Milet und die Griechenstädte in Kleinasien Die Perle Ioniens - wissenschaft.de
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Milet und die Griechenstädte in Kleinasien

Die Perle Ioniens

Eine Wiege der europäischen Kultur stand in Kleinasien: Milet. Die Stadt in der fruchtbaren Landschaft von Karien war das „Haupt Ioniens“, der griechischen Pflanzstädte an der Westküste der heutigen Türkei. Aus Milet stammte mit Thales nicht nur einer der berühmtesten Wissenschaftler der Antike, sondern auch der erste Historiker der Weltgeschichte: Hekataios.

Die Ionier, so behauptete im 5. Jahrhundert v. Chr. der griechische Historiker Herodot, hätten ihre Städte in einer Gegend mit dem „angenehmsten Klima der ganzen uns bekannten Erde“ gegründet. Kälte und Nässe wie bei den Völkern des Nordens oder Hitze und Dürre wie bei den Bewohnern des Südens seien ihnen daher fremd. Herodot wußte, wovon er sprach. Schließlich lag auch seine eigene Heimatstadt Halikarnassos, das heutige Bodrum, an der von ihm so geschätzten Westküste Kleinasiens. Es war aber nicht so sehr das Wetter, das Griechen dazu bewogen hatte, das Mutterland zu verlassen und sich in großer Zahl in Kleinasien anzusiedeln. Vielmehr war die im 11. Jahrhundert v. Chr. einsetzende Kolonisierung der anatolischen Kü?sten Teil großer Wanderungsbewegungen, die im ostägäischen Raum zu erheblichen Umwälzungen führten. Auslösender Faktor waren die Dorer, die im 12. Jahrhundert v. Chr. aus dem nordwest- und mittelgriechischen Raum in die Peloponnes geströmt waren. Im weiteren Verlauf ihrer Züge erreichten sie erst die Inseln der südlichen Ägäis, dann Kreta und schließlich die Südwestküste Kleinasiens.

Von dieser dorischen Wanderung wurde auch die große Stammesgruppe der Ionier mitgezogen, die damals vor allem in Attika ansässig war. In Massen kehrten die ionischen Griechen der Heimat den Rücken, fuhren mit ihren Schiffen Richtung Osten und nahmen dort jene Plätze ein, die von der dorischen Landnahme frei geblieben waren. Dabei handelte es sich zum einen um die nördlichen Inseln der Ägäis, zum anderen um die mittleren Regionen der west?kleinasiatischen Küste. Komplettiert wurde diese massive griechische Präsenz im Osten des Mittelmeerraums durch die Wanderung der Äoler, die über die Insel Lesbos hinaus auch diejenigen Gebiete des westlichen Kleinasiens in Besitz nahmen, die nördlich an die ionischen Gebiete grenzten.

Als Folge der intensiven Kolonisation entstand bald eine ganze Reihe von blühenden Städten mit auch heute noch klangvollen Namen: Die Ruinen von Kolophon, von Priene oder Ephesos gehören nach wie vor zu den meistbesuchten Stätten der antiken Welt. Unangefochtener Spitzenreiter aber war das in der fruchtbaren Landschaft von Karien gelegene Milet, das alle anderen ionischen Städte an politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung überragte. Als „Perle Ioniens“ hat Herodot die Stadt bezeichnet, und der römische Autor Plinius fand später das Attribut Ioniae caput, das „Haupt Ioniens“.

Archäologen, Siedlungsgeographen und Sprachforschern bereitet die genaue Rekonstruktion der griechischen Landnahme in Kleinasien trotz erheblicher Fortschritte immer noch einiges Kopfzerbrechen. Die antiken Griechen hatten es in dieser Hinsicht leichter. Für sie war der Mythos das geeignete Mittel, um Licht in eine ferne, weitgehend unbekannte Vergangenheit zu bringen. Und so kursierten seit der klassischen Zeit verschiedene zwar phantasievolle, im Kern jedoch die historische Realität einigermaßen zuverlässig widerspiegelnde Versionen von den Anfängen der Besiedlung des westlichen Kleinasiens. Insbesondere waren die Griechen an der Frühgeschichte des großen Milet interessiert. Diese Stadt, so fanden die antiken Altertumsforscher heraus, sei schon lange vor der Ankunft der Ionier gegründet worden, und zwar von Kretern, die vor dem König Minos geflohen seien und die ihrerseits die einheimischen Karer vertrieben hätten. Üblicherweise brachten die Griechen die Namen von Städten mit deren (tatsächlichen oder angeblichen) Gründern in Verbindung. So nannten sie den Anführer der kretischen Flüchtlinge Miletos. Die Aufgabe, eine überzeugende Erklärung für die Flucht des Kreters von der Insel des Minos nach Kleinasien zu liefern, bewältigten sie ebenfalls mit Bravour und Einfallsreichtum: König Minos habe sich in Miletos verliebt, der als Sohn des Gottes Apollon entsprechend attrak?tiv gewesen sei. Um sich den Nachstellungen des Herrschers von Knossos zu entziehen, sah der Begehrte keinen anderen Ausweg, als sich in Kleinasien eine neue Existenz aufzubauen. Der kretische Hintergrund der Frühgeschichte von Milet ist allerdings keine Fiktion. Tatsächlich haben Archäologen auf dem Areal von Milet sowohl minoische als auch mykenische Siedlungsspuren ausmachen können.

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Als die Ionier im 11. Jahrhundert v. Chr., nach dem Zusammenbruch der mykenischen Vorherrschaft, nach Kleinasien kamen, gründeten sie Milet also gewissermaßen zum zweitenmal. Auch für diesen Vorgang hatten die Griechen einen passenden, wiederum auf eine einzelne Persönlichkeit bezogenen Mythos parat. Jetzt hieß der Protagonist Neileos, seines Zeichens Sohn des Kodros, des Königs von Athen. Im Wettbewerb um die Nachfolge in der Herrschaft seinem Bruder Medon unterlegen, sei er mit einigen anderen Athenern nach Kleinasien ausgewandert und habe bei dieser Gelegenheit Meriten als (Neu-)Gründer von Milet erworben. Allerdings seien diese ionische Landnahme und die Okkupation der bereits bestehenden Stadt nicht ohne gewalttätige Auseinandersetzungen vonstatten gegangen. Übereinstimmend berichten die Quellen von einem Massaker an der karischen Urbevölkerung. Weil man Attika ohne Frauen verlassen hatte, diese aber aus naheliegenden Gründen für die dauerhafte Existenz der Stadt absolut notwendig waren, griffen die Griechen zu einem drastischen, von dem antiken Schriftsteller Pausanias (um 115 – um 180) so beschriebenen Mittel: „Als nun damals die Ionier die alten Milesier überwältigt hatten, rotteten sie die männliche Bevölkerung aus, mit Ausnahme derer, die bei der Belagerung der Stadt entkommen waren. Die Frauen und Töchter heirateten sie.“ Wie Herodot mitteilt, reagierten die Frauen auf die fragwürdigen Umstände der Eheanbahnung auf ihre Weise: Per Eid verpflichteten sie sich und ihre weiblichen Nachkommen, niemals mit ihren Männern gemeinsam zu essen oder sie mit ihrem Namen zu rufen.

Prof. Dr. Holger Sonnabend

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