Gandersheim zählte im Mittelalter mit Essen und Quedlinburg zu den bedeutendsten Damenstiften des Reichs. Gründer des Stifts war der Sachse Liudolf, der Stammvater des ottonischen Herrscherhauses. Allerdings lebten die ersten Stiftsdamen zunächst im Kloster Brunshausen; erst 881 – 15 Jahre nach dem Tod Liudolfs – waren Kirche und Stiftsgebäude in Gandersheim selbst bezugsfertig. So wurde Liudolf auch zuerst in Brunshausen beigesetzt und erst später in die Gandersheimer Stiftskirche überführt. Das hölzerne Grab, das ihn als Stifter mit einem Modell der Stiftskirche zeigt, stammt aus der Zeit um 1290.
Drei Töchter Liudolfs amtierten nacheinander als Äbtissinnen und wurden wie andere Familienmitglieder in der Stiftskirche beigesetzt. So entwickelte sich Gandersheim zu einem bedeutenden Gedächtnisort der ottonischen Herrscherfamilie. Auch in salischer Zeit war das Damenstift eng mit dem Herrscherhaus verbunden. Danach verlor Gandersheim an Bedeutung und geriet zunehmend unter den Einfluss der Braunschweiger Herzöge, blieb aber reichsunmittelbar. Daran änderte auch die Reformation nichts: Als evangelisches Reichsstift blieb Gandersheim selbständig und Mittelpunkt eines eigenen kleinen Herrschaftsbereichs. Dazu gehörte stets auch das Kloster Brunshausen. Eine letzte Blütezeit erlebte das Gandersheimer Stift im 18. Jahrhundert unter der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, die über 50 Jahre lang regierte. Seine Reichsunmittelbarkeit verlor Gandersheim 1802, acht Jahre später wurde das Stift aufgelöst, sein Gebiet dem napoleonischen Königreich Westphalen einverleibt.
Als 1992 eine grundlegende Sanierung der Stiftskirche anstand, kam der Gedanke auf, die erhaltenen Schätze des ehemaligen Reichsstifts in dem Gotteshaus auszustellen. Aus dieser Anfangsüberlegung entstand bis 2006/07 das „Portal zur Geschichte Bad Gandersheim“. Neben der Stiftskirche gehören dazu das ehemalige Kloster Brunshausen und weitere historische Orte im Stadtgebiet. Geschichte wird dabei in dem Umfeld präsentiert, in dem sie sich abgespielt hat – mit originalen Exponaten, aber auch multimedial, und dies alles auf höchst anschauliche Weise.
Es ist empfehlenswert, den Besuch in der Stiftskirche zu beginnen. Der romanische Bau ist allein schon eine herausragende Sehenswürdigkeit; umso mehr wird er es durch die Schätze, die sich dem Besucher beim Rundgang erschließen. Die lange Kontinuität der Stiftsgeschichte wird an zwei Grabmälern sichtbar: zum einen an der erwähnten, schlichten Holzskulptur Liudolfs, zum anderen an dem prunkvollen Sarkophag der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen. Der Fürstenhut am Fußende zeigt, dass hier nicht nur eine Äbtissin, sondern zugleich eine Reichsfürstin beigesetzt ist. Und so präsentiert sich die Meininger Prinzessin auch auf einem Staatsgemälde, das in dem – bei Führungen zugänglichen – Kaisersaal zu sehen ist: mit Ordensband und kostbarem Hermelinmantel.




