Der Untergang des Inka-Reichs Die lachenden Dritten - wissenschaft.de
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Der Untergang des Inka-Reichs

Die lachenden Dritten

Es erscheint bis heute unvorstellbar: Obwohl er nur über 168 Mann verfügte, fiel Francisco Pizarro im November 1532 das ganze Inka-Reich nahezu kampflos in die Hände. Was folgte, war eine lange Agonie, die mit der Hinrichtung des letzten Inka-Herrschers Tupac Amaru am 24. September 1572 endete.

Bevor die Europäer an der Küste auftauchten, wussten die Inka nichts von der Existenz einer Welt außerhalb der Anden. Möglicherweise hatte es in der Vergangenheit Kontakte bis nach Mittelamerika gegeben, und manche Forscher vermuten sogar, dass es zwischen beiden Regionen einen regelmäßigen Schiffsverkehr gegeben hat. Doch als die Europäer nach Amerika kamen, schienen diese Beziehungen eingestellt gewesen zu sein. Von den Aktivitäten der Spanier in Zentralamerika und an der Atlantikküste Südamerikas haben die Inka offenbar nichts erfahren.

Die Ankunft der Spanier überraschte die Inka in einem ungünstigen Moment. Wie ein spanischer Autor kommentierte, wäre den Spaniern mit 160 Mann kaum die Eroberung Perus gelungen, „hätte Gott nicht zugelassen, dass es einen äußerst grausamen Krieg zwischen Huascar und Atahualpa gab“. Der Krieg brach aus, nachdem Huayna Capac, der letzte unangefochtene Inka-Herrscher, etwa 1524 oder 1525 gestorben war. Er hatte in den letzten Jahren seiner Herrschaft Krieg im Norden des heutigen Ekuador geführt. Bevor er nach Norden aufbrach, hatte er eine Inspektion des südlichen Reichsteils unternommen und die Verwaltung neu organisiert. Dann stellte er ein großes Heer auf und erreichte etwa um 1515 das heutige Ekuador, wo er Tomebamba (das moderne Cuenca) zu seinem Operationszentrum machte. Die Bewohner im mittleren Hochland wurden durch Drohungen und kleinere Militäraktionen gezwungen, mit den Inka zu kooperieren, bevor sich Huayna Capac dem eigentlichen Gegner nördlich Quitos zuwandte. Dies war eine Gruppe verbündeter Ethnien, die Caranqui, Cayambe, Otavalo und Cochasqui, die erbitterten Widerstand gegen die Inka leisteten. Nach inkaischen Berichten dauerte es ein Jahrzehnt, bis die Caranqui und ihre Verbündeten besiegt wurden, ein Erfolg, den Huayna Capac nicht mehr genießen konnte. Ein erster Vorbote der spanischen Invasoren hatte die Anden erreicht, in Form einer Seuche, vermutlich der Pocken, die sich im Inka-Reich ausbreitete. Auch der Inka-Herrscher erkrankte und starb nach kurzer Zeit.

Bei seinem Tod zeigte sich, dass Huayna Capac einen schweren politischen Fehler gemacht hatte, denn er hatte es unterlassen, seine Nachfolge zu regeln. Wie von seinem Großvater Pachacutec festgelegt, war Huayna Capac mit seiner Schwester Cusi Rimay verheiratet gewesen, doch aus dieser Ehe gab es keine überlebenden Söhne, und Cusi Rimay war offenbar früh gestorben. Von den Söhnen aus seinen zahlreichen Ehen mit Nebenfrauen nahm Huayna Capac Atahualpa nach Norden mit, vielleicht weil er der älteste war. Er wollte ihm die Gelegenheit geben, sich im Krieg zu bewähren. Doch der Feldzug, den Atahualpa anführte, war erfolglos, und Huayna Capac nahm dies offenbar als Zeichen, dass er nicht als Nachfolger geeignet war. Er unterließ es allerdings auch, einen anderen Erben zu bestimmen, vielleicht weil die meisten seiner Söhne in Cuzco zurückgeblieben waren und er sie erst wiedersehen wollte, wenn er eine Entscheidung traf.

Unter den Zurückgebliebenen war Huascar, dessen Mutter Rahua Ocllo Huayna Capac begleitet hatte. Sie war so etwas wie die Lieblingsfrau des Herrschers, und als ihr Mann plötzlich starb, nutzte sie ihre Stellung und schickte Boten nach Cuzco, die Huascar aufforderten, sofort die Macht zu übernehmen. Dies gelang ihm auch, aber wenig später kam es zu ersten Konflikten zwischen dem neuen Herrscher und dem Inka-Adel. Die genauen Ursachen für diese Auseinandersetzungen sind nicht bekannt, aber offenbar fühlte sich Huascar durch die Macht der herrscherlichen Familienverbände (panaca) eingeschränkt. Zusätzliche Sorgen machte ihm sein Halbbruder Atahualpa, der in Quito zurückgeblieben war, zusammen mit den Heerführern und Veteranen Huayna Capacs.

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Atahualpa hatte vermutlich nie die Absicht gehabt, sich gegen seinen Bruder aufzulehnen, denn Huascar hatte das gesamte Inka-Reich hinter sich, während Atahualpa gerade den nördlichsten Zipfel kontrollierte. Aber er konnte Huascar nicht von seiner Loyalität überzeugen, und als dieser eine Strafexpedition losschickte, um ihn gefangen zu nehmen, setzte sich Atahualpa trotz seiner begrenzten Mittel zur Wehr. Ein verheerender Bürgerkrieg brach aus. Erstaunlicherweise gelang es Atahualpas Truppen, nach anfänglichen Niederlagen Huascars Heere immer wieder zu schlagen und Schlacht um Schlacht nach Süden vorzudringen. Der Großteil des Verdienstes um diese Siege gehörte Atahualpas Heerführern Quizquiz und Chalcochima. Nach mehreren Jahren Krieg hatten sie fast Cuzco erreicht. Huascar persönlich stellte sich jetzt an die Spitze seines Heeres, um sie aufzuhalten. Doch nach einem kleinen Anfangserfolg geriet der militärisch unerfahrene Inka-Herrscher in eine Falle Quizquiz’ und Chalcochimas und wurde gefangen genommen. Atahualpas Truppen besetzten Cuzco und entschieden damit den Krieg endgültig zu seinen Gunsten.

„Ironie der Geschichte“ trifft wohl auf wenige Momente der Geschichte so sehr zu wie auf das weitere Schicksal Atahualpas. Kaum hatte er seinen Bruder besiegt, fiel er den Spaniern in die Hände. Die Begegnung zwischen dem Inka-Herrscher und den 168 Spaniern am 16. November 1532 in Cajamarca gehört zu den historischen Momenten, die immer wieder wegen ihres Symbolwerts, aber auch wegen ihrer Unerklärlichkeit heraufbeschworen werden: Ein Herrscher wird inmitten seines Heeres, auf eigenem Territorium, ohne Kampf gefangen genommen, und sein gesamtes Reich fällt in die Hände der Angreifer.

Die Spanier unter Francisco Pizarro hatten einige Jahre zuvor bei Erkundungsfahrten entlang der Pazifik-küste Peru erreicht. Sie bekamen dabei einen Eindruck von dem Reichtum der Zentralanden und nahmen außerdem einige junge Männer gefangen, die ihnen später als Dolmetscher dienen sollten. Danach kehrte Pizarro nach Spanien zurück, rekrutierte Männer für sein Unternehmen und ließ sich die Rechte an seinen zukünftigen Eroberungen zusichern. 1531 landete er an der Küste Ekuadors und stieß nach Süden vor. 1532 erreichten die Spanier das Territorium des Inka-Reichs und erfuhren dank ihrer Dolmetscher von dem Bürgerkrieg. Pizarro erkannte sofort die einmalige Gelegenheit, unter den Bürgerkriegsparteien Verbündete zu gewinnen. Ein weiterer Glücksfall war, dass sich Atahualpa in der Nähe im Gebirge aufhielt.

Der Inka-Herrscher befand sich zu diesem Zeitpunkt in den Bädern bei der Stadt Cajamarca, um sich durch Fasten auf ein Fest vorzubereiten. Die Spanier zogen nach Cajamarca, einer Provinzstadt der Inka, die sie fast ohne Bewohner vorfanden, und besetzten das Stadtzentrum um den Hauptplatz. Pizarro forderte Atahualpa auf, sich mit ihm zu treffen, und nach kurzem Zögern stimmte der Inka-Herrscher zu. Mit großem Gefolge, begleitet von seiner Leibwache, Musikern und Sängern sowie großen Teilen seines Adels, ließ Atahualpa sich in seiner Sänfte auf den Hauptplatz Cajamarcas tragen. Die Spanier warteten in den umliegenden Gebäuden auf ihn. Auf ein vereinbartes Signal stürzten sie heraus, griffen Atahualpas Gefolge an und töteten viele seiner Begleiter. In panischer Flucht versuchte der Rest zu entkommen, riss dabei eine Mauer um, wobei viele Flüchtende sich gegenseitig erdrückten, während andere von den verfolgenden Spaniern niedergemacht wurden. Ata‧hualpa selbst blieb am Leben und befand sich als Gefangener in der Hand der Spanier…

Dr. Kerstin Nowack

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