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Hans-Lukas Kieser

Noch ein „Vater der Türkei“?

Der an der Universität Zürich lehrende Historiker Hans-Lukas Kieser legt eine politische Biographie über den in der Provinz Edirne geborenen Talât Pascha (1874  –1921) vor. Dieser war bisher vor allem als Hauptverantwortlicher des Genozids an den Armeniern bekannt. Bereits im Untertitel der Studie wird aber klar, dass er zudem als „Gründer der modernen Türkei“ angesehen wird. Damit durchkreuzt Kieser die gängige historische Erzählung, wonach nur Mustafa Kemal Atatürk diese Rolle zukommt.

Mehmed Talât, der als einfacher Postbeamter ohne Schulabschluss arbeitete, avancierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum führenden Mitglied des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt (KEF), das zahlreiche ethno-religiöse Gruppen in ihrer Opposition gegen die despotische Herrschaft Sultan Abdülhamids II. (1876  –1909) vereinigte. Während des zweiten Balkan-Kriegs putschte sich das KEF unter Führung von Talât Pascha im Februar 1913 an die Macht und führte das Osmanische Reich an der Seite des Deutschen Reichs in den Ersten Weltkrieg.

Ziel war nicht (mehr), den Vielvölkerstaat zu retten, sondern, einen homogenisierten türkisch-muslimischen Staat in Anatolien zu schaffen. Unter willfähriger Duldung der Deutschen konnte Talât dies als „den nationalen Überlebenskampf“ gegen die Armenier stilisieren. Talât war nach Kieser der Wegbereiter und Vater einer „nach-osmanischen Türkei mit einem radikal nationalistischen, aber undemokratischen Fundament“.

Der Autor zeichnet quellenreich nach, dass Talât Organisator und Architekt eines Zerstörungsprojekts war, an dem „nationale, regionale und lokale Instanzen“ bereitwillig teilnahmen und in Teilen profitierten. Kieser kommt damit das Verdienst zu, das Osmanische Reich am Vorabend des Ersten Weltkriegs als Faktor und Akteur von der Peripherie ins Zentrum europäischer Geschichte zu rücken. Seine Biographie Talâts wird dazu anregen, die nationalen Narrative kritisch zu hinterfragen und die Zentralität spätosmanischer politischer Praxis und vor allem des Genozids an den osmanischen Armeniern (und Assyriern) für die Gründung der modernen Türkei zu reflektieren.

Autoritäre, hierarchische und staatszentrierte Strukturen sind das toxische Erbe Talâts und – über alle politischen Lager hinweg – bis heute Teil der politischen Kultur der Türkei, einer Kultur, die, durch die nationalistischen (und zunehmend islamistischen) Haltungen bedingt, eine gewisse „Pluralitätsintoleranz“ befördert und damit den Prozess der Annäherung des Landes an die eigene dunkle Vergangenheit und nicht zuletzt die Demokratie immer wieder behindert.

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Rezension: Prof. Dr. Yavuz Köse

Hans-Lukas Kieser
Talât Pascha
Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern
Eine politische Biografie
Chronos Verlag, Zürich 2021, 440 Seiten, € 48,–

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