Friederike Hausmann Die Papsttochter - wissenschaft.de
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Friederike Hausmann

Die Papsttochter

dam0719bue06.jpgDer Untertitel „Glanz und Gewalt“ ist eine letzte Hommage an einen bizarren Mythos, der mit dieser lesenswerten Biographie über Lucrezia Borgia endgültig verabschiedet wird: Gewalt ist zwar Strategie und Markenzeichen des Borgia-Papstes Alexander VI. und seines Sohns Cesare, nicht jedoch seiner Tochter Lucrezia. Obwohl oder wohl eher weil es keinerlei belastbare Quellen zu ihrer Teilhabe am systematischen Terror der Borgia als Herrschaftsmittel gibt, hat ihr die Nachwelt alle nur denkbaren Schandtaten angedichtet, bis sie im 19. Jahrhundert zum Inbegriff der Femme fatale avancierte.

In der Biographie von Friederike Hausmann hingegen werden die für ein seriöses historisches Porträt Lucrezias verfügbaren Zeugnisse sorgfältig sowie mit besonnener Quellenkritik ausgewertet, und zwar mit der nötigen Annäherung, doch ohne Anbiederung an eine ebenso fesselnde wie fremde historische Gestalt.

Für die erste Phase von 1480 bis 1502, die überwiegend im Zeichen der Fremdbestimmung und Instrumentalisierung durch Vater und Bruder steht, ergeben sich dabei zwar keine wesentlichen neuen Gesichtspunkte, doch werden die Hypotheken und Chancen von Lucrezias späterem Leben als Schwiegertochter und Gattin eines Herzogs von Ferrara geschickt zusammengefasst. Es sind das Misstrauen gegenüber einem Papst, dessen miserabler Ruf sich nahtlos auf seine Nachkommenschaft übertrug, aber auch die Lektionen in pragmatisch-skrupelloser Politik, die sich die kluge Regentin Lucrezia an der Seite ihres überwiegend militärisch aktiven Mannes Alfonso vielfältig zunutze zu machen verstand.

In diesem neuen Beruf war die Exnepotin (als Papsttochter Begünstigte) sogar exemplarisch erfolgreich, vor allem in Sachen Bonifizierung (Vergütungen bei Geschäften), Gütererwerb und -verwaltung, aber auch als souveräne Organisatorin eines stilvollen Hoflebens mit renommierten Literaten und Gelehrten. Dies zeigen die Ausführungen der Verfasserin, die vor allem in der Darstellung von komplizierten Familienverhältnissen und -konflikten, aber auch in der von Festen und Zeremonien punkten.

Man kann darüber streiten, ob sich Freundschaften im affektiven Verständnis, die über die instrumentale Dimension wechselseitiger Unterstützung hinausgehen, in italienischen Hofgesellschaften der Renaissance nachweisen lassen, doch mindern solche Zweifel ebenso wie kleinere Ungenauigkeiten (Neapel und Sizilien waren seit 1458 kein gemeinsames Königreich mehr; Platina konnte den Einzug Martins V. in Rom nicht beschreiben, weil er 1420 noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte; die Chigi gehörten um 1500 noch nicht zu den römischen Baronalfamilien) den Wert dieser interessant erzählten Lebensbeschreibung keineswegs.

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Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt

Friederike Hausmann
Lucrezia Borgia
Glanz und Gewalt. Eine Biografie
Verlag C. H. Beck, München 2019, 320 Seiten, € 24,95

 

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