Thum, Gregor Die fremde Stadt – Breslau 1945 - wissenschaft.de
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Thum, Gregor

Die fremde Stadt – Breslau 1945

Der Untertitel des Buches ist falsch: Es geht nicht etwa nur um die niederschlesische Hauptstadt in einer Stunde Null. Was Gregor Thum in seiner lesenswerten und (was besonders zu loben ist) lesbaren und spannend bebilderten Dissertation ausbreitet, ist eine kulturgeschichtliche Stadtgeschichte besonderer Art. Ausgehend von der primär von den Deutschen zu verantwortenden Zerstörung Breslaus in den letzten Kriegsmonaten, beschreibt er, wie die Stadt den nahezu totalen Bevölkerungsaustausch überstand – und wieder zu sich fand. Nach Andreas R. Hofmanns Buch „Nachkriegszeit in Schlesien“ (Köln 2000) gibt es nun für deutschsprachige Leser eine weitere Möglichkeit, die lokalhistorische Barriere von 1945 im ehemals deutschen Osten zu überwinden. Wer eine konventionelle sozialhistorische Abhandlung sucht, wird allerdings enttäuscht. Von Thum erhält man etwas weitaus Wichtigeres – eine einfühlsame Führung durch die menschlichen und kulturellen Probleme der Nachkriegszeit. Er beweist, daß man dafür keineswegs auf einen soliden wissenschaftlichen Apparat verzichten muß.

Das Buch hält auf vielen Seiten Überraschungen bereit: So gab es etwa die Stunde Null nicht. Bis Mitte 1946 waren nicht nur Vertreibung und Polarisierung das Thema, Thum beschreibt eindringlich die „deutsch-polnische Kohabitation“ in einer als lang empfundenen Übergangszeit. Es war die polnische Regierung, die im November 1945 die Vorschläge des ersten neuen Bürgermeisters Drobner ablehnte, die Deutschen zu ghettoisieren oder zu kennzeichnen. Für Drobner mag dabei (von Thum nicht erwähnt) seine jüdische Herkunft den Vorschlag nahegelegt haben, für den Staat war die Ablehnung von NS-Modellen vorrangig, aber auch der Bedarf an deutschen Arbeitskräften, bis genügend Neusiedler und aus dem ehemaligen Ostpolen vertriebene „Repatrianten“ sie ersetzen konnten. Überraschend, aber durch eigene Forschungen vollauf bestätigt, ist auch der seltsame Umstand, daß sich nach der ersten Vergewaltigungs- und Plünderungswelle nicht selten Deutsche und Sowjets gegen die beiden wenig sympathischen Polen verbündeten – für Thum ganz richtig eine „unheimliche Freundschaft“. Leider handelt der Verfasser die Lage der Juden auf zwei Seiten eher oberflächlich ab – hier hätte er nämlich die Parallelität deutsch- und polnisch-jüdischer Einrichtungen problematisieren können.

Dafür geht er sehr behutsam mit dem Thema der Neuansiedlung um. Die angeblich dominante Zuwanderung aus Lemberg – ein neuer Mythos – reduziert er korrekt auf eine Oberschicht, die im Kulturleben, nicht aber in Verwaltung oder Politik eine Rolle spielte, während die Masse der Neu-Breslauer aus Zentralpolen kam, vom Land, was zu einer „Verdörflichung der Stadt“ führte. Der Umgang mit dem von den Deutschen zurückgelassenen Gut, dessen Verwertung zwischen Plünderung und Handel als szaber in den Sprachgebrauch einging, Demontage und Verfall, aber auch Wiederaufbau in schwieriger Zeit und in Konkurrenz mit Warschau schließen den ersten Teil des Buches ab.

Im zweiten geht es um „Gedächtnispolitik“, durch die die Stadt polonisiert wurde. Da der Begriff „Vaterland“ (ojczyzna) besetzt war, wurde die Rückkehr in ein bis dahin ungebräuchliches „Mutterland“ (macierz), also in eine eigentliche, ehemalige Heimat, propagiert. Die Propaganda war dabei nur äußerlich selbstsicher; eher kennzeichnete ein Gefühl der Unsicherheit die „Hauptstadt des Wilden Westens“, deren neue Bewohner sich auf eine emotionale Bindung zunächst nur schwer einließen. Bewundernswert der Umgang des Autors mit gefährlichen Parallelisierungen: Thum sieht die deutsche wie die polnische Propaganda „der gleichen Quelle – dem dumpfen Nationalismus“ – entspringen und erkennt dennoch die Differenz: in der deutschen Variante den Versuch, die NS-Vernichtungspolitik zu rechtfertigen, hier aber die „nachträgliche Rechtfertigung der von den Siegermächten … herbeigeführten Westverschiebung“. Die Diskursgestalter waren wieder einmal die Historiker – und wir finden eine Reihe von Beispielen, wie diese polnischen Historiker in populären Texten eine Meisterschaft in der invention of tradition entfalteten, den Bevölkerungsaustausch verschwiegen – und die wissenschaftliche Stadtgeschichte mit 1807, also vor Beginn der preußischen Reformen, enden ließen.

Die Umgestaltung des Stadtraums 1945 geriet notwendigerweise zu einer Reihung von Skurrilitäten. Der Umgang mit Straßennamen, Denkmälern und ähnlichem folgte dabei Regeln, wie sie auch anderswo üblich waren. In Breslau aber wurde die Gotik zum Baustil der Piasten, des ersten polnischen Herr?scherge?schlechts, und damit zu etwas Polni?schem erklärt: Der Wiederaufbau erfolgte also oft als Regotisierung. Dem Barock gestand man immerhin zu, daß er über Habsburg nach Schlesien gekommen sei, also nicht über das in der Gedächtnispolitik stigmatisierte Preußen. Überhaupt war Preußen – mehr noch als der Nationalsozialismus – der propagierte Feind.

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Wie in so mancher deutschen Stadt gab es auch in Wroclaw/Breslau grobe architektonische Wiederaufbausünden, die vom Autor nicht unterschlagen werden. Inzwischen ist aber auch diese Phase Vergangenheit. Thum historisiert sie exzellent, indem er schreibt, daß der auf seine Kosten kommen werde, der „die Rekonstruktionen als das begreift, was sie sind – Zeugnisse vom Wiederaufbaupathos der fünfziger Jahre, von den ökonomischen Zwängen dieser Zeit und der Findigkeit der Architekten, mit ihnen umzugehen, schließlich Dokumente eines Traumes von der sozialistischen, egalitären Gesellschaft“.

Und er schließt sein Buch mit einem Ausblick auf die Zeit seit 1989. Die plump national mythisierende Propa?ganda sei eben nicht erfolgreich gewesen, die deutsche Vergangenheit sei dinglich „in der Sphäre des Privaten“ präsent geblieben, Deutsche würden nun nicht mehr im staatlichen Bedrohungskontext, sondern als Privatmenschen – Miteuropäer – wahrgenommen, ihre alten Gebrauchsgegenstände, Schilder, Epitaphe als ähnlich schick wie Lemberger Relikte hervorgeholt. Und es entwickle sich nun wieder etwas, was so lange gefehlt habe – das Gefühl, Bürger einer weltoffenen, selbstbewußten Stadt zu sein. Thum sieht dies symbolisiert in der heiß diskutierten Rückkehr zum alten Stadtwappen, das zuerst die Nationalsozialisten 1938 und dann die Polen 1948 durch nationalistische Reduzierungen ersetzt hatten.

Aber er wäre nicht er selbst, wenn er sich bei diesem Happy-End nicht fragen würde, „ob hier nicht einfach die alten, nationalen Mythen durch neue, europäische ersetzt werden“. Der Rezensent ist normalerweise nicht so schnell dabei, ein Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Hier aber kann man die Lektüre alten wie neuen Breslauern oder auch ganz einfach denen anraten, die erfahren wollen, wie man deutsch-polnische Geschichte ohne Polemik und ohne Beschönigung schreiben kann.

Rezension: Golczewski, Frank

Thum, Gregor
Die fremde Stadt – Breslau 1945
Siedler Verlag, Berlin 2003, 640 Seiten, Buchpreis € 32,00
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