August der Starke und Friedrich Wilhelm I. Männerfreundschaft in unruhiger Zeit - wissenschaft.de
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August der Starke und Friedrich Wilhelm I.

Männerfreundschaft in unruhiger Zeit

Obwohl es zwischen ihren Länder nicht wenige Streitpunkte gab und die beiden Monarchen selbst kaum unterschiedlicher hätten sein können, verband August den Starken von Sachsen-Polen und Friedrich Wilhelm I. von Preußen eine bemerkenswerte Freundschaft.

Es wäre Friedrich Wilhelm I. (geb. 1688) sicher niemals eingefallen bei einem Karnevalsumzug als Götterbote Hermes aufzutreten, wie dies August der Starke (geb. 1670) mit Wonne getan hat. Überhaupt waren Verkleidungen und höfischer Kleiderluxus seine Sache nicht.

Am liebsten trug er seine blaue Obristenuniform. Und Geld für eine aufwendige Hofhaltung auszugeben, das kam dem Preußen ebenfalls nicht in den Sinn; so wenig, wie er Sinn für Wissenschaften und Künste hatte. Was keinen realen Nutzen einbrachte, das galt diesem König nichts. Noch weniger konnte Friedrich Wilhelm I. mit dem Mätressenwesen Augusts anfangen. Auch wenn die kolportierten Zahlen seiner Geliebten und Kinder übertrieben sein mögen, so hatte August doch nachweislich Mätressen und uneheliche Kinder in stattlicher Zahl. Dem sittenstrengen und von pietistischer Frömmigkeit geprägten Friedrich Wilhelm mußte dies wie ein babylonischer Sündenpfuhl erscheinen.

Auch die Konfession trennte Friedrich Wilhelm und August den Starken. Um polnischer König zu werden, war der Kurfürst von Sachsen – immerhin dem Mutterland der Reformation – 1697 katholisch geworden. Ein solcher Schritt wäre für Friedrich Wilhelm undenkbar gewesen, auch wenn er in seinem Land religiöse Toleranz walten ließ und Katholiken ihre Gottesdienste abhalten konnten. August der Starke blieb trotz seiner Konversion Haupt des „corpus evangelicorum“, der Interessenvertretung der protestantischen Fürsten im Reich. Natürlich war dieser Anspruch nicht mehr unumstritten, und als der sächsische Kurprinz Friedrich August 1717/18 ebenfalls zum katholischen Glauben konvertierte und die habsburgische Kaisertochter Maria Josepha heiratete, da war es unter anderem Preußen, das Sachsen die Rolle als Hüter der protestantischen Religion streitig machte. Es gab aber auch überraschend viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Monarchen: In der Innenpolitik einte sie ihr Bestreben, den Einfluß von Ständen und Adel zurückzudrängen und statt dessen eine absolutistische Herrschaft durchzusetzen. Ebenso versuchten beide, die Verwaltung in ihrem Land zentralistisch zu organisieren. So schuf August der Starke mit dem „Geheimen Kabinett“ bereits 1706 eine Zentralbehörde, Friedrich Wilhelm gründete 1722 sein Generaldirektorium. Nun kann man einwenden, daß es sich dabei um typische landesherrliche Bestrebungen der Zeit handelt und damit noch keine persönliche Affinität verbunden sein muß. Doch auch solche gab es: Da ist einmal die enge Verbundenheit mit allem Militärischen. Diese wuchs sich bei Friedrich Wilhelm zur regelrechten Manie aus, doch auch August der Starke konnte sich am Anblick exerzierender Soldaten kaum sattsehen. Seine grandiosen Manöver waren Schauspiele, die in ganz Europa Bewunderung hervorriefen. Schon „in der zarten Jugend“, so August, sei ihm „das Soldatenwesen eingepflanzet“ worden. Wobei wiederum ein gewisser Unterschied nicht zu verkennen ist: Dem „Soldatenkönig“ diente die Armee als Beleg der preußischen Macht, bei August dem Starken wird man den Verdacht nicht los, daß sie für ihn vor allem ein weiterer Mosaikstein im Rahmen seiner höfischen Prachtentfaltung war, wobei auch diese im Barock zur Demonstration staatlicher Macht gehörte.

Zwar war Friedrich Wilhelm I. von Preußen das Gegenteil eines höfischen Genußmenschen, ihm gefiel die derbe Geselligkeit, wie er sie in seinem „Tabakskollegium“ pflegte und die einherging mit exzessivem Alkoholgenuß. Darin traf sich Friedrich Wilhelm wiederum mit August dem Starken. Gemeinsam gründeten die Beiden 1728 gar die „Gesellschaft gegen die Nüchternheit“. Gemeinsam war beiden Länder auch die hinzugewonnene Königswürde: 1697 wurde August der Starke König von Polen, 1701 Friedrich Wilhelms Vater König in Preußen. In Sachsen sah man den Aufstieg Brandenburg-Preußens mit bangen Gefühlen, war doch aus dem lange als Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches verspotteten Nachbarn mittlerweile eine respektable Macht geworden, eine ernstzunehmende Konkurrenz, die Sachsen in den Schatten zu stellen drohte.

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Angesichts dieser Gemengelage verwundert es nicht, daß die Beziehungen der beiden Staaten gespannt waren. Anders sah es mit der persönlichen Beziehung Augusts des Starken und Friedrich Wilhelms I. aus. Den Durchbruch hatte ein Besuch Friedrich Wilhelms in Dresden gebracht, dessen Vorgeschichte fast kurios zu nennen ist: Immer wieder wurde Friedrich Wilhelm I. von tiefen Gewissensnöten geplagt. Führte er wirklich ein rechtschaffenes, christliches Leben? Mußte er nicht Abbitte leisten für seine Verfehlungen? War die Welt nicht schlecht bis ins Mark? Besonders, wenn er es mit dem Alkohol besonders schlimm getrieben oder wieder einen seiner cholerischen Anfällen hatte, überkamen ihn solche Gedanken. In solcher Trübsal soll Friedrich Wilhelm im Winter 1727/28 daran gedacht haben, zugunsten des Kronprinzen abzudanken. Dieser Gedanke erschreckte sowohl den kaiserlichen Gesandten Friedrich Heinrich Reichsgraf von Seckendorf, der hoffte, aus Friedrich Wilhelms Bekundungen der Kaisertreue politisches Kapital ziehen zu können, wie auch den wichtigsten Ratgeber des „Soldatenkönigs“, Friedrich Wilhelm von Grumbkow, der im Falle einer Abdankung um sein Amt fürchtete. So schlugen sie Friedrich Wilhelm einen offiziellen Besuch bei August dem Starken in Dresden vor, von dem schon lange eine Einladung vorlag. Sollte August es nicht schaffen, den depressiven Preußen auf andere Gedanken zu bringen?

Äußerer Anlaß für den Reisezeitpunkt war der Karneval, der am Dresdner Hof mit großem Aufwand gefeiert wurde. Man machte den solche Festivitäten normalerweise ablehnenden „Soldatenkönig“ so neugierig, daß er das Spektakel selbst in Augenschein nehmen wollte. „Ich gehe am Dienstag nach Dresden“, schrieb er dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, „da werde ich so viel Neues wissen. Ich freue mich, in eine andere Welt zu kommen.“

Die Politik sollte bei dieser Reise keine Rolle spielen. Friedrich Wilhelm hob später sogar hervor, daß es ihm in Dresden gerade deshalb so gut gefallen habe, „da der König von Polen und ich uns einander das Wort gegeben haben, daß bei dieser Zusammenkunft von keinen Affären gesprochen werden sollte“. Der Besuch des „Soldatenkönigs“ bot dennoch die Möglichkeit, die beiden Monarchen einander menschlich näher zu bringen, um so vielleicht auch eine gewisse Entspannung der Beziehungen beider Staaten einzuleiten. Mißtrauen herrschte nicht nur auf sächsischer Seite, auch Friedrich Wilhelm hatte 1722 in einer Instruktion für seinen Nachfolger geschrieben: „Mit die Sachsen müsset Ihr Frieden halten, so lange sie wollen. Allianzen müsset Ihr nicht mit sie machen. Sie sind gut kaiserlich und falsch wie der Teufel, und wo Ihr Euch nicht vorseht, betrügen Sie Euch.“

Friedrich Wilhelm I. brach am 13. Januar 1728 zu seinem Besuch nach Dresden auf – ohne den Kronprinzen, der vergeblich darum gebeten hatte, mitzukommen. Erst als man in Dresden intervenierte, ließ der „Soldatenkönig“ seinen Sohn nachkommen. Der preußische König wurde in Dresden auf eigenen Wunsch nicht im königlichen Schloß oder einer anderen Residenz einquartiert, sondern im Palais des Grafen August Christoph von Wackerbart, des „General en chef über alle Truppen im Kurfürstentum“. Schon in der zweiten Nacht brach dort Feuer aus und er mußte in das Palais des Grafen Flemming umziehen, dem leitenden Minister Augusts des Starken. Über die Pracht beider Häuser war der „Soldatenkönig“ zutiefst erstaunt. Zu Flemming sagte er: „Als ich das Haus des Grafen Wackerbart betrat, glaubte ich im königlichen Schlosse zu Berlin zu sein; als ich in Ihr Haus kam, meinte ich im Paradiese zu sein.“ Das alles sei überhaupt nicht zu begreifen, schrieb der von diesem Glanz geblendete Preuße an seinen Freund Leopold von Anhalt-Dessau: „Ich glaube nicht an Goldmacherei, aber wenn es möglich ist, Gold zu machen, so macht es der König (von Polen)!“. Damit der Freund nicht auf falsche Gedanken kommen sollte, versicherte er ihm: „Was Karneval und Weltgetümmel ist, habe ich alles gesehen, aber kein Gusto (Gefallen) gefunden.“ Da hat sich Friedrich Wilhelm wohl etwas puritanischer gezeichnet, als er sich in Dresden gegeben hat. Denn augenscheinlich haben ihm die Feste sehr wohl gefallen: „Der König von Preußen vergaß gar bald seine Frömmelei, die ausschweifenden Gelage und der Ungarwein versetzten ihn wieder in gute Laune. Er schloß enge Freundschaft mit dem König von Polen“, so seine Tochter Wilhelmine in ihren Memoiren. Auch Friedrich Wilhelms erster Biograph David Faßmann, der sein Werk noch zu Lebzeiten des Königs veröffentlichte und bis 1731 in dessen Diensten stand, spricht davon, daß es in Dresden damals „sehr lustig zugegangen“ sei: „Die Lustbarkeiten betreffende, so war fast alle Tage Redoute (Maskenball mit Tanz), nur die Sonn- und Feyertage ausgenommen. Auch ist eine Opera gespielet worden, und an Comoedien hat es nicht ermangelt. Eine große Illumination, ein Fuß-Turnier, und ein Kampf-Jagen von wilden Tieren ist ebenfalls zu sehen gewesen.“ Friedrich Wilhelm selbst schrieb am 27. Januar 1728 an den Grafen Seckendorff: „Ich bin in Dresden und springe und tanze, ich bin mehr fatiguiret (erschöpfter), als wenn ich alle Tage zwei Hirsche tot hetze. Der König tut uns so viel Höflichkeit, das es nit zu sagen ist“…

Uwe A. Oster

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