Kershaw, Ian Höllensturz – Europa 1914 bis 1949 - wissenschaft.de
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Kershaw, Ian

Höllensturz – Europa 1914 bis 1949

Ian Kershaw gehört international zu den herausragenden Zeithistorikern, bekannt geworden vor allem durch seine große Hitler-Biographie und seine brillante Studie über „Das Ende“ des „Dritten Reichs“. Das neue Buch umfasst die Entwicklung vom Ersten Weltkrieg 1914 bis zu den ersten Konturen des europäischen „Aufstiegs aus der Asche“ 1949 (so das Schlusskapitel). „Höllensturz“, der etwas pathetische Titel, passt zwar in erster Linie zu dem von Hitler und den Deutschen zu verantwortenden Zivilisationsbruch im Zweiten Weltkrieg, aber bereits das in seinen Dimensionen nie dagewesene Gemetzel des Ersten Weltkriegs in Europa veränderte alle bisherigen Vorstellungen von kriegerischen Konflikten.

Das Faszinierende an Kershaws Buch ist die gelungene Balance zwischen übergreifenden europäischen und spezifischen nationalen Besonderheiten der einzelnen europäischen Länder. So wird im Wechsel der Perspektiven etwa zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs veranschaulicht, wie ähnlich bzw. unterschiedlich die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Vor-aussetzungen für diesen Krieg waren, der zur „Urkatastrophe“ Europas im 20. Jahrhundert wurde. Aber schließlich galt: „Der Wille zum Krieg war, als es darauf ankam, stärker als der Wunsch nach Frieden.“ Die Anlage des Buchs folgt im Wesentlichen der Chronologie. Über die politischen und militärischen Abläufe hinausgreifend, hat der Autor im neunten Kapitel Querschnitte formuliert, die den gesamten Zeitraum umfassen und sich an vier „Säulen“ orientieren: Wirtschaft und Gesellschaft, Rolle der Kirchen, Positionen der Intellektuellen, die das Geschehen erlebten, aber auch mit gestalteten, schließlich Alltagskultur (unter dem hübschen Slogan „The show must go on“).

In diesem systematischen Teil ist die nur knappe Skizzierung berühmter Namen fast unvermeidlich, während in den vorangegangenen Kapiteln jeweils deutlicher der Fokus erkennbar ist, um den sich die Darstellung gruppiert: Dem „turbulenten Frieden“ mit der anschließenden kurzen Stabilisierungsphase folgten der allmähliche Zerfall der demokratischen und die Etablierung autoritärer Ordnungen in den meisten europäischen Ländern. Mit der Machtübernahme der Nazis und der deutschen Herrschaft über Europa in den Kriegsjahren wurde realisiert, was Kershaw als „Hölle auf Erden“ beklemmend beschreibt. Europa stand 1945 am Abgrund der Selbstzerstörung.

Die umfangreiche Bibliographie – entsprechend der englischen Vorlage wurde auf Anmerkungen verzichtet – zeigt, auf welch breiter Basis das Buch beruht. Leider wurden die thematischen Zwischentitel aus den Kapiteln nicht in die Inhaltsübersicht aufgenommen. Insgesamt ist dem Autor eine imposante und glänzend geschriebene Synthese gelungen, auf deren zweiten Teil, nämlich die eigentliche Nachkriegsgeschichte Europas, man gespannt sein darf.

Rezension: Prof. Dr. Christoph Kleßmann

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Kershaw, Ian
Höllensturz – Europa 1914 bis 1949
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016, 764 Seiten, Buchpreis € 34,99
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