Der Gang nach Canossa Ein Ereignis, das die Welt veränderte? - wissenschaft.de
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Der Gang nach Canossa

Ein Ereignis, das die Welt veränderte?

Mitten im Winter 1076/77 zog der römische König Heinrich IV. über die Alpen, um sich vom Kirchenbann lösen zu lassen, den Papst Gregor VII. über ihn verhängt hatte. Zwar gelang das Unterfangen, doch mit Folgen, die noch Jahrhunderte nachwirken sollten.

Fährt man heute von Reggio in der Poebene die Abhänge des Apennin hinauf, so wird es bald ziemlich einsam. Nach etwa 20 Kilometern gelangt man zu den Ruinen der Burg Canossa. Um ihren einstigen Ruhm ist es stiller geworden. Die kleine Siedlung zu Füßen der Burg bietet keinen touristischen Rummel. Wer Florenz, Siena oder Pisa gesehen hat, ist von der stillen Beschaulichkeit der kargen Berglandschaft verwundert. Nicht viele Menschen gehen heute nach Canossa. Und doch kennen manche dieses Wort. Es steht für eine tiefe Demütigung. König Heinrich IV. (1056–1106) erlitt sie im Januar 1077, in der schlimmsten Krise seiner Herrschaft. Als Büßer unterwarf er sich in Canossa Papst Gregor VII. Mit größtem Aufwand löste sich der Fürst dieser Welt aus dem kirchlichen Bann und fand wieder Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Alles schien auf dem Kopf zu stehen: Der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus hatte den römischen König, den höchsten Herrscher in der abendländischen Christenheit, in die Knie gezwungen. Unser Wissen von diesem unerhörten Vorgang ist seltsam zerrissen. Denn die erhaltenen Berichte stammen vom Papst oder seinen Anhängern. Der König und seine Gefolgsleute erzählten nichts von Canossa. Ihr gezieltes Vergessen gehört zur überlieferten halben Wahrheit dazu.

Canossa bleibt im deutschen Gedächtnis ein Ort der Schande. Bedeutungsschwer gelangte der markige Ausspruch Otto von Bismarcks in den „Zitatenschatz des deutschen Volkes“: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“ Mit seiner Reichstagsrede vom 14. Mai 1872 griff der eiserne Kanzler den Heiligen Stuhl an. Im neuen Deutschen Reich feierten sich die protestantischen Hohenzollern zwar gern als Nachfolger der alten Kaiser. Doch deren mittelalterliche Schmach sollte sich nie mehr wiederholen. Canossa erwuchs jetzt zum Symbol für die freche Anmaßung der Päpste. Noch im Jahr der Reichstagsrede wurden Gedenkmünzen geprägt. Auf der einen Seite steht Bismarck als Hüter kaiserlicher Herrschaft: „Der Kaiser ist Herr im Reich und muß es bleiben. Fürst von Bismarck“. Auf der anderen Seite kämpft Germania als Frauengestalt mit Schwert und Bibel gegen den Papst mit seiner Bannbulle; unter Gregors Mantel kriecht eine Schlange gegen den Adler des Reichs hervor: „Nicht nach Canossa!“ …

Im Vorfeld des dritten Golfkriegs stellte die Zeitschrift „Stern“ dem damaligen deutschen Außenminister Joseph Fischer am 2. Oktober 2002 die Frage: „Herr Fischer, Sie stehen vor einem Canossa-Gang nach Washington. Wie tief müssen Sie sich da verbeugen, um den Ärger der Amerikaner über die deutsche Irak-Politik zu besänftigen?“ Und der Politiker antwortete: „Niemand steht vor einem Canossa-Gang … Von Canossa kann keine Rede sein.“ Neuerdings wächst das Interesse an den Erschütterungen der Welt. Canossa steht als Chiffre für den großen Umbruch des Mittelalters. In krisengeschüttelter Zeit wird uns Canossa wieder wichtig.

Drei Tage lang stand König Heinrich IV. vor der Burg Canossa im Schnee – barfuß, frierend, im Büßergewand. Er erflehte von Papst Gre-gor VII. (1073–1085) die Vergebung seiner Sünden, die Lösung vom Bann und die Aufnahme in die Burg. Emotionen dieser Wintertage vom 25. bis zum 28. Januar prägen die wenigen Quellen. Sogleich schickte der Papst einen Brief an seine deutschen Parteigänger. Dazu kommen Berichte zweier deutscher Mönche (Lampert von Hersfeld, Berthold von Reichenau) und zweier Italiener (Bonizo von Sutri, Donizo von Canossa). Neben anderen schrieben sie zwischen 1077 und 1114 ihre Canossa-Geschichten aufs Pergament. Die Rückschau und die Folgekämpfe verwandelten das Gedächtnis. Doch unsere Zeugen urteilten nicht wertfrei. Sie erzählten als treue Parteigänger der Reformpäpste und als entschiedene Gegner Heinrichs IV. So müssen wir aus dem Deutungskartell der einen Partei die Vergangenheit zusammensetzen, ohne je die ganze Wirklichkeit zu erfahren.

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Drei Tage barfuß im Schnee – das hält doch kein Mensch aus? Schon dieser banale Einwand läßt auf ein symbolisches Bußgeschehen schließen. Die Texte vom frierenden König entwarfen das Idealbild einer Gemeinschaft von reuigem Sünder und gnädigem Priester. Aus der winterlichen Abgeschiedenheit des Appenin zielte es auf breite Öffentlichkeit und wollte erzählt sein. So entstand das Canossa-Geschehen aus unterschiedlichen Imaginationen. Es lohnt sich, die verschiedenen Erinnerungen nebeneinanderzuhalten und sie nicht zu einer Vergangenheit zu verschmirgeln. Die Unterschiede in den Quellen sind nicht riesig; aber sie fallen doch ins Gewicht. Das früheste Zeugnis lieferte Gregor VII. in seinem Brief, den er sogleich an die fürstlichen Feinde des Königs schrieb. Sie bat der Papst um Verständnis, daß er Heinrich IV. sogleich in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen und seine Entscheidung nicht auf ein in Augsburg geplantes Tribunal verschoben habe. Der König, so berichtete er, sei friedlich in Canossa erschienen, habe seine Rangabzeichen abgelegt, drei Tage lang in mitleiderregender Weise barfuß und in härenem Gewand vor dem Burgtor ausgeharrt und weinend die päpstliche Absolution erfleht. Die Umgebung des Papstes habe Fürsprache eingelegt und zur Milde genötigt. Von der Reue Heinrichs und der Fürsprache seiner eigenen Anhänger überwältigt, habe der Papst den König empfangen und dessen Zusagen von Abt Hugo von Cluny, Gräfin Mathilde von Tuszien und anderen Fürsten bestätigen lassen. Endlich löste Gregor die Fesseln des Kirchenbanns, ließ den König zum Abendmahl zu und nahm ihn wieder in die christliche Gemeinschaft auf…

Literatur Stefan Weinfurter, Canossa. Die Entzauberung der Welt. München 2006. Harald Zimmermann, Der Canossagang von 1077. Mainz 1975. Bernd Schneidmüller, Die Kaiser des Mittelalters. Von Karl dem Großen bis Maximilian. München 2006.

Canossa 1077 – Erschütterung der Welt Sonderausstellung im Museum in der Kaiserpfalz, im Diözesanmuseum und in der Städtischen Galerie Paderborn 21. Juli – 5. November 2006 Die Ausstellung zur „Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik“ thematisiert das dramatische Geschehen von Canossa als sichtbaren Ausdruck des großen Konflikts zwischen Königtum und Papsttum im Zeitalter des Investiturstreits. Die Ausstellung ist auf drei Standorte verteilt: Im Museum in der Kaiserpfalz stehen die Protagonisten des Konflikts – Herrscher und Papst – und die zwischen diesen beiden Kräften nach Neuorientierung strebenden Bischöfe im Mittelpunkt; daneben wird die Rolle der Städte, des Adels und der Klöster im Spannungsfeld dieser großen Umbrüche thematisiert. Im Diözesanmuseum werden dem Besucher neben den religiös-geistigen Wurzeln und Wegen der Reform anhand bedeutender Werke der Buchmalerei, der Skulptur, der Elfenbeinschnitzerei und der Goldschmiedekunst wesentliche Aspekte der Kunst am Aufgang der Romanik nahegebracht. Die dritte Station des Rundgangs ist die Städtische Galerie. Hier steht das Nachleben der Ereignisse von Canossa bis in die heutige Zeit im Blickpunkt. Dabei wird nach der Instrumentalisierung des Ereignisses gefragt, nach der Art und Weise, in der sich politische bzw. gesellschaftliche Gruppen seiner in jeweils modifizierter Bedeutung bedienten und bis heute bedienen. Zu der Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog.

In Kooperation mit DAMALS bietet „ART CITIES IN EUROPE“ unseren Lesern an: – Eintrittskarten im Vorverkauf – exklusive Führungen mit den Kura-toren Prof. Dr. Christoph Stiegemann oder Prof. Dr. Mathias Wemhoff am 2. September, 24. September und am 28. Oktober 2006 – Canossa-Wochenende: Übernachtung/ Frühstück im Hotel (Kategorie nach Wahl), Eintrittskarte in die Ausstellung, Teilnahme an der Exklusiv- oder einer öffentlichen Führung durch die Ausstellung sowie an einem Stadtspaziergang; Mittagessen, Kaffeegedeck; Katalog und Ausstellungsinformationen.

Anmeldung unter dem Stichwort DAMALS: Telefon +49/(0)7531/9073- 0 oder: tickets@artcities.com

ART CITIES IN EUROPE Raitenaugasse 5 78462 Konstanz

http://www.arttourist.com

Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

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ein|häu|sig  〈Adj.; Bot.〉 männl. u. weibl. Blüten auf demselben Individuum (einer Pflanze) aufweisend; Sy monözisch; ... mehr

Schmet|ter|lings|blüt|ler  〈m. 3; Bot.〉 Angehöriger einer zu den Hülsenfruchtartigen gehörenden Pflanzenfamilie, deren Blüten den Schmetterlingen ähneln: Papilionaceae

Schei|ben|blü|te  〈f. 19; Bot.〉 die mittleren, als Scheiben ausgebildeten Blütenblätter der Korbblütler

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