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Anja Tack

DDR-Kunst: Repression und Eigensinn

dam0721bue16.jpg„Können Künstler in einem repressiven System kreativ sein?“ Diese Frage wurde noch vor kurzem an die DDR-Kunst gestellt und begleitet die deutsch-deutsche Kunstdebatte seit der Wiedervereinigung. Westdeutsche Maler wie Georg Baselitz hatten 1990 behauptet, in der DDR seien „Künstler zu reinen Propagandisten der Ideologie verkommen“. Während manche Ausstellungsmacher im Westen eine Nähe der ostdeutschen Kunst zu der des Nationalsozialismus suggerierten oder einschlägige Werke in den Depots verschwanden, sahen sich manche Künstler und Künstlerinnen als eigentliche Bewahrer humanistischer Werte im Angesicht eines von ihnen abgelehnten Westkapitalismus.

Anja Tack hat ein höchst lesenswertes und flüssig geschriebenes Buch über diesen „Bilderstreit“ herausgebracht, in dem es in Wahrheit um die Position des (bildenden) Künstlers in der Gesellschaft ging. Die gegensätzlichen Positionen stimmten dabei nicht unbedingt mit der Bruchlinie West  –  Ost überein, denn auch manche ostdeutschen Künstler teilten die Negativurteile und beklagten, die DDR-Avantgarde sei für Jahrzehnte ausgesperrt worden.

Die Autorin beschreibt zunächst die kunst- und kunstpolitischen Entwicklungen in Ost und West bis 1990. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug man in der bildenden Kunst in Ost und West verschiedene Wege ein. Während man im Westen die USA als Vorbild sah und die abstrakte Kunst – obwohl vom Publikum wenig geliebt – zum Inbegriff für Demokratie und Freiheit erklärte, beharrte man im Osten auf einer gegenständlichen Kunst im Dienst der sozialistischen Gesellschaft. Die Autorin analysiert differenziert und einfühlsam die Lebens- und Arbeitsbedingungen ostdeutscher Künstler zwischen Auftragskunst und Eigenständigkeit.

Besonders eindrücklich ist das folgende Kapitel, in dem Tack die Unsicherheiten, aber auch die massive Kritik der DDR-Kunstschaffenden im Vereinigungs-prozess schildert. Mit Skepsis blickten viele auf die neue Orientierung am „Marktwert“ der Kunst; man war „Hammer und Sichel im Nacken“ losgeworden, wollte aber keinen „Mercedes-Stern auf der Stirn“ tragen, so der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher. Hoffnungen auf eine vorurteilsfreie Begegnung des Westens mit ostdeutscher Kunstproduktion zerstoben. Auf der anderen Seite bot sich Künstlern, die in der DDR-Zeit unter Repressionen und Ausstellungsverboten gelitten hatten, im Sinne einer „nachholenden Gerechtigkeit“ nun die Chance, endlich von einem breiten Publikum wahrgenommen zu werden.

Unter vielen Ostdeutschen aber formierte sich Widerstand gegen die Kulturpolitik, man begehrte gegen einen „Kahlschlag“ im Kulturbereich auf, positionierte sich als Wegbereiter der „Friedlichen Revolution“ oder betonte die moralische Höherwertigkeit der eigenen Kunst. Bis heute tobt der Deutungskampf um ostdeutsche Kunst. Tacks vorzügliche Studie zeigt: Im „Bilderstreit“ ging und geht es um viel mehr als um Kunst, es geht um einen umfassenden deutsch-deutschen Verständigungsprozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist.

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Rezension: Dr. Heike Talkenberger

Anja Tack
Riss im Bild
Kunst und Künstler aus der DDR und die deutsche Vereinigung
Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 541 Seiten, € 54,–

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