ironie, wenn er Landschaften beschreibt: „Die Berge wurden hier noch steiler“, bemerkt er auf seinem Weg nach Klausthal (Clausthal-Zellerfeld), „die Tannenwälder wogten unten wie ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolken. Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam gezähmt. Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schroffen Übergänge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen, tragen ein weißes oder doch mildes, mit dem blauen Himmel und der grünen Erde harmonisch korrespondierendes Kolorit, so daß alle Farben einer Gegend wie leise Musik ineinander schmelzen …“ Nur wem die Sonne im Gemüt fehle, der vermöge diese Effekte nicht zu erkennen, fährt Heine fort, und schon geht der Spott wieder mit ihm durch: Solche Menschen meinten, daß Bäume nur gut zum Einheizen seien, „und die Blumen werden nach den Staubfäden klassifiziert, und das Wasser ist naß“.

In Clausthal freute sich Heine über einen „Kalbsbraten, so groß wie der Chimborasso in Miniatur“, nur der Kaffee wurde ihm verleidet, „indem sich ein junger Mensch diskursierend zu mir setzte und so entsetzlich schwadronierte, daß die Milch auf dem Tische sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflissener mit fünfundzwanzig bunten Westen und ebenso viel goldenen Petschaften, Ringen, Brustnadeln … Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat.“

Literatur: Heinrich Heine, Die Harzreise. Fotos von Günter Pump, 2. Auflage, Husum 2006. Das handliche Bändchen enthält nicht nur den kompletten Text der Harzreise, sondern auch schöne Fotos der einzelnen Stationen. Das ermöglicht es, beispielsweise Heines Naturbeschreibungen nachvollziehen zu können – auch ohne direkt vor Ort gewesen zu sein.

Kerstin Decker, Heinrich Heine. Narr des Glücks. Biographie, Berlin 2005. Edda Ziegler, Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen, Düsseldorf/Zürich 2005.

Uwe A. Oster

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