Die deutschen Gefangenen des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangenschaft - wissenschaft.de
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Die deutschen Gefangenen des Zweiten Weltkriegs

Kriegsgefangenschaft

Millionen deutscher Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft, die allermeisten in den letzten Kriegsjahren, ja Kriegsmonaten. So sehr sich die Bedingungen ihrer Gefangenschaft unterschieden, so unterschiedlich war auch der Zeitpunkt ihrer Freilassung: die einen kehrten bald nach Kriegsende zurück, die anderen erst nach Jahren.

Die ersten deutschen Gefangenen des Zweiten Weltkriegs waren nicht Soldaten, sondern Zivilisten. Als „Feindstaatenausländer“ bezeichnet, hielten sie sich bei Kriegsbeginn auf dem „falschen“ Territorium auf; aus Sicherheitsgründen wurden sie verhaftet. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es üblich gewesen, sie entweder ausreisen oder gänzlich unbehelligt zu lassen. Im Ersten Weltkrieg glaubten dann alle Kriegsparteien, die „Feinstaatenausländer“ als Risiko für die militärische Sicherheit internieren zu müssen. Gleiches geschah im Zweiten Weltkrieg – in geringem Umfang bei Kriegsbeginn Anfang September 1939, vor allem aber nach Eröffnung der Feindseligkeiten im Westen. Im Laufe des Krieges wurde so insgesamt rund 23000 deutsche Männer und 4000 Frauen festgesetzt, vorwiegend auf der Isle of Man (Großbritannien), die auch im Ersten Weltkrieg Internierungszentrum gewesen war. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß es sich dabei oft keineswegs um deutsche Patrioten handelte, die man von Sabotage zugunsten ihres Vaterlands hätte abhalten müssen. Im Gegenteil, viele von ihnen waren deutsche Exilanten.

Deutsch-britisches Duell In der ersten Kriegshälfte – bis Mitte 1942 – gerieten nur wenige deutsche Soldaten in britische Gefangenschaft, vorwiegend Crews abgeschossener Flugzeuge und Besatzungen aufgebrachter Schiffe; zudem nach dem deutschen Angriff im Westen im Mai und Juni 1940 Heeresangehörige, die in Nordfrankreich oder Belgien gefangen genommen und über den Ärmelkanal nach Großbritannien verbracht wurden. Da den Deutschen allerdings allein beim Rückzug der Briten aus Frankreich (Frühsommer 1940) rund 44000 Briten in die Hände fielen, lag das Verhältnis der Kriegsgefangenen in der ersten Kriegshälfte mindestens bei eins zu vier zugunsten der deutschen Seite. Zwar handelte es sich dabei um relativ kleine Gruppen – vor allem im Vergleich zur späteren Gesamtsumme der Kriegsgefangenen –, doch besaß diese erste Phase insofern prägenden Charakter, als hier entscheidenden Weichenstellungen vorgenommen wurden. Das Kriegsgefangenenrecht war nämlich zu keinem Zeitpunkt ein abgeschlossener Kodex, sondern ein Rahmen, den es auszufüllen galt. Im Interesse der eigenen Staatsangehörigem im fremden Gewahrsam handelten die Kriegsparteien vor allem im Ersten, in geringerem Maße auch im Zweiten Weltkrieg Vereinbarungen über die Behandlung der Kriegsgefangenen aus.

Dazu gehörte etwa der Austausch von Kranken und Verwundeten. Im Ersten Weltkrieg hatten sich die kriegführenden Parteien noch darauf einigen können, Schwerkranke und Invalide in die Schweiz – in geringerem Umfang auch nach Norwegen und in die Niederlande – ausreisen zu lassen. Etwa 20000 Deutsche hatten so das Kriegsende in der Schweiz abwarten dürfen. 1939 erklärte sich die Schweiz erneut bereit, Kranke und Verwundete aufzunehmen, doch kam keine Einigung zustande. Zudem vermutete die deutsche Seite, die Schweiz wolle nur ihre leer stehenden Hotels füllen. Die Genfer Konvention sah allerdings noch eine zweite Möglichkeit vor, das Los der kranken und verwundeten Kriegsgefangenen zu erleichtern: den direkten Austausch zwischen den Kriegsparteien. Gemischte Ärztekommissionen wählten die Repatriierungskandidaten aus, in langwierigen Verhandlungen wurden die Modalitäten festlegt. Kurz bevor der Austausch im Oktober 1941 stattfinden sollte, erfuhr Hitler allerdings, daß rund 1200 heimkehrberechtigten Briten nur etwa 100 Deutsche gegenüber standen. Obwohl sich dieses Mißverhältnis daraus ergab, daß die Gruppe der deutschen und der britischen Gefangenen ganz unterschiedlich groß war, und obwohl die Genfer Konvention keine Parität vorsah, stoppte Hitler den Austausch. So trug er dazu bei, das deutsch-britische Verhältnis in Kriegsgefangenenfragen, das bis dahin von einer geschäftsmäßigen Routine bei gegenseitiger Achtung des Kriegsvölkerrechts geprägt war, deutlich zu verschlechtern.

Doch auch die britische Seite leistete ihren Beitrag zur Eskalation. Sie begann mit der Entscheidung, die deutschen Kriegsgefangenen von der Insel weg nach Ägypten, Australien und – vor allem – Kanada zu verlegen. In Erwartung einer deutschen Invasion wollte die Regierung Churchill die wertvollen Geiseln einerseits wohl verwahrt wissen und andererseits das Risiko eines Gefangenenaufstands hinter dem Rücken der britischen Streitkräfte ausschließen. Deutsche Proteste – schließlich bedeutete der Schiffstransport über den Atlantik eine massive Gefährdung der Gefangenen – fruchteten nichts.

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Den Höhepunkt der Eskalation bildete die „Fesselungskrise“. Bei einem Überfall auf die deutsch besetzte Kanalinsel Sark und bei der britischen Luftlandung im französischen Dieppe im August 1942 wurden deutsche Kriegsgefangene gefesselt – eine eindeutig kriegsvölkerrechtswidrige Maßnahme. Die deutsche Regierung forderte Aufklärung, insbesondere aber eine öffentliche britische Erklärung, künftig auf derartige Maßnahmen zu verzichten. Nach einer ersten konzilianten Reaktion griff Churchill ein; er bestritt den Sachverhalt, behielt sich aber gleichzeitig vor, Gefangene gegebenenfalls auch in Zukunft zu fesseln. Daraufhin kam es – bildlich gesprochen – zum Duell Hitler-Churchill. Vom 8. Oktober 1942 an wurden 1376 bei Dieppe gefangene Briten in deutschen Kriegsgefangenenlagern tagsüber gefesselt; die britische Regierung reagierte mit der Fesselung einer gleichgroßen Zahl von Deutschen. Daraufhin erhöhte die deutsche Seite auf das Dreifache. Zu Weihnachten 1942 beendete Großbritannien die Maßnahmen, erst im November 1943 wurden die deutschen Fesselungsbefehle stillschweigend außer Kraft gesetzt. Der Grund für den deutschen Kurswechsel lag in der militärischen Entwicklung in Nordafrika, wo den Angloamerikanern mit der deutschen Kapitulation erstmals deutsche Soldaten in größerer Zahl in die Hände gefallen waren, darunter viele unversorgte Verwundete. Nun zeigte auch die deutsche Seite ein Interesse an einem Verwundetenaustausch. Allerdings mußten dafür zuerst die Beziehungen „normalisiert“ und auf die Fesselung verzichtet werden. In der Folge gab es eine Reihe von Gefangenenaustauschen zwischen den Westalliierten und Deutschland (bzw. Italien), zudem einen inoffiziellen und einen offiziellen zwischen den Truppen des Freien Frankreichs und den Deutschen. Insgesamt tauschten die Alliierten und die Deutschen rund 20000 Menschen aus, darunter in erheblichem Umfang Zivilinternierte. Hinzu kamen in der Schweiz Internierte, die in Absprache zwischen Westalliierten und Deutschen in ihre Heimatländer entlassen wurden. Der letzte Gefangenenaustausch fand Anfang 1945 statt.

Die Fesselungskrise war die letzte öffentliche Auseinandersetzung zwischen der deutschen und der britischen Regierung während des Krieges. Die britische Regierung hatte verstanden, daß die deutsche Seite bereit war, radikalere Maßnahmen zu ergreifen als die britische vor ihrer Öffentlichkeit rechtfertigen konnte. Künftig beschränkte sie sich darauf anzukündigen, daß alle Kriegsverbrecher nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen würden.

Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in den Vereinigten Staaten entwickelte sich in enger Anlehnung an die britische Politik. Infolge der Kapitulation von Tunis waren in Nordafrika rund 250000 deutsche und italienische Soldaten in westalliierte Gefangenschaft geraten, von denen ein geringer Teil der Regierung des Freien Frankreichs unter Charles de Gaulle in Nordafrika zur Verfügung gestellt wurde. Diejenigen, die unter direkter amerikanischer Verantwortung verblieben, wurden in die USA verschifft.

Völlig anders entwickelte sich das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen im Osten. Von deutscher Seite wurde dieser Krieg willentlich außerhalb des Völkerrechts geführt, aber auch die sowjetische Regierung war trotz Druck seitens der Westalliierten nicht bereit, sich zur Haager Landkriegsordnung zu bekennen. Für die sowjetische Regierung waren kriegsgefangene Rotarmisten Verräter: Angeblich waren sie nicht in Gefangenschaft geraten, sondern hatten sich dorthin „begeben“.

Seinerseits wollte Hitler jedem deutschen Soldaten das Bewußtsein einimpfen, in sowjetische Gefangenschaft zu geraten sei schlimmer als der Tod. Er konnte dabei an das Bild von der russischen Gefangenschaft in Ersten Weltkrieg anknüpfen, das von den Berichten Elsa Brändströms und Edwin Erich Dwinger über grauenhafte Zustände und sadistische russische Verantwortliche geprägt war. Von den wenigen Deutschen, die bereits während des Vormarsches 1941 in sowjetische Gefangenschaft gerieten, überlebten nur wenige. Zum einen waren die Zustände chaotisch, zum anderen neigten die sowjetischen Fronttruppen auch in dieser Kriegsphase dazu, Gefangene, die ihnen auf dem Rückzug lästig waren, umzubringen. Die sowjetische Führung versuchte dem schon aus Eigeninteresse Einhalt zu gebieten: Zum einen waren Gefangene nachrichtendienstlich interessant, zum anderen bestärkten diese Morde die ohnehin geringe Neigung der deutschen Soldaten, sich zu ergeben.

Vor allem durch den Zusammenbruch der 6. Armee in Stalingrad stieg die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen von Winter 1942 an massiv an. Völlig entkräftet durch die eigene schlechte Versorgung und den monatelangen Kampf im Winter waren die deutschen Soldaten bei der Gefangennahme dem Tod näher als dem Leben. Sie trafen auf eine Gewahrsamsmacht, die weder mit so vielen Gefangenen noch mit einem derartig schlechten Gesundheitszustand gerechnet hatte. Völlig außerstande, sie angemessen unterzubringen und zu versorgen, ließ die Sowjetunion die Gefangenen mitten im russischen Winter in ungeheizten Unterkünften verkommen – im Frühjahr 1943 lebte nur noch rund ein Drittel von ihnen. Von diesen verstarb die Hälfte auf dem Transport in die rückwärtigen Gebiete der UdSSR. Letztlich kehrten von etwa 110000 deutschen Soldaten der 6. Armee nur rund 5000 heim; den Angehörigen der verbündeten Staaten – Italien, Rumänien, Kroatien –, die zusammen mit den Deutschen in Gefangenschaft gerieten, erging es nicht besser…

Literatur:

Günter Bischoff und Rüdiger Overmans (Hg.), Kriegsgefangenenschaft im Zweiten Weltkrieg. Eine vergleichende Perspektive. VMM, Ternitz 1998

Dittmar Dahlmann und Gerhard Hirschfeld (Hg.), Lager, Zwangsarbeit, Vertreibung und Deportation. Dimensionen der Massenverbrechen in der Sowjetunion und in Deutschland 1933 bis 1945. Klartext, Essen 1999

Deutsches Historisches Museum (Hg.), Kriegsgefangen. Berlin 1990 (Ausstellungskatalog)

Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Kriegsgefangene. Sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland. Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Düsseldorf 1995 (Ausstellungskatalog)

Andreas Hilger, Deutsche Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, 1941-1956. Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerung. Klartext, Essen 2000

Roland Kaltenegger, Titos Kriegsgefangene. Folterlager, Hungermärsche und Schauprozesse. Stocker Verlag, Graz 2001

Stefan Karner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941-1956. Oldenbourg, München 1995

Klaus-Dieter Müller u.a. (Hg.), Die Tragödie der Gefangenenschaft in Deutschland und der Sowjetunion 1941-1956. Böhlau Verlag, Köln 1998

Rüdiger Overmans, Soldaten hinter Stacheldraht. Deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs. Ullstein, München 2000

Arthur L. Smith, Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985

Dr. Rüdiger Overmans

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