Das Buch hält auf vielen Seiten Überraschungen bereit: So gab es etwa die Stunde Null nicht. Bis Mitte 1946 waren nicht nur Vertreibung und Polarisierung das Thema, Thum beschreibt eindringlich die „deutsch-polnische Kohabitation“ in einer als lang empfundenen Übergangszeit. Es war die polnische Regierung, die im November 1945 die Vorschläge des ersten neuen Bürgermeisters Drobner ablehnte, die Deutschen zu ghettoisieren oder zu kennzeichnen. Für Drobner mag dabei (von Thum nicht erwähnt) seine jüdische Herkunft den Vorschlag nahegelegt haben, für den Staat war die Ablehnung von NS-Modellen vorrangig, aber auch der Bedarf an deutschen Arbeitskräften, bis genügend Neusiedler und aus dem ehemaligen Ostpolen vertriebene „Repatrianten“ sie ersetzen konnten. Überraschend, aber durch eigene Forschungen vollauf bestätigt, ist auch der seltsame Umstand, daß sich nach der ersten Vergewaltigungs- und Plünderungswelle nicht selten Deutsche und Sowjets gegen die beiden wenig sympathischen Polen verbündeten – für Thum ganz richtig eine „unheimliche Freundschaft“. Leider handelt der Verfasser die Lage der Juden auf zwei Seiten eher oberflächlich ab – hier hätte er nämlich die Parallelität deutsch- und polnisch-jüdischer Einrichtungen problematisieren können.
Dafür geht er sehr behutsam mit dem Thema der Neuansiedlung um. Die angeblich dominante Zuwanderung aus Lemberg – ein neuer Mythos – reduziert er korrekt auf eine Oberschicht, die im Kulturleben, nicht aber in Verwaltung oder Politik eine Rolle spielte, während die Masse der Neu-Breslauer aus Zentralpolen kam, vom Land, was zu einer „Verdörflichung der Stadt“ führte. Der Umgang mit dem von den Deutschen zurückgelassenen Gut, dessen Verwertung zwischen Plünderung und Handel als szaber in den Sprachgebrauch einging, Demontage und Verfall, aber auch Wiederaufbau in schwieriger Zeit und in Konkurrenz mit Warschau schließen den ersten Teil des Buches ab.
Im zweiten geht es um „Gedächtnispolitik“, durch die die Stadt polonisiert wurde. Da der Begriff „Vaterland“ (ojczyzna) besetzt war, wurde die Rückkehr in ein bis dahin ungebräuchliches „Mutterland“ (macierz), also in eine eigentliche, ehemalige Heimat, propagiert. Die Propaganda war dabei nur äußerlich selbstsicher; eher kennzeichnete ein Gefühl der Unsicherheit die „Hauptstadt des Wilden Westens“, deren neue Bewohner sich auf eine emotionale Bindung zunächst nur schwer einließen. Bewundernswert der Umgang des Autors mit gefährlichen Parallelisierungen: Thum sieht die deutsche wie die polnische Propaganda „der gleichen Quelle – dem dumpfen Nationalismus“ – entspringen und erkennt dennoch die Differenz: in der deutschen Variante den Versuch, die NS-Vernichtungspolitik zu rechtfertigen, hier aber die „nachträgliche Rechtfertigung der von den Siegermächten … herbeigeführten Westverschiebung“. Die Diskursgestalter waren wieder einmal die Historiker – und wir finden eine Reihe von Beispielen, wie diese polnischen Historiker in populären Texten eine Meisterschaft in der invention of tradition entfalteten, den Bevölkerungsaustausch verschwiegen – und die wissenschaftliche Stadtgeschichte mit 1807, also vor Beginn der preußischen Reformen, enden ließen.




