Die Entstehung der Freimaurerei Initiation der Brüder - wissenschaft.de
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Die Entstehung der Freimaurerei

Initiation der Brüder

Niemand kann genau sagen, wann die Freimaurerei entstanden ist. Es gibt weder einen Gründer noch ein Gründungsjahr. Anlass zu Spekulationen gab immer wieder, dass die Freimaurer in der frühen Neuzeit eine Symbolik aufgriffen, die ihre Wurzeln auch in der mittelalterlichen Philosophie hatte. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Suger von Saint-Denis der erste Freimaurer war.

Bei der Freimaurerei handelte es sich offensichtlich zunächst um eine mündlich weitergegebene Tradition. So können allenfalls Dokumente aus späterer Zeit Rückschlüsse auf die Entstehung liefern. 1583 ernannte König Jakob VI. von Schottland William Schaw zum „King’s Master of the Works and General Warden of the Craft“ (heute würde man das wohl als „Minister für Bauangelegenheiten“ bezeichnen). Am 28. Dezember 1598 unterschrieb Schaw neue Statuten für die in Schottland neben den Zünften (incorporations) bestehenden Logen der Steinmetzen und Bildhauer. 1599 folgten weitere, ergänzende Statuten. In diesen werden drei Logen namentlich erwähnt: eine in Edinburgh (St. Mary’s Chapel), eine in Kilwinning (südwestlich von Glasgow) und eine in Stirling (nordöstlich von Glasgow); alle drei existieren bis heute.

Aus den Statuten geht hervor, dass die Logen permanente Organisationen waren, geführt von einem Warden (Aufseher) mit zwei Deacons (Diakonen oder „Schaffner“) als Hilfskräften zu seiner Seite; beide Funktionen gibt es in britischen Logen noch heute. Es gab drei Stufen von Mitgliedern: den Booked Apprentice (registrierten Lehrling), den Entered Apprentice (angenommenen Lehrling) und den Master Mason or Fellow of the Craft (Meister Steinmetz oder Mitgeselle des Fachs). Zum Erreichen der zweiten Stufe hatte der Kandidat in Anwesenheit einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern eine Prüfung zu absolvieren. Danach musste er für das traditionelle gemeinsame Essen aufkommen. Erst das Erreichen der dritten Stufe fand im Rahmen eines Rituals statt. Auch in diesem Fall bezahlte der Prüfling anschließend das Essen, zudem schenkte er den Meistern der Loge neue Handschuhe. All dies ist vergleichbar mit den Abläufen in einer heutigen Loge. So bestand in Schottland wohl bereits an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert eine funktionierende Freimaurerei.

Die Logen von Edinburgh und Kilwinning stritten darum, welche von beiden die ältere sei. Schaw vertrat die Meinung: Edinburgh. Später verlieh sein Nachfolger beiden Logen den Status time immemorial (ein technischer Ausdruck, der bedeutet, dass es niemanden gab, der sich an eine Zeit erinnern konnte, in der eine der beiden Logen nicht bestanden hätte). Wir können also wohl davon ausgehen, dass beide Logen mindestens seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bestanden.

Die Situation in London war vergleichbar. Die „[Free] Masons Company of London“ führt ihre Entstehung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts zurück. Leider ist ein Teil ihrer Archivbestände – vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1619 – (wahrscheinlich bei dem großen Stadtbrand von 1666) verlorengegangen. In einer der ältesten erhaltenen Quellen (nach 1619) wird ein Ritual at the making of masons (mason = Steinmetz) erwähnt, das als acception (Annahme) bezeichnet wird. Anders als in Schottland bildeten die so Aufgenommenen keine eigenständige Organisation außerhalb der Zunft, sondern eine interne Elitegruppe. Mitglied wurden nur die besten und erfahrensten Bildhauer und Baumeister, und zwar erst dann, wenn sie zuvor Meister oder mindestens Warden der Zunft gewesen waren.

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In der Freimaurerei reicht die Suche nach den Wurzeln aber teilweise sehr viel weiter zurück, bis in das 12. Jahrhundert. Der berühmte Abt Suger von Saint-Denis bei Paris (1081–1151) lernte über seinen Freund, den Philo‧sophen Pierre Abélard, die Schriften des sogenannten Pseudo-Dionysius kennen, eines unbekannten christlichen Autors des frühen 6. Jahrhunderts. Darin entdeckte Suger eine christlich-neuplatonische Lehre, auf deren Basis er zu dem Schluss kam, dass Gott das Universum nicht aus dem Nichts, sondern aus sich selbst geschaffen habe. Alle Materie sei daher materialisierte Gottheit. Und weil für den Neuplatonisten die wichtigsten Attribute Gottes Licht und Schönheit waren, wurde es Suger ein Bedürfnis, dass die Kirche seiner Abtei den Menschen diese göttlichen Eigenschaften zeigen sollte: Sie sollte den Licht- und Schönheitscharakter Gottes ausdrücken, weil jeder Stein und alle weiteren Elemente des Baus ein Teil der materialisierten Gottheit waren. Und genau so begann er 1137 mit Hilfe seiner Steinmetze und Bildhauer, die Kirche zu bauen. Es war die Geburtsstunde der Gotik, und Saint-Denis wurde die erste gotische Kathedrale.

Die Schönheit als göttliches Attribut begleitet die ganze Geschichte des Neuplatonismus, namentlich in der Metapher vom Menschen, der – wie ein Bildhauer – die Schönheit der Statue, die er selbst ist, perfektionieren solle, bis er Gott ähnlich geworden ist, so dass er Gott begegnen und mit ihm verschmelzen könne (unio mystica). Suger übertrug diese Metapher von Bildhauer und Statue auf Baumeister und Kirchengebäude. Auch die Verbindung von Lichtsymbolik und Bausymbolik stammt von ihm. Dies bedeutet freilich nicht, dass die Freimaurerei bereits kurz nach 1137 entstanden wäre. Erst Jahrhunderte später sollten vielmehr – unter völlig veränderten geistesgeschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen – Teile der damaligen Ge-danken aufgegriffen und adaptiert werden.

Die eingangs erwähnten Dokumente deuten darauf hin, dass die Freimaurerei in Großbritannien entstanden ist. Dafür musste freilich zunächst die Gotik dorthin gelangen, denn erst für den Bau der großen gotischen Kirchen benötigte man Bauhandwerker, die realisierten, dass das Material, mit dem sie arbeiteten, buchstäblich Gott selbst sei. So mochten sie sich auf eine gewisse Weise selbst als „Priester“ gefühlt und das Bedürfnis nach einer der Priester‧weihe vergleichbaren Initiation gehabt haben. So dienten Rituale der Kirche wie Taufe oder Priesterweihe wohl als Vorbild für die ersten freimaurerischen Initiationsrituale.

Die Freimaurerei ist eine Initi‧tionsgesellschaft. Das heißt: Ihre wichtigste Aktivität besteht darin, neue Mitglieder in die Gemeinschaft einzuführen; diese werden dann in weitere Grade befördert (siehe Seite 22). Um sich ein Bild der freimaurerischen Rituale zu machen, legt sich ein Vergleich mit den kirchlichen Ritualen nahe. Namentlich in der römisch-katholischen Kirche durchläuft fast jeder Gläubige im Lauf seines Lebens mehrere Initiationsrituale. Es beginnt mit der Taufe, dann folgen die Erstkommunion und die Firmung. Je nach gewähltem Weg folgt die Eheschließung oder die Priesterweihe (daran anschließend gegebenenfalls noch die Weihe zum Bischof). Am Ende des Weges steht für jeden gläubigen Katholiken die früher als Letzte Ölung bezeichnete Krankensalbung. Eine rituelle Abfolge gibt es auch in der Freimaurerei; sie reicht vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister, unter Umständen sogar noch zu weiteren, oft als „höher“ bezeichneten Graden…

Prof. Dr. Jan Snoek

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