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Jens Jäger

Die Modernität des Kaiserreichs

dam0121bue09.jpgNach langen Jahren des Desinteresses ist das Kaiserreich wieder gefragt. Im Gegensatz zu früher geht es nun weniger um seine innere Verfasstheit, seine fatale Außenpolitik oder die Kontinuität zwischen 1871 und 1933. Stattdessen steht, wie in dem Buch des Kölner Historikers Jens Jäger, die Modernität des Reichs und dessen Rolle im Prozess der Globalisierung im Mittelpunkt. Konkret bedeutet dies für Jäger, die Dynamik zu beschreiben, die fast alle Bereiche der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik erfasste. Damit nimmt er in sieben Abschnitten die andere Seite des janusgesichtigen Kaiserreichs in den Blick, die frühere Studien allzu oft vernachlässigt haben.

Zunächst zeichnet der Autor die Vielschichtigkeit der räumlichen und politischen Ordnung nach, beschreibt das ungeheure Bevölkerungswachstum, die atemberaubende Urbanisierung sowie die soziale Entwicklung. Gleichermaßen spannend zu lesen sind die Ausführungen über die Revolution des Verkehrs- und Transportwesens – von der Eisenbahn über den Straßenbau und die Einführung von Straßenbahnen und Omnibussen bis hin zum „Siegeszug des Fahrrads“.

Auch die „Geburt der modernen Mediengesellschaft“ ist im Kaiserreich zu verorten. Zeitungen, Bücher und Illustrierte, „Musik für alle“ durch die Entstehung der Phonoindustrie und erste Kinos begeisterten die Menschen nicht nur, sondern erlaubten ihnen die Teilnahme an Vergnügungen, die bis dahin kleinen elitären Zirkeln vorbehalten gewesen waren. Internationale Kooperationen – etwa beim Aufstieg der Frauenbewegung oder der Bekämpfung von Verbrechen –, Standardisierungen und Vereinigungen vernetzten das Reich, trugen aber auch dazu bei, im Guten wie im Schlechten, Nationalgefühl und Heimatbewegung zu fördern. Die Unterwerfung überseeischer Gebiete war Teil dieses Prozesses, wobei die Verbrechen an indigenen Völkern zu dessen dunklen Seiten gehören.

Die Gleichzeitigkeit all dieser Entwicklungen ermöglichte jene Modernität, um die viele die Deutschen beneideten. Die damit einhergehenden globalen Verbindungen trugen zugleich dazu bei, „Traditionen, Haltungen und Wissensbestände zu verändern“, soziale Ungleichheit abzumildern, aber auch die Bildung radikaler und extremer Überzeugungen zu fördern. Die Gemeinsamkeiten mit der Gegenwart sind unverkennbar. Allein schon wegen dieser Ähnlichkeiten lohnt die Lektüre des Buchs.

Rezension: Prof. Dr. Michael Epkenhans

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Jens Jäger
Das vernetzte Kaiserreich
Die Anfänge von Modernisierung und Globalisierung in Deutschland
Verlag Philipp Reclam jun., Ditzingen 2020, 259 Seiten, € 22,–

 

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