Die Erde – eine Scheibe? Der Mensch im Zentrum der Welt? Wir wissen es heute besser, doch wir erleben es nicht. Vielmehr suggeriert uns der Blick in die Weite einer ebenen Landschaft bis heute die Scheibengestalt unseres Lebensraums. Die Auf- und Untergänge der Sonne sowie die tägliche Rotation des Sternhimmels machen uns glauben, tatsächlich im Zentrum des Universums zu stehen – fest und unverrückbar, während die leuchtenden Gebilde des Firmaments sich in gewaltigen Kreisen und unbekannter Distanz um uns bewegen.
So ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Versuche des Menschen, sich vor Jahrtausenden ein Bild der Welt als Ganzes zu entwerfen, den Geozentrismus hervorbrachten, die Lehre von der fest in der Weltmitte verankerten Erde. Jede Wissenschaft nimmt ihren Ausgang vom Augenschein. Dass die Wirklichkeit oft das Gegenteil dessen ist, was uns die Augen erkennen lassen, lernen wir erst in einem langen und mühsamen Prozess aufmerksamen Beobachtens und theoretischen Deutens. Da in den Anfängen zudem mythologische und religiöse Bilder noch eng mit den rationalen Erklärungsversuchen verbunden waren, entstand ein Gewirr von Vorstellungen, die uns heute oftmals geradezu abstrus anmuten. So sollte die Erdscheibe nach alten indischen Darstellungen auf dem Rücken von vier Elefanten ruhen, die ihrerseits auf einer gewaltigen Schildkröte standen. In Mesopotamien schwamm die Erdscheibe einfach auf einem riesigen Wasser, dem Ozean. Auch die älteren griechischen Philosophen, wie Anaximander (um 610 – 546 v. Chr.) lehrten noch die Scheibengestalt, ebenso wie die Texte der Bibel. Doch nicht mehr lange…
Noch in der griechischen Antike entwickelte sich die Erkenntnis einer kugelförmigen Erde. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) begründete die Kugelgestalt sogar schon mit Argumenten, die bis heute als zutreffend anzusehen sind. Er verwies auf die Tatsache, dass man bei herannahenden Schiffen stets zuerst die Segel und dann erst den Rumpf zu sehen bekommt, dass horizontnahe Sterne in südlicheren Ländern höher stehen und dass der Erdschatten bei einer Mondfinsternis immer rund erscheint. Nur eine Kugel vermag in jeder Lage einen runden Schatten hervorzubringen.
Bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. machte sich der griechische Mathematiker und Geograph Eratosthenes (um 276 – 194 v. Chr.) daran, den Umfang der kugelförmigen Erde zu bestimmen. Die Idee war genial und einfach zugleich. Eratosthenes wusste, dass die Sonne sich zum Sommeranfang in Syene (dem heutigen Assuan) in tiefen Brunnen spiegelt, das heißt im Zenit steht. Zur gleichen Zeit befindet sie sich im nördlich von Syene gelegenen Alexandria 7,14 Grad vom Zenit entfernt, wie durch Messungen belegt werden konnte. Eratosthenes zog daraus den Schluss, dass sich die Entfernung von Assuan bis Alexandria zum gesamten Erdumfang wie 7,14 Grad zu 360 Grad verhält. Die Distanz der beiden Orte ließ er durch Schrittzähler bestimmen und berechnete dann den Erdumfang mit 250000 Stadien. Damit ergab sich eine zutreffende Vorstellung von der Dimension der Erdkugel, die an Genauigkeit erst rund 2000 Jahre später übertroffen wurde!





