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Geiz in der Geschichte

Erbärmliche und prunkvolle Geizhälse

Wer sich im Internet über die sieben Hauptlaster bzw. Todsünden informiert, zu denen Geiz seit dem Ausgang der Antike gehörte, macht eine überraschende Entdeckung: Es gibt keinen Geiz mehr. In der euro‧päischen Neuzeit war dies anders …

Bei den Tardieus hatten die Einbrecher leichtes Spiel. Und das, obwohl der Hausherr lieutenant criminel, Polizeichef von Paris mit eigenem Tribunal, war. Doch um sich durch eine starke Tür, ein festes Schloss und eine wehrhafte Dienerschaft gegen unliebsame Eindringlinge zu schützen, waren er und seine Angetraute zu knauserig. Der Geiz dieses seltsamen Paares nahm die bizarrsten Formen an. Die Pferde, die die Uraltkalesche der Tardieus ziehen sollten, brachen regelmäßig vor Hunger zusammen. Ihre eigene Mahlzeit bestand aus trockenem Brot und an Festtagen einem halben Ei pro Kopf. Doch aßen sie selten genug zu Hause. Monsieurs Künste, sich bei der Abwicklung seiner Geschäfte freihalten zu lassen, waren legendär. Seine Tischgenossen allerdings mussten Abstand halten, denn die Ausdünstungen seiner ebenso zerschlissenen wie ungewaschenen Kleidung waren wenig appetitanregend (und Paris war in Sachen Geruch einiges gewöhnt!). Dabei waren die Tardieus mindestens ebenso reich wie geizig. Die Diebe machten daher reiche Beute. Dass sie die beiden Geizhälse auch noch totschlugen – man nahm es gelassen. Es war gekommen, wie es kommen musste, man konnte zur Tagesordnung übergehen.

Für den Theaterdirektor und Dramatiker Mo‧lière war der sensationelle Fall vom August 1665 aber keineswegs erledigt. Drei Jahre später brachte er sein Stück „L’Avare“, „Der Geizige“, auf eigener Bühne und unter eigener Regie zur Uraufführung. Dem Publikum war klar, wer hier Modell gestanden hatte. Maître Jacques, in kostensenkender Personalunion Koch und Kutscher Harpagons, des Monster-Geizhalses, beklagt das Schicksal der Hausgäule, denen der Hausherr regelmäßig den Hafer wegisst und die daher vor Schwäche kollabieren. Unverkennbar. Das waren die Tardieus. Herzlich lachen konnten die braven Bürger im Parkett dennoch nicht. Im Gegenteil: Sie fühlten sich getroffen.

Gewiss, so ungeheuerlich geizig wie Harpagon, der für sein Hauspersonal Kalender mit inflationär vermehrten Fastentagen drucken lässt, um an der Beköstigung zu sparen, waren sie nicht. Aus dem Herzen sprach er ihnen dennoch: dass ein Bürger nicht wie ein Marquis leben dürfe, sondern das von fleißigen Vorfahren gesammelte Vermögen durch rigorose Sparsamkeit zu mehren habe. Dass ein Mann, der so nützliche Tugenden vorlebte, in Molières Stück als Psycho- und Soziopath vorgeführt wurde, missfiel ihnen. Und sie ärgerten sich noch über viel mehr. Denn Molière gab die Standardausrede aller Geizigen der Lächerlichkeit preis – Sparsamkeit und Geiz haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Wer sparsam wirtschaftet, legt Reserven an, um diese danach umso zielbewusster einzusetzen. Für den Geizigen aber ist das Geld, das doch Mittel zum Zweck sein sollte, Selbstzweck. Seine Einsparungen sind im Verhältnis zu seinen finanziellen Ressourcen völlig irrelevant; sie machen ihn glücklich, weil er sie einer gierigen Welt abgerungen hat.

Denn der Geizige ist zutiefst davon überzeugt, dass ihm die Welt mehr schuldet, als sie ihm zuzubilligen bereit ist; umgekehrt sieht er sich permanent von den anderen bedrängt, die von ihm begehren, worauf sie kein Anrecht haben. Der Geizige fühlt sich daher lebenslang in der Defen‧sive; verteidigen muss er sich gegen den Ansturm der Habgier, aber auch gegen das Einsickern der Verlockungen. Seine höchste Seligkeit ist die ökonomische und emotionale Autarkie; der logische Endpunkt des exzessiven Geizes ist deshalb die Isolation, die vollständige soziale Verarmung. Der Geizige verehrt seine Schätze wie der fromme Christ die Hostie – Geiz ist eine Religion. Sein Geld ist für ihn sein Blut, sein Leben, sein Ein und Alles. Als Harpagon die gestohlene Kassette zurückgegeben wird, fühlt er sich wiederauferstanden. Auch das zeigt Molière.

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Gibt ihm die Geschichte recht? Ist Geiz ein Gegenstand der historischen Forschung? Gibt es den Geizigen als eine Epochen übergreifende Erscheinung? Obwohl manches dafür spricht, kann man die dritte Frage getrost offenlassen und die zweite mit Ja beantworten. Geiz ist das Wirtschafts- und Sozialverhalten, das die meinungsbildenden Zeitgenossen als gravierende Abweichung von den Normen der anerkannten moralischen Ökonomie konstatieren und monieren – Geiz tritt also immer nur im Vergleich hervor, als Anstoß erregende Durchbrechung etablierter Konventionen…

Literatur: Volker Reinhardt, Mein Geld! Meine Seele!. Die größten Geizhälse und ihre Geschichten. München.

Prof. Dr. Volker Reinhardt

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♦ mi|kro|bio|lo|gisch  〈Adj.; Biol.〉 die Mikrobiologie betreffend, zu ihr gehörend

♦ Die Buchstabenfolge mi|kr… kann in Fremdwörtern auch mik|r… getrennt werden.

Brust|bein  〈n. 11; Anat.〉 bei den höheren Wirbeltieren der die vordere Mitte des Brustkorbs bildende Knochen, an dem das Schlüsselbein u. die Rippen mit Knorpelverbindungen ansetzen; Sy Sternum … mehr

Bau|plan  〈m. 1u〉 1 = Bauvorhaben (1) 2 Zeichnung eines Baues, Aufriss u. Grundriss … mehr

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