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Die Kultur der Elisabethanischen Zeit

Gebildete Bürger und sterbende Helden

Obwohl die reichlich knauserige Königin selbst nur mäßig dazu beitrug, schuf Elisabeth I. mit ihrer Politik doch die Grundlage für eine kulturelle Blüte, die als Höhepunkt der englischen Renaissance gilt.

Als Elisabeth I. 1558 den englischen Thron bestieg, hätte wohl keiner ihrer Untertanen darauf gewettet, daß ihre Regierungszeit einmal als das goldene Zeitalter in die Geschichte Englands eingehen Würde. Schließlich war es erst fünf Jahre her, daß ihre Halbschwester Maria das Volk mit blutiger Gewalt zum alten Glauben zurückführte, nachdem es 19 Jahre vorher durch ihren Vater Heinrich VIII. ebenfalls mit Gewalt zum Protestantismus gezwungen worden war, zu dem es sich nun erneut bekennen sollte. Drei Religionswechsel innerhalb eines Vierteljahrhunderts hätten kaum erwarten lassen, daß das kleine Viermillionenvolk 30 Jahre später im Kampf gegen Spanien geschlossen hinter seiner Königin stehen und mit dem Triumph über die Armada die Herrschaft über die Weltmeere antreten würde; und nichts hätte vermuten lassen, daß gegen Ende des Jahrhunderts eine Blütezeit des Theaters beginnen würde, wie es sie weder davor noch danach jemals gegeben hat. Eher werden die Menschen damals befürchtet haben, daß die konservativen Kräfte, gestützt auf die noch immer zahlreiche katholische Bevölkerung, einen Aufstand gegen die junge Königin anzetteln könnten, deren Legitimität von vielen nicht anerkannt wurde, zumal in Gestalt von Maria Stuart eine katholische Thronanwärterin mit durchaus berechtigten Ansprüchen bereit stand. Daß statt des Umsturzes eine lange Friedensperiode einsetzte, verdankte England zum einen den fähigen Beratern der Königin und zum anderen deren eigener staatsmännischer Klugheit, die vor allem im „nicht handeln“ bestand. Statt Krieg zu führen duldete sie lieber die Piraterie ihrer Flotte; statt zu heirateten spielte sie die Bewerber gegeneinander aus. Statt sich durch Verleihung neuer Adelstitel das Oberhaus zu verpflichten, paktierte sie unausgesprochen mit dem niederen Adel im Unterhaus, wodurch sie das Gleichgewicht der beiden Häuser kunstvoll austarierte. Im Schutz der sich langsam konsolidierenden politischen und sozialen Verhältnisse setzte bald eine kulturelle Entwicklung ein, die aus britischer Sicht als Höhepunkt der englischen Renaissance gilt. Für Kontinentaleuropäer ist die Bezeichnung verwirrend; denn hier wird das Ende der Renaissance auf das Jahr 1527 datiert, in dem die kaiserlichen Truppen Rom verwüsteten. Was darauf folgte und im 17. Jahrhundert in den Barock überging, wird seit langem als Manierismus bezeichnet. Streng genommen fällt die gesamte Shakespearezeit in diese Epoche, und sie trägt in der Tat ausgeprägt manieristische Züge. Dennoch ist die Bezeichnung Renaissance nicht falsch. England hatte die Blütezeit des italienischen „rinascimento“ mit Krieg führen verbracht. Erst als sich mit dem Ende der Rosenkriege 1485 die Verhältnisse stabilisierten, konnten englische Künstler und Gelehrte zur Aufholjagd ansetzen, wobei sie einen Rückstand von einem ganzen Jahrhundert wettmachen mußten. Die humanistische Aneignung der Antike hatte bereits unter Heinrich VIII. begonnen, doch erst unter Elisabeth wurden die Hauptwerke der Antike wie Ovids „Metamorphosen“, Vergils „Aeneis“ und Plutarchs Lebensbeschreibungen der großen Griechen und Römer zum geistigen Besitz der Gebildeten. Voll entfalten konnten sich die neuen Kräfte aber erst, nachdem mit der Hinrichtung Maria Stuarts (1587) die innenpolitische und mit dem Sieg über die Armada (1588) die außenpolitische Konsolidierung abgeschlossen war. Was auf den ersten Blick als kulturelle Blüte Englands erscheint, war in Wirklichkeit jedoch eine Blüte Londons. Diese Stadt mit ihren etwa 200 000 Einwohnern war damals nicht nur eine der größten Städte Europas, sondern die einzige wahrhaft kosmopolitische Metropole. Der Londoner Hafen hatte Handelsverbindungen bis nach Rußland und ab 1600 dank der neugegründeten East India Company bis nach Südostasien. Die Bevölkerung der Stadt stellte eine bunte Mischung dar, die sich sozialgeschichtlich in drei Gruppen einteilen läßt. Da war zum einen das konservative Lager der Aristokraten, der Angehörigen der Staatskirche und der Inhaber königlicher Monopole, die sich zur Krone hin orientierten, von der sie abhängig waren oder deren Interessen sie teilten. Für sie alle waren die Aufrechterhaltung der Ordnung und der Fortbestand der traditionellen Hierarchie von zentraler Bedeutung. Ihnen stand der Teil des Bürgertums gegenüber, der nach Freiheit und Gleichheit verlangte. Es waren Kaufleute und Handwerker, die in Bereichen tätig waren, in denen eigene Initiative Erfolg versprach, sofern man nicht durch Zölle, Privilegien und Monopole behindert wurde. Es war vor allem diese Schicht, die im Protestantismus kalvinistischer Prägung die freiheitliche und egalitäre Tendenz erkannte und sich in wachsender Zahl zu ihm bekannte. Aber auch der anglikanische Teil des Stadtbürgertums und der niedere Adel, die Gentry, waren an einer Einebnung der alten Hierarchie interessiert. Bürgertum und Gentry saßen gemeinsam im Unterhaus, das unter Elisabeth zum erstenmal die politische Initiative gewann. Zwar hatte es noch keinen Einfluß auf die Exekutive, doch da es allen Steuergesetzen zustimmen mußte, ging nichts mehr gegen seinen Willen. Zwischen den beiden Blöcke bewegte sich die zahlenmäßig kleine, aber publizistisch wirksame Klasse der Intellektuellen, die zwar das liberal-fortschrittliche Denken des Bürgertums teilten, doch diesem gegenüber eine durchaus elitäre Haltung vertraten. Diejenigen unter ihnen, die gedruckte Werke produzierten, waren wegen des noch engen Buchmarkts auf Mäzene angewiesen und orientierten sich deshalb stärker am Geschmack des konservativen Lagers. Am ausgeprägtesten tat dies Edmund Spenser, der mit seinem großen Epos „Die Feenkönigin“ (1590–1596) nicht nur eine mythisierende Allegorie zum Ruhme Königin Elisabeths schrieb, sondern darin versuchte, die alte Tradition ritterlicher Tugenden wiederzubeleben. Zu diesem Zweck griff er auf einen archaischen Wortschatz zurück, der aus der Alltagssprache bereits verschwunden war. Manche der von ihm wiederbelebten Wörter sind dadurch bis heute im Englischen erhalten geblieben. Auch Spensers Dichterkollegen, die sich der immer beliebter werdenden Form des italienischen Sonetts bedienten, orientierten sich an der oberen Bildungsschicht. Ihnen standen die Dramatiker gegenüber, die den Geschmack eines Massenpublikums bedienen, zugleich aber auch die Gebildeten zufriedenstellen mußten, die die teuren Plätze in den Theatern einnahmen. Auch die Angehörigen der unteren Mittelschicht traten zunehmend als Käufer auf dem Buchmarkt auf, wobei die Puritaner statt Belletristik religiöse Erbauungsliteratur verlangten. Der kalvinistische Glaube an die Prädestination bewirkte, daß der Einzelne in steter Sorge war, ob er zu den von Gott Erwählten oder zu den Verdammten zählte. Da man wirtschaftlichen Erfolg als Indiz für die Erwähltheit ansah, wirkte sich der neue Glaube als Anreiz aus, den Erfolg nach Kräften zu mehren. Andererseits vertraten die Puritaner eine asketische Ethik, die jeglichen Luxus verbot, so daß sie den Gewinn nicht konsumieren durften. Deshalb investierten sie ihn als Kapital in neue Unternehmungen und vermehrten so ihren Erfolg. Seit Max Weber auf diesen Zusammenhang hingewiesen hat, gilt der Puritanismus als eine, wenn nicht die entscheidende Wurzel des modernen Kapitalismus.

Prof. Dr. Hans-Dieter Gelfert

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