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Lyndal Roper

Luther, der Antisemit

dam0522bue01_b.jpgDer Titel des Buchs bezieht sich auf einen Ausspruch des alten Luther: „Die Pest war ich, solange ich lebte; tot werde ich dein Tod sein, Papst.“ Das entstehende konfessionelle Luthertum versicherte sich durch dieses Wort seines Heros’, dass das Papsttum dem Untergang geweiht sei und die eigene, wahre Kirche schließlich obsiegen werde. Insofern steht es für eine offenkundig gescheiterte Hoffnung.

Das ungewöhnliche, auf Vorträgen beruhende Buch der renommierten Oxforder Historikerin Lyndal Roper verbindet den Reformator mit seinem vielfältigen und schillernden Nachleben. Die wohl wichtigsten Erkenntnisse ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Wittenberger, wie sie sie in ihrer vielgerühmten Luther-Biographie darlegte: Man wird nicht so einfach mit Luther fertig, er hat die deutsche Geschichte tiefgreifend und in höchst ambivalenter Weise beeinflusst, er war ungemein facettenreich, ja widersprüchlich – herrisch und herablassend, poetisch und trostreich, autoritär und anarchisch, selbstherrlich und selbstkritisch – und er war nur eines gewiss nie: langweilig.

Wichtige Aspekte ihres Zugangs zu Luther – die herausragende Bedeutung körperlicher Empfindungen und Ausdrucksweisen, die vielen Aspekte seiner Männlichkeit, die auch Cranach visualisierte, das Grobianisch-Polemisch-Agonale nicht als Neben-, sondern als Hauptmerkmal seiner Existenz, die psychischen Dispositionen und ihre eruptiven Ausdrucksmomente – durchziehen auch die sieben Kapitel dieses flüssig zu lesenden Buchs.

Doch der wohl wichtigste Abschnitt betrifft den „Antisemiten“ Luther. In seinem Judenhass, der – hier ist Roper unbedingt zuzustimmen – nicht als traditioneller „Antijudaismus“ relativiert werden kann, brechen wesentliche Momente seiner theologischen Existenz auf. In der hemmungslosen Anwendung von Fäkalsprache geht Luther deutlich über das hinaus, was er etwa an Abscheu gegen das Papsttum zu mobilisieren wusste. Seine Aufnahme der mit der „Judensau“ verbundenen Diffamierungsmotive setzte die Judenheit in einer Weise als Gruppe herab, die man nicht mehr mit einem primär religiös kodierten „Antijudaismus“ begrifflich erfassen kann.

Und seine Zweifel an der Lauterkeit der Motive taufwilliger Juden, ja die Marginalisierung der Taufe als Differenzmerkmal zwischen Christen und Juden, diffamierten und enthumanisierten die Judenheit in einer – so meine ich – „protorassistischen“, christlich-theologische Maßstäbe verlassenden, mithin häretischen Weise. Letzteres ist nicht Ropers Pointe; aus theologischer Sicht aber ist sie unvermeidlich.

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Zu diskutieren bleibt, ob Luthers Abscheu gegen die Juden in seiner Zeit so singulär war, wie Roper meint. In Bezug auf die sprachlichen Abgründigkeiten: ja. Aber vielleicht müsste doch der kontroverstheologischen Auseinandersetzung Rechnung getragen werden, denn der seinerseits antisemitisch agitierende Johannes Eck attackierte die Lutheraner als vermeintliche Judenfreunde. Dies dürfte Luther angespornt haben – in seinem offensiven Hass gegen die Juden wollte er sich, auch angesichts des göttlichen Gerichts, von niemandem übertreffen lassen.

Roper jedenfalls traut dem Luthertum zu, antiautoritär, politisch engagiert und diskussionsfähig mit seinen Traditionsbeständen umzugehen. Das ist ein hohes Lob, das verdient sein will.

Rezension: Prof. Dr. Thomas Kaufmann

Lyndal Roper
„Im Leben war ich Eure Plage“
Luthers Welt und sein Vermächtnis
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2022, 416 Seiten, € 32,–

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