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Kulturgeschichte der Corrida

Um nichts als Blut

Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset schrieb 1948, die Corrida sei nicht nur eine bedeutende Wirklichkeit in der spanischen Geschichte seit 1740. Vielmehr könne man die spanische Geschichte der Neuzeit gar nicht angemessen beschreiben, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein.

In der Tat spiegeln Stierkämpfe (corridas de toros) ein fundamentales Element der kollektiven Mentalität in diesem Land. Man kann die emotionalen Lebenswelten Spaniens kaum verstehen, wenn man sich nicht vor Augen führt, dass Stierkämpfe schon sehr früh zu einer Art nationalem Fest wurden. Vor diesem Hintergrund nimmt es wunder, dass die spanischen Universitäten lange Zeit keine Forschungsanstrengungen im Blick auf die Corrida unternahmen, ja diese beinahe systematisch ignorierten. Man hielt den Stierkampf einfach nicht für untersuchenswert. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind dann allerdings wichtige Arbeiten über die Stierkämpfe erschienen. Zudem haben in den letzten Jahren auch nichtspanische Wissenschaftler den Stierkampf als Untersuchungsgegenstand entdeckt.

Im Unterschied zu den meisten Wissenschaftlern interessierten sich spanische Literaten und Künstler schon sehr früh für die Corrida de Toros. Von den Malern sind vor allem Francisco de Goya und Pablo Picasso zu nennen. Einer internationalen Leserschaft hat vor allem Ernest Hemingway den Stierkampf nahegebracht. Der Schriftsteller war von der Corrida so fasziniert, dass er das Thema gleich in dreien seiner Bücher verarbeitete: „Fiesta“, „Tod am Nachmittag“, und „Der Unbesiegte“.

Das 18. Jahrhundert markiert in Spanien den Versuch, das Land im Zusammenhang mit der europäischen Aufklärung zu modernisieren. Auch die bis dahin traditionellen Stierkämpfe wurden von diesem Modernisierungsprozess erfasst und so dem neuen Zeitgeist des Jahrhunderts angepasst. Mit neuen Regeln und Rechten erhielten die Kämpfe eine veränderte Gestalt, die man als „protokapitalistisches Geschäft“ bezeichnen kann. Obwohl die Corrida de Toros sich auf sehr alte Ursprünge zurückführen lässt, hat sich ihre gegenwärtige Form demnach erst im 18. Jahrhundert herausgebildet – und zwar nicht als etwas Barbarisches oder Archaisches, wie heute gelegentlich vermutet wird, sondern als eine Erneuerung im Licht der europäischen Aufklärung.

Beim Stierkampf handelt es sich um eine Begegnung mit dem Tod, dem sicheren Tod des Stiers und dem möglichen Tod beteiligter Menschen. Im Folgenden wird nach den Gründen dafür gefragt, warum Spanien den wirklichen Tod zum öffentlichen Schauspiel und zu einem lebensfrohen Fest gemacht hat. Man könnte das Geschehen auch so interpretieren: Der Stierkampf inszeniert das Drama des Lebens als Fest. Dabei bilden aber nicht dessen Beginn oder seine Mitte den Höhepunkt, sondern die Glorie eines großen Todes. Ganz zweifellos ist die Corrida auch ein grelles Spektakel, in dem Blut, Leid und Tod eine tragende Rolle spielen, aber eben nicht nur das, sondern auch Kunst, Schönheit und Rhythmus. Viele Züchter vertreten heute die Auffassung, die Art und Weise, wie der Kampfstier lebe, sei ein Privileg. Bei dem Kampfgeschehen handle es sich um „eine Art Religion“, um ein „Opferritual“. Nicht so sehr der Tod des Stiers, sondern sein Leben und dessen Höhepunkt, nämlich das Verhalten des Tiers während der letzten großen Bewährung, stünden im Mittelpunkt dieser quasireligiösen Handlung. Es erinnert auch an religiöse Opferhandlungen, dass die toten Stiere nach Abschluss der Zeremonie zerlegt, gekocht und die garen Fleischstücke den Zuschauern zum Verzehr angeboten werden.

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Die genauen Ursprünge der Stierkämpfe, die gegenwärtig in Spanien so heftig umstritten sind, liegen bis heute im Dunkeln. Über viele Jahrzehnte nahm man an, dass die Stierkampf-Feste in der arabischen Welt ihren Anfang genommen hätten. Eine Analyse der einschlägigen mittelalterlichen Quellen zeigt jedoch, dass die Araber keinen Kontakt mit Stierkampfspielen hatten – bis sie im 8. Jahrhundert nach Spanien kamen. Es ist mithin anzunehmen, dass die spanischen Mauren den Stierkampf von den Christen übernahmen.

1776 formulierte Nicolás Fernández de Moratín, einer der wenigen Stierkampf-Anhänger unter den spanischen Aufklärern, in seiner „Carta histórica sobre el origen y progresos de las fiestas de toros en España“ („Historischer Brief über den Ursprung und die Fortschritte der Stierfeste in Spanien“) eine erste Theorie vom Ursprung der Corrida. Er formulierte zwei Doktrinen, die bis weit ins 19. Jahrhundert Gültigkeit behalten sollten: Der spanische Stierkampf war nicht römischen Ursprungs, sondern ein originär spanisches Phänomen, das aus der Jagd entstanden war. Sein Erscheinungsbild habe er aufgrund der Wildheit der spanischen Stiere und des Löwenmuts der spanischen Männer angenommen. Die Ersten, die solche Corridas veranstaltet und den Stierkampf zu einem Vorrecht des Adels und zu einer Frage der Ehre und Galanterie gemacht hätten, seien die Mauren von Granada, Córdoba, Sevilla und Toledo gewesen. Die Christen hätten diesen Brauch später von ihnen übernommen. Laut Moratín war der erste Edle, der einen Stier zu Pferd mit der Lanze bekämpfte, der sagenumwobene El Cid, der Held der Reconquista des 11. Jahrhunderts. Ende des 19. Jahrhunderts kristallisierte sich die These heraus, dass der spanische Stierkampf archaische, autochthon-iberische Wurzeln habe, also auf keinen fremden Kulturkontakt und keine Invasion zurückzuführen sei. Nach dieser „iberischen These“ dienten die Jagd auf Stiere und später der Stierkampf den Christen des Mittelalters bei turnierartigen Festen zur Kriegsertüchtigung.

Der Stier ist nicht irgendein Tier; er hat eine fast mythische Bedeutung. Viele alte Religionen nutzten das Motiv des Stiers als Symbol eines Ritus, der den besonderen Charakter des Todes kultisch zum Ausdruck bringen sollte. Wegen seiner körperlichen Kraft wurde der Stier schon in der Frühgeschichte des Mittelmeerraums als heiliges Tier verehrt. Nach der griechischen Mythologie verwandelte sich Zeus bekanntlich in einen Stier, um die phönizische Königstochter Europa zu entführen. Er zeugte mit ihr drei Söhne. Der Stier repräsentierte im Mittelmeerraum und in Mesopotamien das schöpferische, das befruchtende Prinzip; er galt als Träger und Überträger sexueller Potenz.

Der Glaube an die sexuelle Magie des Stiers hielt sich in Spanien zum Beispiel im Ritus des „Hochzeitsstiers“. Bis zur Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert brachten, vor allem in zahlreichen Dörfern der Extremadura, der Bräutigam und seine Freunde ein oder zwei Tage vor der Hochzeit einen an den Hörnern festgebundenen Stier zum Haus der Braut. Der Bräutigam stach dem Tier von der Braut geschmückte Stäbe in den Nacken, so dass Blut floss. Mit diesem Blut wurde die Schwelle des Hauses bestrichen oder das Leintuch des Brautbetts benetzt. Auf diese Weise übertrugen die Akteure symbolisch die Potenz des Stiers auf den Bräutigam und verwandelten die Braut in die Empfängerin seiner Zeugungskraft….

Dr. Katarzyna Stoklosa

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