Für den Theaterdirektor und Dramatiker Mo‧lière war der sensationelle Fall vom August 1665 aber keineswegs erledigt. Drei Jahre später brachte er sein Stück „L’Avare“, „Der Geizige“, auf eigener Bühne und unter eigener Regie zur Uraufführung. Dem Publikum war klar, wer hier Modell gestanden hatte. Maître Jacques, in kostensenkender Personalunion Koch und Kutscher Harpagons, des Monster-Geizhalses, beklagt das Schicksal der Hausgäule, denen der Hausherr regelmäßig den Hafer wegisst und die daher vor Schwäche kollabieren. Unverkennbar. Das waren die Tardieus. Herzlich lachen konnten die braven Bürger im Parkett dennoch nicht. Im Gegenteil: Sie fühlten sich getroffen.
Gewiss, so ungeheuerlich geizig wie Harpagon, der für sein Hauspersonal Kalender mit inflationär vermehrten Fastentagen drucken lässt, um an der Beköstigung zu sparen, waren sie nicht. Aus dem Herzen sprach er ihnen dennoch: dass ein Bürger nicht wie ein Marquis leben dürfe, sondern das von fleißigen Vorfahren gesammelte Vermögen durch rigorose Sparsamkeit zu mehren habe. Dass ein Mann, der so nützliche Tugenden vorlebte, in Molières Stück als Psycho- und Soziopath vorgeführt wurde, missfiel ihnen. Und sie ärgerten sich noch über viel mehr. Denn Molière gab die Standardausrede aller Geizigen der Lächerlichkeit preis – Sparsamkeit und Geiz haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Wer sparsam wirtschaftet, legt Reserven an, um diese danach umso zielbewusster einzusetzen. Für den Geizigen aber ist das Geld, das doch Mittel zum Zweck sein sollte, Selbstzweck. Seine Einsparungen sind im Verhältnis zu seinen finanziellen Ressourcen völlig irrelevant; sie machen ihn glücklich, weil er sie einer gierigen Welt abgerungen hat.
Denn der Geizige ist zutiefst davon überzeugt, dass ihm die Welt mehr schuldet, als sie ihm zuzubilligen bereit ist; umgekehrt sieht er sich permanent von den anderen bedrängt, die von ihm begehren, worauf sie kein Anrecht haben. Der Geizige fühlt sich daher lebenslang in der Defen‧sive; verteidigen muss er sich gegen den Ansturm der Habgier, aber auch gegen das Einsickern der Verlockungen. Seine höchste Seligkeit ist die ökonomische und emotionale Autarkie; der logische Endpunkt des exzessiven Geizes ist deshalb die Isolation, die vollständige soziale Verarmung. Der Geizige verehrt seine Schätze wie der fromme Christ die Hostie – Geiz ist eine Religion. Sein Geld ist für ihn sein Blut, sein Leben, sein Ein und Alles. Als Harpagon die gestohlene Kassette zurückgegeben wird, fühlt er sich wiederauferstanden. Auch das zeigt Molière.
Gibt ihm die Geschichte recht? Ist Geiz ein Gegenstand der historischen Forschung? Gibt es den Geizigen als eine Epochen übergreifende Erscheinung? Obwohl manches dafür spricht, kann man die dritte Frage getrost offenlassen und die zweite mit Ja beantworten. Geiz ist das Wirtschafts- und Sozialverhalten, das die meinungsbildenden Zeitgenossen als gravierende Abweichung von den Normen der anerkannten moralischen Ökonomie konstatieren und monieren – Geiz tritt also immer nur im Vergleich hervor, als Anstoß erregende Durchbrechung etablierter Konventionen…





