Literatur-Nobelpreis für den britischen Premierminister Pathos war Churchills zweite Natur - wissenschaft.de
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Literatur-Nobelpreis für den britischen Premierminister

Pathos war Churchills zweite Natur

Am 10. Dezember 1953 zeichnete die Schwedische Akademie Winston Leonard Spencer Churchill „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“ mit dem Nobelpreis für Literatur aus.

Wenn die britischen Fernsehwähler im zurückliegenden Jahr ihren berühmten Staatsmann zum „größten Briten“ kürten, dann gewiß nicht wegen des Literaturnobel-Preises. Auch in vielen Biographien findet die Ehrung keine Erwähnung. Als prominentester Widersacher Hitlers und siegreicher Kriegspremier war Churchill so berühmt, daß der Nobel-Preis bei den vielen Auszeichnungen, mit denen er überschüttet wurde, unterzugehen drohte. Zeitgenössische Kritiker konnten sich denn auch des Eindrucks nicht erwehren, daß die neutralen Schweden nur einen Vorwand suchten, um Churchill wegen seiner staatsmännischen Verdienste zu ehren und sich damit gleichzeitig auf die Seite der Sieger zu schlagen. Ein trügerischer, wenn auch verständlicher Einruck, zumal Churchill selbst seine Zweifel hatte. „Ich hoffe sehr“, äußerte er in seiner Danksagung, „daß Sie recht daran getan haben.“ Schließlich hatte er nur einen Abstecher in die Belletristik vorzuweisen, einen in jungen Jahren verfaßten Abenteuerroman („Savrola“), der von der Kritik nicht allzu gnädig aufgenommen worden war.

Die schwedische Akademie hat ihre Entscheidung indes wohl begründet, indem sie Churchill auszeichnete für seine „meisterhafte Kunst historischer und biographischer Darstellung sowie für seine brillante Rhetorik im Zusammenhang mit der Verteidigung nobler menschlicher Werte“. Also waren auch seine in ihrem patriotischen Pathos unübertroffenen Reden im Jahre 1940, in denen er den Widerstandsgeist seiner Landsleute beschwor, in die Bewertung eingeflossen. Tatsächlich hat sich bei keinem Staatsmann im 20. Jahrhundert die große Tat so sehr in Wort und Schrift manifestiert. Churchill war wohl der letzte Politiker, der alle seine öffentlichen Äußerungen selbst formulierte, und zwar mit großer sprach-redaktioneller Sorgfalt. Hinzu kam die sprachlich ausgefeilt formulierte Rechenschaft über sein Tun in den beiden Weltkriegen – bewußt wartete die Akademie, bis der letzte von sechs Bänden seiner Memoiren zum Zweiten Weltkrieg vorlag. Churchill verstand es, seine durchaus subjektive Darstellung der Ereignisse in das Gewand objektiver Geschichtsschreibung zu hüllen. Man sagt, er habe sich die Sprache der großen in der Tradition der Whigs (der Liberalen) stehenden Historiker Gibbon und Macaulay zu eigen gemacht: England als Vorkämpfer der politischen Freiheit und des zivilisatorischen Fortschritts. Die Vorliebe für Superlative trifft jedoch auf Churchill selbst noch mehr zu als etwa auf seinen Vater Randolph Churchill oder seinen Vorfahren, den Herzog von Marlborough, die er in umfassenden Biographien, richtigen Heldenepen, der Nachwelt anempfahl. Er hat sie im Grunde alle übertroffen, obwohl er nur danach trachtete, ihnen ebenbürtig zu sein.

Churchill war Autodidakt, hatte nicht studiert, sondern sich in Sandhurst zum Kavallerieoffizier ausbilden lassen. Er hatte eine geradezu vormoderne, naiv-heroische Vorstellung vom Soldatenberuf: Als Kind galt seine Leidenschaft seinen Zinnsoldaten, als junger Mann nahm er an den letzten Kavallerieattacken teil, im ersten Weltkrieg meldete sich der Marineminister an die Front, nur um den Kriegsminister mit Verbesserungsvorschlägen zu bombardieren, als kaltgestellter Politiker zeichnete er mit Hingabe die Schlachten Marlboroughs nach, im Zweiten Weltkrieg konzentrierte er alle seine Kräfte auf die Kriegführung, bis zu den unscheinbarsten Aspekten der Heimatfront. Und doch wäre Churchill viel lieber als Friedensstifter denn als Kriegspremier in die Geschichte eingegangen.

Obwohl von Geburt und Erziehung ein spätviktorianischer Aristokrat war er doch stets seiner Zeit voraus. So hatte er schon bald nach dem Sieg über „die beiden auszurottenden Übel“ („Prussian Militarism and Nazi Tyranny“) für die Rückkehr Deutschlands in die europäische Völkerfamilie plädiert und in der Sowjetunion Stalins, dem Alliierten von gestern, den neuen Kerkermeister ausgemacht. Aber nach dem Tod Stalins 1953 schien ihm der Zeitpunkt für den Versuch gekommen zu sein, den durch das Nuklearwaffenarsenal so bedrohlichen Kalten Krieg zu überwinden. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß er, zum großen Entsetzen Adenauers, sogar bereit war, dem Sicherheitsbedürfnis Rußlands durch die Neutralisierung eines wiedervereinigten (!) Deutschlands entgegenzukommen. Wieder war er seiner Zeit voraus. Überzeugt, daß nur die wirklich Mächtigen imstande waren, weitreichende Entscheidungen zu treffen, setzte er seine Hoffnung darauf, die neuen Kremlherren durch die geschickte Gipfeldiplomatie des Westens zur Räson zu bringen. Doch Präsident Eisenhower und sein Außenminister John Foster Dulles, die die junge Bundesrepublik fest an den Westen binden wollten, waren für diese Initiative nicht zu haben. Selbst Anthony Eden, der eigene Außenminister und designierte Nachfolger, hielt die Gipfelstürmerei des Premiers für die Obsession eines alten Mannes. So ist erklärlich, warum Churchill den Nobelpreis am 10. Dezember nicht selbst entgegennehmen konnte: Eisenhower hatte kurz zuvor zu einer Gipfelkonferenz der drei westlichen Kriegsalliierten auf die Bermudas eingeladen. Dem konnte und wollte sich Churchill nicht entziehen, auch weil er hoffte, die Verbündeten doch noch zu einer groß angelegten Friedensoffensive überreden zu können. Nach der für ihn enttäuschenden Konferenz wollte er dann etwas ausspannen, um sich ganz von den Folgen eines Schlaganfalls zu erholen, der ihn nur wenige Wochen nach den aufregenden Krönungsfeierlichkeiten für die junge Elisabeth II bei einem Staatsbankett für den italienischen Ministerpräsidenten in Downing Street ereilt hatte. So ließ er sich in Stockholm von seiner Gattin und seiner Tochter Mary vertreten. Die von Clementine verlesene Dankadresse klang ganz so, als sei dem alternden Staatsmann in der Tat der Friedensnobelpreis und nicht der für Literatur verliehen worden. Vor dem Hintergrund der nuklearen Bedrohung stellte er „die bange Frage: Sind die Probleme der Welt unserer Kontrolle entglitten?”…

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Dr. Lothar Kettenacker

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