Freimaurerei im deutschsprachigen Raum Gebaut auf Schweigen und Vertrauen - wissenschaft.de
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Freimaurerei im deutschsprachigen Raum

Gebaut auf Schweigen und Vertrauen

Die Freimaurerei war auch im deutschsprachigen Raum nie ein monolithischer Block. Geeint wird der Bund durch die brüderliche Gemeinschaft und die Verschwiegenheit nach außen. Hinzu kommt ein verpflichtendes Wertesystem, zu dem Humanität, Brüderlichkeit, Freiheit, Friedensliebe und Toleranz gehören.

Eine hierzulande vielzitierte Feststellung Gotthold Ephraim Lessings, der selbst Freimaurer und einer der wichtigsten Ideengeber des Freimaurerbunds in Deutschland war, lautet: „Freimaurerei war immer“. Dies mag für das Grundanliegen der Freimaurer gelten, religiöse, soziale und politische Trennungen zu überwinden und Menschen einander näherzubringen. Betrachtet man den Freimaurerbund jedoch als gesellschaftliche Assoziation, gilt dies nicht. Gegenüber mancherlei Mythen und Legenden ist der Freimaurerbund ein Produkt der Moderne. Er entstand – Formen, Ideen und Symbole aus seiner Vorgeschichte aufnehmend – zu Beginn des 18. Jahrhunderts und blickt inzwischen auf eine Entwicklung von fast 300 Jahren zurück.

Stichtag für den Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte der Freimaurerei ist der 24. Juni 1717, als sich vier Londoner Logen zur ersten Großloge der Welt zusammenschlossen (siehe Seite 16). Sie gab sich eine Verfassung, die nach ihrem Verfasser, dem aus Schottland stammenden presbyterianischen Geistlichen James Anderson, die „Anderson’schen Konstitutionen“ genannt werden und in Deutschland als die „Alten Pflichten“ bekannt und richtungweisend geworden sind. Die „Alten Pflichten“ enthalten die bis in die Gegenwart gültigen Grundlagen der Freimaurerei: die Verpflichtung des Freimaurers auf ein moralisch integres Handeln, den Verzicht auf trennende religiöse und politische Festlegungen sowie die Praxis der Toleranz als Grundlage von Einigkeit und Freundschaft.

Nach der Gründung der Londoner Großloge erfolgte eine stürmische Entwicklung der Freimaurerei. Schnell griff sie auf die überseeischen Gebiete Großbritanniens, vor allem die ameri‧kanischen Kolonien, über. Auch auf dem europäischen Kontinent breitete sie sich rasch aus. Selbst der früh einsetzende Widerstand der katholischen Kirche konnte die Ausbreitung nicht verhindern, zumal die päpstlichen Verurteilungen nicht in allen Bistümern veröffentlicht wurden und viele hochrangige katholische Geistliche dem Freimaurerbund angehörten, etwa Karl Theodor von Dalberg, Kurfürst-Erzbischof von Mainz und Erzbischof von Regensburg.

Die Freimaurerei stellte allerdings in keiner Periode ihrer Entwicklung eine einheitliche, klar definierbare Vereinigung dar. Dies hing mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen zusammen, unter denen sie sich entwickelte, sowie mit den voneinander abweichenden Motiven, welche die Kandidaten veranlassten, dem Bund beizutreten: soziale, philosophische, religiöse und politische Gründe, so dass in den verschiedenen Formen von Freimaurerei teils aufklärerisch-ethische, teils hermetisch-esoterische, teils christliche Grundzüge dominierten.

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Das Gemeinsame der verschiedenen „Freimaurereien“ blieb durch die Zeiten hindurch die brüderliche Gemeinschaft, die geübte Verschwiegenheit (insbesondere über Rituale und Erkennungszeichen), das Setzen von Gruppengrenzen, die Trennung von Innen und Außen – kurz das „maurerische Geheimnis“. Es hatte und hat verschiedene Funktionen für die freimaurerische Gruppenbildung und ist damit von großer Relevanz auch für die Frage nach Veränderungen und Reformen der Freimaurerei. Unter diesen (auch heute noch) partiell bewusst gesetzten, partiell implizit praktizierten Funktionen des maurerischen Geheimnisses müssen bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden drei hervorgehoben werden:

Die schützende Funktion: Ursprünglich war die Geheimhaltung der Logentreffen Bedingung für eine von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freie Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen (dies galt auch für die Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften). Später wurde das Geheimnis mehr und mehr zur Voraussetzung eines anderen Schutzes: der Bewahrung der – im Fall der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens.

Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Winkelwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus als Brüder miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die sozialen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung außerhalb der Loge zumindest ab: „Er ist Prinz“, gibt der Priester in Mozarts und Schikaneders Freimaurer-Oper „Die Zauberflöte“ vor der Aufnahme Taminos zu bedenken, und Sarastro antwortet: „Noch mehr, er ist Mensch“.

Schließlich die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, dichtete der Freimaurer Goethe.

Die erste quellenmäßig belegbare Loge in Deutschland entstand 1737 in Hamburg, und so kann die deutsche Freimaurerei in diesem Jahr ihren 275. Geburtstag feiern. Schon 1733, nach anderen Quellen 1735, soll der englische Großmeister Earl of Strathmore elf deutschen Gentlemen die Errichtung einer Loge in der Hansestadt genehmigt haben, doch sind diese Nachrichten mit Vorsicht aufzunehmen. Das älteste erhaltene Dokument weist – in französischer Sprache – auf die Gründung einer „Loge en Hambourg“ am 6. Dezember 1737 hin. Stifter war der preußische Münzmeister Charles Sarry, im Vorgriff auf die kommenden Entwicklungen als „Deputierter Großmeister von Preußen und Brandenburg“ bezeichnet. Mitstifter waren Baron Georg Ludwig von Oberg, der eine Woche später Stuhlmeister wurde, der Stadtarzt Peter Carpser, der Gelehrte Peter Stüven und Daniel Krafft.

Diese „Société des acceptés maçons libres de la Ville de Hambourg“ (Gemeinschaft der angenommenen Freimaurer der Stadt Hamburg) war an der Bäckerstraße in der Schenke des Weinwirts Jens Arbien tätig und nahm 1743 den bis heute beibehaltenen Namen „Absalom“ (später „Absalom zu den drei Nesseln“) an. Oberg war es auch, der als Leiter einer Delegation der Hamburger Loge den preußischen Kronprinzen und späteren König Friedrich II., den Großen, im August 1738 in Braunschweig in die Freimaurerei aufnahm. Friedrich wurde sowohl vom toleranten Geist des Bundes als auch von der diesen umgebenden Aura der Verschwiegenheit angezogen. Bald amtierte er als „Meister vom Stuhl“ (Vorsitzender) der von ihm in Rheinsberg ins Leben gerufenen Hofloge…

Literatur: Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven. Bremen 2011.

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann

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