Kulturgeschichte der Zitrusfrüchte Goldene Äpfel der Hesperiden - wissenschaft.de
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Kulturgeschichte der Zitrusfrüchte

Goldene Äpfel der Hesperiden

Zitronen, Pomeranzen und Orangen haben die Phantasie derMenschen seit dem Altertum bewegt, galten sie doch als Symbole der Fruchtbarkeit, der Reinheit und des ewigen Lebens. In barockeSchlossgärten brachten Zitrusfrüchte den Duft der weiten Welt.Eine Ausstellung in Nürnberg präsentiert die „Früchte der Verheißung“ in Kunst und Kultur.

Im Jahr 1708 veröffentlichte der Nürnberger Kaufmann Johann Christoph Volkamer den ersten Band seines „Hesperidenwerks“. Einen besseren Lokalpatrioten hätte man sich in der damaligen freien Reichsstadt kaum wünschen können: Nürnberg, rühmte Volkamer in seinem Vorwort, sei die „wohl gelegenste“ und „am schönsten gebauteste“ Stadt im ganzen „teutschen Reich“. Auch die „Kunst- und Lustgärten“ seien nicht nur zahlreich, sondern auch „auserlesen schön und anmutig“.

Volkamers „Hesperidenwerk“ richtete sich aber längst nicht nur an das Publikum in seiner Heimatstadt, und auch aus heutiger Sicht ist es lohnenswert, sich damit zu beschäftigen: Die beiden Bände enthalten, so Iris Lauterbach im Katalog zur Nürnberger Ausstellung, die erste systematische Beschreibung der Gattung Citrus überhaupt – der „schönsten Zierde des Gartenwesens“, wie Volkamer schreibt. Auf über 250 Tafeln sind die „Früchte der Verheißung“ detailgetreu abgebildet. Kombiniert sind diese Dar‧stellungen der Früchte stets mit Veduten von Städten und Gärten. Dabei beschränkte sich Volkamer nicht auf Nürnberg, sondern er nahm in sein nach den Hesperiden der griechischen Mythologie benanntes Werk auch Ansichten aus zahlreichen italienischen Gärten der Zeit auf. Dies verleiht Volkamers „Hesperidenwerk“ neben seiner botanischen Bedeutung zugleich einen „hohen topographischen Dokumentationswert“  (Iris Lauterbach).

Die Hesperiden hüteten der Legende zufolge zusammen mit dem 100-köpfigen Drachen Ladon jenseits des „westlichen Ozeans“ einen Garten mit goldenen Äpfeln, dessen Früchte den Göttern der griechischen Antike ewige Jugend verliehen. Diese goldenen Äpfel wurden in der frühen Neuzeit mit Zitrusfrüchten gleichgesetzt. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb sich Zitronen, Pomeranzen und Orangen auch in mitteleuropäischen Gärten so großer Beliebtheit erfreuten. Zu der mythologischen Bedeutung kamen der betörende Duft ihrer Blüten und die strahlende Farbigkeit ihrer Früchte. Doch der Import von Zitruspflanzen war teuer, und im kalten mitteleuropäischen Klima bedurften sie nicht nur einer aufwendigen Pflege, sondern zugleich eines besonderen Schutzes im Winter – sie be‧nötigten im wahrsten Sinne des Wortes ein Dach über dem Kopf. So entstanden die ersten Orangerien. Das konnten zunächst noch einfache Konstruktionen sein, die im Sommer wieder abgebaut wurden. Doch bald übernahmen diese Orangerien nach dem Vorbild von Versailles auch repräsentative Funktionen. Im Winter waren sie Aufbewahrungsort der Zitrusfrüchte, im Sommer boten sie der höfischen Gesellschaft lichte, dem Garten zugewandte Festräume.

Zitrusfrüchte gab es nicht nur in herrschaftlichen Gärten. In Nürnberg wollten die reichen Kaufleute auf solchen Glanz ebenfalls nicht verzichten. Schon im Mittelalter hatten sie damit begonnen, Gärten außerhalb der Stadtmauern anzulegen, die sich am Vorbild des Adels orientierten. Zwar waren sie in ihren Ausmaßen bescheidener, doch die Grundstrukturen inklusive der dann seit Renaissance und Barock unverzichtbaren Skulpturen waren die gleichen. Und so wie die Adligen Zitrusfrüchte in ihren Gärten aufstellten, wollten auch die Nürnberger Kaufleute welche haben. Bis heute sind einige dieser Anlagen erhalten.

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Die allegorische Verknüpfung der Zitrusfrüchte mit der Vorstellung von ewiger Jugend bzw. ewigem Leben findet sich auch in der christlichen Kunst. Bezugspunkt ist dabei der Apfel vom paradiesischen Baum der Erkenntnis. Dieser wurde zwar vielfach als Granatapfel dargestellt, doch wurden damit seit dem Mittelalter auch „schöne Früchte in der Farbe von Zitronen“ in eins gesetzt, so ganz konkret beispielsweise der Etrog, eine grünliche Zitronatzitrone.

Darüber hinaus gibt es sogar eine tatsächlich „pomum adami“ (also Adamsapfel) genannte Zitrusfrucht. Eines aber mutet gleichwohl zunächst merkwürdig an: Wurden die Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben, weil sie, von der Schlange verführt, ihre Finger nicht von der verbotenen Frucht lassen wollten? Müsste der Adamsapfel daher nicht vielmehr ein Symbol des Todes sein? Ja – aber: Denn durch die Erlösungstat Christi wurde er zum „Lebensbaum im Endzeitparadies“ (Iris Lauterbach) verwandelt. Wenn also Jesus als Kind auf dem Arm Mariens eine Zitrusfrucht in Händen hält, ist dies noch die Todesfrucht, die er aber selbst durch sein Martyrium am Kreuz in ein Symbol des ewigen Lebens verwandeln wird. Die Interpretation geht sogar noch weiter: Indem Maria ihrem Kind die Frucht reicht, überwindet sie durch ihre Reinheit gleichsam die Schuld Evas. Und die Zitrusfrucht wird dadurch in Umkehrung der Bedeutung der verbotenen Frucht im Buch Genesis zu einem Symbol der Reinheit und der Unschuld…

Frucht der Verheißung. Zitrusfrüchte in Kunst und Kultur

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

19. Mai – 11. September 2011

Die Bedeutung der Zitrusfrüchte in Religion, Mythologie, Kunst und Alltag vom Mittelalter bis in die heutige Zeit ist das Thema dieser Ausstellung. Zu sehen sind hochrangige Gemälde von Giovanni Bellini über Francisco Zurbarán und Jean Nocret bis zu Wilhelm von Schadow und Otto Dix. Dabei werden neben Porträts, in denen Zitrusfrüchte vielfach allegorische Anspielungen darstellen, auch zahlreiche Stillleben zu sehen sein. Malerische Komposition und naturwissenschaftliche Betrachtung verbinden die Arbeiten Maria Sibylla Merians. Auch die Kupferstiche aus Johann Christoph Volkamers Werk „Nürnbergische Hesperides“ geben Zitrusfrüchte in ungewöhnlicher Detailtreue wieder und ermöglichen darüber hinaus einen virtuellen Besuch in den schönsten Gartenanlagen des frühen 18. Jahrhunderts.

Zu der Ausstellung erscheint ein reichillustrierter Begleitband mit einführenden Essays und zum Teil großformatigen Wiedergaben der ausgestellten Kunstwerke.

http://www.gnm.de

Uwe A. Oster

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