Der Völkermord an den Herero und Nama Sie flohen von einer Wasserstelle zur anderen - wissenschaft.de
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Der Völkermord an den Herero und Nama

Sie flohen von einer Wasserstelle zur anderen

Seit 1884 war das heutige Namibia ein deutsches „Schutzgebiet“. Die neue Herrschaft führte jedoch zum Konflikt mit den traditionellen Lebensformen der ansässigen Bevölkerung, die sich 1904 gegen die Kolonisatoren erhob. Das deutsche Militär reagierte darauf mit unerhörter Härte.

„Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält tausend Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält fünftausend Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr [Geschütz] dazu zwingen.

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen deutschen Kaisers.“

Die Proklamation des deutschen Schutztruppenkommandeurs Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904 markiert den vorläufigen Höhepunkt des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Zwar präzisierte von Trotha seine Anweisung in einem Tagesbefehl dahingehend, zur Wahrung des guten Rufs der deutschen Soldaten sei der Befehl zum „Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen“, „daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen“, doch handelt es sich dabei nur um eine Beschwichtigung möglicher Kritiker. Seine Bemerkung, er „nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen“ werde, „keine männlichen Gefangenen mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeit gegen Weiber und Kinder“ ausarte – diese würden „schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinwegge?schossen“ werde –, war blanker Zynismus. Fortlaufen konnten sie nur in die Wüste, in das Sandfeld der Omaheke, an deren Saum die deutsche Schutztruppe stand, nachdem sie die flüchtenden Herero in das Trockengebiet getrieben hatte.

Was dies für die betroffenen Menschen bedeutete, entzieht sich wohl der Vorstellungskraft. Eine Ahnung geben die Augenzeugenberichte deutscher Offiziere, welche die Wehrlosen verfolgten: „[I]ch folgte ihren Spuren und erreichte hinter ihnen mehrere Brunnen, die einen schrecklichen Anblick boten. Haufenweise lagen die verdursteten Rinder um sie herum, nachdem sie diese mit letzter Kraft erreicht hatten, aber nicht mehr rechtzeitig hatten tränken können. Die Herero flohen nun weiter vor uns in das Sandfeld. Immer wiederholte sich das schreckliche Schauspiel. Mit fieberhafter Eile hatten die Männer daran gearbeitet, Brunnen zu erschließen, aber das Wasser ward immer spärlicher, die Wasserstellen seltener. Sie flohen von einer zur anderen und verloren fast alles Vieh und sehr viele Menschen. Das Volk schrumpfte auf spärliche Reste zusammen, die allmählich in unsere Gewalt kamen, Teile entkamen jetzt und später durch das Sandfeld in englisches Gebiet. Es war eine ebenso törichte wie grausame Politik, das Volk so zu zertrümmern, man hätte noch viel von ihm und ihrem Herdenreichtum retten können, wenn man sie jetzt schonte und wieder aufnahm, bestraft waren sie genug. Ich schlug dies dem General von Trotha vor, aber er wollte ihre gänzliche Ver?nichtung.“ Dem Berufsoffizier Major Ludwig von Estorff merkt man die Verstörung an. Er verabscheute den Massenmord, den er und seine Kameraden begingen, die Katastrophe, die sie anrichteten…

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Dr. Jürgen Zimmerer

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