Militärische Infrastruktur unter dem römischen Adler Schwerter und Pflugscharen - wissenschaft.de
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Militärische Infrastruktur unter dem römischen Adler

Schwerter und Pflugscharen

Beinahe eine halbe Million Mann hatte Rom zu seinen Glanzzeiten unter Waffen. Die mussten verpflegt und ausgerüstet werden, man musste sie innerhalb des Imperiums verschieben bzw. auf Expeditionen jenseits der Grenzen schicken können. Eine Riesenherausforderung für die Logistiker.

Gegen Ende des Jahres 75 v. Chr. schien der große Pompeius am Ende. Er hatte sich im Jahr zuvor von Sulla zur Führung eines Unternehmens bewegen lassen, das wie ein Himmelfahrtskommando anmutete und an dem schon mehrere römische Militärs der ersten Garnitur gescheitert waren: Er sollte Spanien den Händen des Sertorius entreißen, der mit dem Diktator eine Rechnung offen hatte, seit Sulla einst seine Bewerbung um das Volkstribunat durchkreuzt hatte. Die Anhänger des 86 v. Chr. gestorbenen Marius, eines Vertreters der Volkspartei und Sulla-Opponenten, hatten Sertorius 83 v. Chr. als Statthalter nach Spanien entsandt. Als die Schreckensherrschaft der Marius-Anhänger in Rom noch im selben Jahr zusammenbrach, dachte Sertorius überhaupt nicht daran, seinen Machtbereich auf der Iberischen Halbinsel einfach preiszugeben. Stattdessen festigte er unverdrossen seine Herrschaft, auch dank tatkräftiger Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung. In Scharen waren ihm Spanier und römische Siedler als Soldaten zugelaufen.

Sertorius tat alles, um die Stellung seiner Gegner in Spanien unhaltbar zu machen. Er kontrollierte Verkehrswege und hinderte sie am Fouragieren, also daran, die Truppe mit Lebensmitteln zu versorgen. Vor allem warb er Piraten an, die den Nachschub aus Italien unterbanden und den Blockadering um Pompeius’ Truppen zur See hin schlossen. In der Stunde höchster Not schrieb Pompeius an den Senat: Er setzte dem ehrwürdigen Gremium detailliert auseinander, wie er seine 30000 Mann über die Alpen herangeführt, wie er eigens eine neue Straße angelegt, ganze Landstriche in Gallien unterworfen und Festungen überwunden hatte, um nach Spanien zu gelangen. Vorwurfsvoll verwies er auf den knappen Finanzrahmen, den ihm die Senatoren gesetzt hatten, auf das Ausbleiben jeglichen Nachschubs und das Versiegen seiner privaten Geldmittel, die für den Sold der Legionäre hatten herhalten müssen. Gelinge es nicht, den Feind in Spanien niederzuwerfen, so drohe ein Überspringen des Krieges nach Italien.

Dazu kam es nicht: Sertorius fiel schließlich einer Verschwörung in seinem eigenen Lager zum Opfer, und mit dem Nachfolger hatte Pompeius leichtes Spiel. Pompeius’ Hilferuf zeigt aber, dass auch der versierteste Feldherr – und das war Pompeius bei allen sonstigen Unzulänglichkeiten – ohne Nachschub an Soldaten, Material und Verpflegung keinen Krieg führen kann. Es war ohnehin, wie Pompeius zu Recht betont, eine beachtliche logistische Leistung, ein großes Heer durch unwegsames und teilweise feindliches Gebiet auf dem Landweg von Italien nach Spanien geführt zu haben. Für die Bewältigung solcher Herausforderungen war keine Armee des Altertums besser gerüstet als die römische.

Der Krieg zwischen Sertorius und Pompeius war charakteristisch für die unruhige Zeit der Bürgerkriege. Römische Soldaten standen in Spanien, wie auf so vielen anderen Schlachtfeldern, römischen Soldaten gegenüber. Strategie, Taktik, Ausrüstung, Drill, das Offizierskorps – all das war hier wie dort römisch. Auch wenn Einheimische unter den Feldzeichen des Sertorius dienten, sie kämpften und starben nach allen Regeln der Kunst wie römische Legionäre. Bis zum Untergang Karthagos im Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) standen Roms Legionen stets gleichwertigen oder sogar überlegenen Gegnern gegenüber. Immer wieder stießen große, geschlossene Verbände auf Heere, die ebenso aufgebaut waren. Und beide Seiten suchten die Entscheidung in der Feldschlacht.

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Doch lernten die Römer bereits andere Gegner kennen. 113 v. Chr. erschienen die Kimbern und Teutonen im östlichen Alpenraum und schlugen ein römisches Heer, das sich ihnen bei Noreia entgegenstellte, vernichtend. Jahrelang hielten diese mit dem Mut der Verzweiflung kämpfenden Völker in Waffen daraufhin die römischen Legionen in Atem. 20 Jahre nach Pompeius’ Krieg gegen Sertorius kämpfte Caesar in Gallien gegen den Sueben Ariovist, um den sich ein riesiges, ethnisch bunt zusammengewürfeltes Heer geschart hatte, das die Gefolgschaft einte und die Aussicht auf Beute und Land, die als Preis des Sieges winkten.

Gegner wie Ariovist oder die Kimbern und Teutonen suchten keine offene Feldschlacht; sie wichen jeder direkten Konfrontation aus, schlugen überraschend zu und zogen sich dann so geschwind zurück, wie sie gekommen waren. Caesar behielt in Gallien schließlich die Oberhand, doch war das römische Imperium fast überall – in Britannien, an Rhein und Donau, entlang der Steppengrenze Vorderasiens und der Wüstengrenze Nordafrikas – von Barbaren umgeben, die sich der Taktik des hit and run bedienten und immer wieder – siehe Arminius – spektakuläre Erfolge verzeichneten. Für ein Reich, das in der Mittelmeerwelt und ihren Randgebieten konkurrenzlos dastand, war der asymmetrische Krieg zum Normalfall geworden; große Armeen, die sich mit den Legionen Roms in offener Feldschlacht maßen, konnte allenfalls das Partherreich, der Nachbar und Dauerrivale im Orient, aufbieten…

Literatur: Theodor Kissel, Untersuchungen zur Logistik des römischen Heeres in den Provinzen des griechischen Ostens (27 v.  Chr. – 235 n. Chr.). St. Katharinen 1995. Jonathan Roth, The logistics of the Roman army at war (264 BC – AD 235). Leiden 1999. Lothar Wierschowski, Heer und Wirtschaft. Das römische Heer der Prinzipatszeit als Wirtschaftsfaktor. Bonn 1984.

PD Dr. Michael Sommer

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