Die deutschen Kriegsgefangenen in den USA Gefangene im goldenen Käfig - wissenschaft.de
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Die deutschen Kriegsgefangenen in den USA

Gefangene im goldenen Käfig

Im Frühjahr 1943 kapitulierte die Heeresgruppe Afrika in Tunesien – mehr als hunderttausend Soldaten gerieten damit in amerikanische Gefangenschaft. Die betroffenen Soldaten konnten mit guten materiellen Bedingungen rechnen – und sie gehörten meist zu den ersten, die nach Kriegsende freigelassen wurden.

„Essen und Trinken schmeckt auch, ist sehr gut und reichlich. Deshalb braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen, so ein Essen wie wir es bekommen, kann sich der reichste Mann nicht erlauben“, schrieb ein Obergefreiter der Wehrmacht im Juli 1943 aus Louisiana an seine Mutter in Deutschland. Ähnlich begeistert berichteten viele der über 371000 deutschen Soldaten, die zwischen 1942 und 1946 in den Vereinigten Staaten als Kriegsgefangene interniert waren, von ihren ersten Eindrücken aus Amerika. Nach den Entbehrungen an der Front und in den provisorischen Lagern nach der Gefangennahme reagierten viele auf die gute Unterbringung, die modernen sanitären Anlagen und die reichliche Verpflegung in den Hauptlagern auf amerikanischem Boden mit einer Mischung aus fassungslosem Erstaunen und heller Begeisterung. Offizieren wurde der Sold bis Anfang Juni 1945 weitergezahlt, und der Rest der Gefangenen erhielt in dieser Zeit neben ihrem Arbeitslohn eine freiwillige Zahlung in Höhe von zehn Cent pro Tag von den Amerikanern, so daß sie in den Lagerkantinen etwa Zigaretten, Bier oder Toilettenartikel kaufen konnten. „Ich wünschte, ich könnte Dir was davon abgeben“, schrieb ein Unteroffizier im November 1943 nach Hause: „Du könntest schwelgen in den feinsten Sachen! Ich bin wirklich in einem goldenen Käfig.“ Wie kein anderer Staat waren die USA während des Krieges bemüht, die Bestimmungen der Genfer Konvention von 1929 zu erfüllen. Entsprechend wurden die deutschen Prisoners of War (POWs) bis Mai 1945 wie die amerikanischen Soldaten in den USA untergebracht und verpflegt. Die erste größere Gruppe, die im Land eintraf, waren rund 135000 Angehörige der Heeresgruppe Afrika, die Anfang Mai 1943 in Tunesien kapituliert hatte. Zu ihnen gesellten sich einige Zehntausend, die in Italien und auf See in Gefangenschaft geraten waren, sowie von Juni 1944 an etwa 182000 Soldaten, die sich nach der Invasion in Frankreich den alliierten Truppen ergeben hatten. Zusätzlich wurden noch über 51000 italienische sowie mehr als 5400 japanische Soldaten während des Krieges in die USA gebracht.

Diese Männer wurden durch ein Kriegsgefangenenwesen verwaltet, in dessen Zentrum der Provost Marshal General (PMG) des Heeres stand – als Chef der Militärpolizei und Aufsichts- und Koordinierungsstelle für die über 20 ebenfalls beteiligten Armee- und Regierungsstellen. Er hatte mit einem ständigen Mangel an auch nur halbwegs tauglichem Wachpersonal zu kämpfen und beschwerte sich bereits im März 1942, daß sein Bereich alle Rekruten bekommen würde, die „moralisch und körperlich verkrüppelt“ seien. Viele Kommandeure teilten seine Einschätzung und bezeichneten die Wachen in den Lagern in der Folge als „Ausschuß“ oder „üblichen Überhang an Psycho-Neurotikern und schlecht disziplinierten Soldaten“.

Die Kriegsgefangenen wurden nach Amerika gebracht, um die alliierten Truppen in Afrika und Europa von ihrer Bewachung und Versorgung zu entlasten, aber auch, um den Mangel an Arbeitskräften in den USA zu lindern. Nach der Genfer Konvention konnten körperlich taugliche Mannschaftsdienstgrade zur Arbeit verpflichtet werden, sofern diese nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit den Kriegsanstrengungen stand, gefährlich oder gesundheitsschädlich war. Unteroffiziere waren lediglich zu Aufsichtsarbeiten verpflichtet, während Offiziere nicht für die Gewahrsamsmacht zu arbeiten brauchten, sich aber wie die Unteroffiziere auch freiwillig melden konnten.

Die Mehrheit der Kriegsgefangenen arbeitete für die U.S.-Streitkräfte, zum Beispiel in Wäschereien und Depots, als Bürokraft, Handwerker und in den Küchen und Messen der Stützpunkte. Im zivilen Sektor wurden sie vor allem in der kommerziellen Landwirtschaft eingesetzt. Entsprechend wurden die ersten Lager im agrarisch geprägten Süden und Südwesten des Landes eingerichtet, wo sich auch zahlreiche Militärstützpunkte befanden und das milde Klima die Betriebskosten niedrig hielt. Im Rahmen der „contract work“ für Zivilisten ernteten die Gefangenen Baumwolle, Mais, Zuckerrohr, Getreide und Obst oder arbeiteten in der Holzwirtschaft. POWs wurden auch bei der Verarbeitung von Lebensmitteln, vor allem der Herstellung von Konserven, sowie in einer Fülle weiterer Tätigkeiten beschäftigt. Die zivilen Arbeitgeber mußten für die POWs den ortsüblichen Lohn an den Staat abführen. Unabhängig von dessen Höhe erhielten die Gefangenen 80 Cent am Tag, seit April 1944 konnten sie diese Summe durch Akkordzuschläge bis auf 1,20 Dollar steigern.

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Die Lage der ersten Camps in dünn besiedelten und schwach industrialisierten Regionen trug auch den anfangs starken Sicherheitsbedenken Rechnung. Außerhalb der Lager bewacht man die Gefangenen zunächst streng, was jedoch ihren Einsatz behinderte, da nicht genügend U.S.-Soldaten zur Begleitung vorhanden waren. Die Wende kam erst mit der im Februar 1944 verkündeten Politik des „kalkulierten Risikos“: Nun wurde die Bewachung der Gefangenen bei Arbeitseinsätzen deutlich reduziert. Waren im Februar 1944 nur etwa 60 Prozent aller POWs, die für einen Arbeitseinsatz zur Verfügung standen, auch tatsächlich beschäftigt, so stieg dieser Anteil bis Ende Mai 1944 auf über 72 und bis April 1945 auf über 91 Prozent…

Literatur

Matthias Reiß, „Die Schwarzen waren unsere Freunde“. Deutsche Kriegsgefangene in der amerikanischen Gesellschaft 1942-1946, Paderborn 2002. Arnold Kramer, Die internierten Deutschen. „Feindliche Ausländer“ in den USA 1941–1947. Tübingen 1998.

Dr. Matthias Reiß

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