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Die Rückkehr der Kriegsfangenen 1945–1955/56

Heimkehr nach Ost- und Westdeutschland

Die Problem der Kriegsheimkehrer zählte neben der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen zu den wichtigsten Kriegsfolgen, denen sich die Nachkriegsgesellschaft beider deutschen Staaten zu stellen hatten. Auf je unterschiedliche Weise trat dabei eine Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Erinnerung zutage.

„Deutschlands Herz schlägt in Friedland“ – so oder ähnlich feierten westdeutsche Kommentatoren die Ankunft der letzten 9626 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion im Entlassungslager Friedland im Herbst 1955. Im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik nimmt dieses Ereignis seither einen herausragende Stellung ein: Mit der Rückkehr der „letzten Soldaten des Großen Krieges“ endete die unmittelbare Nachkriegszeit. Ihre Freilassung markierte auch einen der größten politischen Erfolge Bundeskanzler Adenauers, den die westdeutschen Wähler bei der Bundestagswahl 1957 mit einer in der bundesrepublikanischen Geschichte einmaligen absoluten Mehrheit für die CDU/CSU honorierten.

Die Begrüßung der Heimkehrertransporte aus der Sowjetunion zwischen September 1955 und Januar 1956 fiel enthusiastisch aus. Daß sich unter den letzten Kriegsgefangenen auch politisch höchst Kompromitierte wie der Auschwitz Arzt Carl Clauberg, die KZ-Wächter Gustav Sorge und Wilhelm Schubert oder der frühere Magdeburger Gauleiter Karl Jordan befanden, ging im Jubel über unter. Nicht zuletzt ausländische Proteste sorgten dafür, daß einigen dieser Heimkehrer noch in den späten 1950er Jahren vor westdeutsche Gerichten der Prozeß gemacht wurde.

In dem deutsch-sowjetischen Drama zur Abwicklung der Kriegsfolgen spielte die DDR nur einen untergeordneten Part. Moskau informierte Ost-Berlin erst, als die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen bereits beschlossene Sache war. Dementsprechend kühl fiel die offizielle Aufnahme der letzten Heimkehrer in der DDR aus, wohin immerhin 1336 von ihnen zurückkehrten. Das Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“ verlangte, daß sie ihre angeblichen Kriegsverbrechen öffentlich eingestehen müßten – danach stünde ihrer Mitwirkungen am „Aufbau des Sozialismus“ nichts entgegen. Trotz dieser Zusicherung hegten die SED-Oberen den rückkehrenden Kriegsgefangenen gegenüber allerdings ein beträchtliches Mißtrauen und ließen sie in ihren Heimatgemeinden von Stasi und Volkspolizei überwachen. Nach deren Berichten wurden die Heimkehrer dann aber auch in vielen ostdeutschen Gemeinden mit Blumen und Begrüßungszeremonien empfangen.

Die unterschiedlichen offiziellen Reaktionen in Ost- und Westdeutschland verdeutlichen, wie sehr sich die beiden deutschen Staaten auseinander entwickelt hatten. Beinahe zwangsläufig wurde die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen in dem sich verschärfenden Kalten Krieg symbolisch aufgeladen. Doch es gab auch Gemeinsamkeiten, standen doch beide Nachkriegsgesellschaften vor der Aufgabe, die ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Kriegsgefangenen als Staatsbürger in die jeweiligen Nachkriegsordnungen zu integrieren.

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Der Integrationsprozeß schloß über sozialpolitische Maßnahmen hinaus auch Deutungsangebote der Erfahrung von Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr ein. Diese veränderten sich im Verlauf des ersten Nachkriegsjahrzehnts deutlich. In Westdeutschland erschienen die seit Herbst 1946 aus der Sowjetunion zurückkehrenden Kriegsgefangenen zunächst als schwer traumatisierte Opfer. Das lag vor allem an ihrem ausgesprochen schlechten Gesundheitszustand. Die meisten waren entlassen worden, weil sie zu schwach oder zu krank waren, um die oft hohen Arbeitsanforderungen zu erfüllen. Nach bis zu siebenwöchigem Transport kamen sie erschöpft und völlig geschwächt in Deutschland an. Hunderte von ihnen starben noch in dem Entlassungslager Gronenfelde bei Frankfurt/Oder.

Dieser Umstand trug maßgeblich dazu bei, daß die Heimkehrer aus der Sowjetunion zum zentralen Bezugspunkt einer Haltung wurden, bei der man sich als die wahren Opfer von Krieg und Nachkriegszeit zu begreifen begann. Eine Vorreiterrolle bei dieser Konstruktion der ehemaligen Wehrmachtssoldaten als Opfer kam den christlichen Kirchen zu, doch erklärte im Frühjahr 1947 auch der SPD- Informationsdienst: „Die SPD ist der Meinung, daß die deutschen Kriegsgefangenen nicht Träger sondern Opfer des Hitler-Faschismus sind.“ Über solche Deutungsangebote versuchte die SPD nicht nur, sich von der SED in der sowjetischen Besatzungszone abzusetzen, sondern auch, sich über eine breite Koalition vom ehemaligen Widerstandskämpfer bis zum Kriegsveteranen eine sozialdemokratische Mehrheit im Nachkriegsdeutschland zu sichern.

Mit der zweifellos realen Leidenserfahrung in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft ließ sich allerdings auch der alliierte Schuldvorwurf zurückweisen, wie er zeitgleich im Rahmen des Nürnberger-Prozesses und in zahlreichen alliierten Kriegsverbrecher-Prozessen artikuliert wurde. So entrüstete sich beispielsweise die Mutter eines im Osten vermißten Soldaten in einem Brief an Kardinal Frings über den Zustand der heimkehrenden Kriegsgefangenen: „Ist das vielleicht eine bessere Behandlung wie im deutschen KZ? Im KZ waren die Menschen in der Gaskammer gleich betäubt obwohl es auch furchtbar und nicht schön war an Menschen so zu handeln. Aber was … der Russe, Tscheche, Pole mit den Deutschen [macht] ist viel schlimmer.“ In der Nachkriegsgesellschaft lief „Opfer-Sein“ allerdings nicht nur dem herrschenden Männlichkeitsverständnis, sondern auch den Anforderungen des Wiederaufbaus entgegen. Der Opferdiskurs war folglich ambivalenter, als die Forschung bislang annahm. Dies zeigte sich in der umfassenden medizinisch-psychiatrischen Literatur über die Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft. Die Diagnosen westdeutscher Mediziner und Psychiater konzentrierten sich auf eine neuartige „Heimkehrerkrankheit“, die in Anlehnung an den russischen Begriff „Dystrophie“ genannt wurde. „Dystrophie“ bezeichnete körperliche Ausfallserscheinung infolge von Mangelernährung in der Kriegsgefangenschaft, schloß aber auch eine breite Palette psychischer Symptome wie Apathie, Depression, Erregbarkeit und Leistungsminderung ein…

Dr. Frank Biess

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