Weise, Niels Eicke. – Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS - wissenschaft.de
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Weise, Niels

Eicke. – Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS

Theodor Eicke gehörte von 1933/34 bis Kriegsbeginn zu den wichtigsten Mitarbeitern des Reichsführers-SS Heinrich Himmler. Eicke baute das KZ-System auf, das er bis 1939 als Inspekteur der Konzentrationslager leitete. Zugleich stand er für die Symbiose zwischen terroristischen und militärischen Organisationsteilen der SS, denn von 1939/40 bis zu seinem Tod 1943 führte er als Kommandeur die ursprünglich aus KZ-Wachen aufgestellte SS-Totenkopfdivision. Eicke war also mitnichten eine marginale Person im NS-System. Und doch liegt erst jetzt mit der Studie von Niels Weise die erste Monographie zu diesem SS-Führer vor.

Während Eickes spätere Funktionen gut erforscht sind, umrankten dessen Lebenslauf vor 1933/34 bislang zahlreiche Legenden. Weise konzentriert sich daher folgerichtig auf diese Periode, nimmt allerdings auch die Zeit danach in den Blick. Bereits in der sogenannten Kampfzeit nahm Eicke eine regional bedeutende und vor allem kontroverse Position innerhalb der SS im Südwesten Deutschlands ein.

Als Führer der 10. SS-Standarte in der Pfalz wurde er im März 1932 wegen Bombenbaus für einen möglichen nationalsozialistischen Staatsstreich verhaftet und verurteilt. Diese „Pirmasenser Bombenaffäre“ deckte nicht nur auf, wie umstritten die Legalitätsbeteuerungen Hitlers an der Basis seiner Bewegung waren, sondern verwies auch auf die zahllosen Streitigkeiten innerhalb von SS und NSDAP.

Hierzu gehörte Eickes Fehde mit dem Pfälzer NS-Gauleiter Joseph Bürckel, der seinen Kontrahenten nach der Machtübertragung an Hitler kaltstellte und in die Psychiatrie einwies. Wie Weise anhand der zum ersten Mal ausgewerteten Krankenakten zeigt, handelte es sich tatsächlich um ein politisches Manöver. Nach seiner Entlassung und quasi zur „Bewährung“ wurde der renitente Eicke 1933 von Himmler zum Kommandanten des KZ Dachau ernannt und in der Folge mit dem Aufbau des KZ-Systems betraut.

Die geschilderten Episoden bieten indes nicht nur ein anschauliches Bild von den Machtkämpfen innerhalb der NS-Bewegung, sie erlauben es darüber hinaus, exemplarisch Gründe für den Zusammenhalt in der SS zu analysieren. Eickes Selbstintegration in die SS resultierte aus der persönlichen Bindung an Himmler, auf den er seine Treuevorstellungen projizierte. Der Reichsführer-SS wiederum wusste diese zu nutzen, ohne sich allein darauf zu verlassen. Er kontrollierte Eicke durch „eine Mischung aus Drohung und Belohnung“. Seit 1933 setzte er ihn an neuralgischen Punkten seines sich entwickelnden Herrschaftsbereichs ein.

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Weise legt eine über die Person Eicke hinausgehende, aufschlussreiche, an manchen Stellen vielleicht etwas zu detaillierte Darstellung vor, die sowohl über die NS-Politik und ihr Beziehungsgeflecht vor 1933 aufklärt als auch über den inneren Zusammenhalt der SS durch persönliche Bindungen an Himmler.

Rezension: Prof. Dr. Jan Erik Schulte

Weise, Niels
Eicke. – Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, 456 Seiten, Buchpreis € 39,90
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